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Konventionelle Energie ist ein wesentlicher Teil der Energiewende - Politik und Unternehmen müssen Dialog auf Augenhöhe führen und vorurteilsfrei diskutieren

Die "Dunkelflaute" war das prägende Ereignis im Energiewinter 2016/17 - so gut wie keine Windkraft, keine Solarenergie und noch dazu große Kälte. Nahezu der gesamte konventionelle Kraftwerkspark musste ans Netz, um die Stromversorgung sicher aufrechtzuerhalten. Versorgungssicherheit ist wieder ein Thema. Stromerzeugung mit Gas und Kohle sowie für einige Jahre noch Kernenergie ist bis auf Weiteres die einzige Möglichkeit, das Energiesystem gegen Schwankungen der erneuerbaren Energien abzusichern. Dies ist in voller Übereinstimmung mit den politisch gesetzten Klimazielen möglich. Solche Schwankungen werden in Zukunft zunehmen, und es stellt sich die Frage, wie die zum Ausgleich erforderlichen konventionellen Kraftwerkskapazitäten vergütet werden, so dass die Betreiber sie auch vorhalten können.

Keine Gegensätze

Konventionelle Energie und die Energiewende sind dabei keine Gegensätze. Im Gegenteil - konventionelle Kraftwerke sind das Fundament, auf dem die Energiewende in wesentlichen Teilen beruht. Tritt eine Dunkelflaute auf, so kann die Stromproduktion der Windkraftanlagen und der Solarenergie über Tage oder Wochen wetterbedingt extrem gering sein. Wenn es dann noch kalt und der Energiebedarf hoch ist, gerät die Stromversorgung unter Druck. Im zurückliegenden Winter trat dies gleich mehrfach auf. Zeitweilig waren bundesweit weniger als 3 Gigawatt Sonne und Wind am Netz - weniger als 4 % der installierten Leistung bei einem Bedarf um die 70 Gigawatt!

Netzbetreiber sprachen von einer kritischen Situation. Sie konnte gelöst werden, weil es einen sehr flexibel einsetzbaren konventionellen Kraftwerkspark mit ausreichender Kapazität gibt. Er "fährt hoch", wenn Wind und Sonne ausbleiben, er drosselt wieder, wenn sich die Wetterlage verbessert. Dieser Mechanismus ist für die Versorgungssicherheit grundlegend - jedenfalls solange keine anwendbare und ökonomisch sinnvolle Technologie für Langzeitspeicher verfügbar ist.

Kohlekraftwerke stellen in Deutschland zurzeit fast 50 % der gesicherten Leistung. Für die Versorgungssicherheit sind sie also bis auf Weiteres nicht wegzudenken. Dass 2022 das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen wird, unterstreicht dies ebenso wie der Umstand, dass die Kraftwerke in unseren Nachbarländern nur sehr begrenzt zu unserer Versorgungssicherheit beitragen können, wenn es wirklich einmal knapp wird. Länder wie Frankreich oder Belgien haben selbst mit Engpässen im Erzeugungssektor zu kämpfen. Zudem sind die Kapazitäten der Kuppelleitungen begrenzt. Jüngste Analysen des europäischen Transportnetzverbands ENTSO-E bestätigen dies.

Kohlekraftwerke werden also bis auf Weiteres über Jahrzehnte eine tragende Rolle im deutschen Energiesystem spielen. Wie greift diese Tatsache zusammen mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien und der Erfüllung der Klimaschutzziele? An beidem arbeiten die Energieversorger seit Jahren intensiv und mit guten Erfolgen.

Integration der Systeme

Wichtig ist die Integration der Systeme. Das Zusammenspiel von Kohle und Erneuerbaren hängt von der Regelfähigkeit der Kraftwerke ab. Kohlekraftwerke sind sehr flexibel regelbar - moderne Braunkohlekraftwerke können ihre Leistung um bis zu 30 Megawatt pro Minute variieren, ein Wert, der mit modernen Gaskraftwerken vergleichbar ist. Allein das Rheinische Revier stellt mit seinen 10 000 Megawatt so dauerhaft über 5 000 Megawatt Flexibilität bereit, und das zu günstigen Kosten. Das ist rechnerisch mehr als genug, um die Einspeiseschwankungen aller geschätzt etwa 240 000 Fotovoltaikanlagen in Nordrhein-Westfalen (NRW) auszugleichen.

Mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien wird im Markt die laufende Stromproduktion im thermischen Kraftwerkspark weiter zurückgehen. Dafür tritt dann die Bereitstellung gesicherter Back-up-Kapazität mehr in den Vordergrund.

Weniger konventionelle Stromproduktion bedeutet weniger Brennstoffverbrauch und dadurch weniger Emissionen an Treibhausgasen. Die jährlich sinkende EU-weit einheitliche Emissionsobergrenze sorgt ohnehin dafür, dass die Klimaschutzziele sicher erreicht werden, und die Reform des Emissionshandels wird Anreize für einen "fuel switch" von der Kohle hin zum Gas setzen. In diesem Zusammenhang sind die Vorschläge der EU-Kommission zu begrüßen.

Es gibt schon lange einen Fahrplan für das Rheinische Braunkohlerevier, der im Einklang mit den europäischen und nationalen Klimaschutzzielen steht. 15 % CO2-Minderung werden bereits bis 2020 durch die beschlossene Sicherheitsbereitschaft erreicht. In Summe weitere 40 bis 50 % CO2-Minderung ergeben sich bis 2030 insbesondere durch die Stilllegung des Tagebaus Inden und des Kraftwerks Weisweiler, aber auch die geänderte Fahrweise der verbleibenden Blöcke und Maßnahmen zur Effizienzsteigerung spielen eine Rolle.

Nach 2030 wird die Entwicklung der Stromerzeugung mit Braunkohle abhängig vom weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien sein. Zur Versorgung der Kraftwerke stehen die Tagebaue Garzweiler und Hambach zur Verfügung, die planmäßig zur Mitte des Jahrhunderts ausgekohlt sein werden. Zu diesem Zeitpunkt sind dann nur noch die modernen BoA-Anlagen im Betrieb. Das gibt eine planbare Perspektive für die Braunkohle, die Region und die Beschäftigten.

Natürlich müssen Politik, Unternehmen und Sozialpartner sich um den Strukturwandel in den deutschen Braunkohlerevieren kümmern. Neue wirtschaftliche Perspektiven für die betroffenen Regionen sind ebenso erforderlich wie eine sozialpolitische Begleitung und eine Zukunft für die Beschäftigten. Immerhin geht es direkt und indirekt um zigtausende Arbeitsplätze und gute, sozial hochwertige Jobs bei den Energieunternehmen. Der wesentliche Baustein für eine neue Zukunftsperspektive der Menschen sind aber Investitionsanreize für die Unternehmen. Konventionelle Energietechnik bleibt Spitzentechnologie und muss es bleiben.

Steigender Strombedarf

Erstens ist der konventionelle Kraftwerkspark ein Schlüsselelement für die Sektorenkopplung. Beispielsweise zeigen Analysen der Fraunhofer-Gesellschaft, dass der Strombedarf über die Jahre weiter steigen wird - etwa im Verkehrssektor durch die Elektromobilität oder im Wärmemarkt durch die Stromheizung. Auch in der Industrie gibt es einen lang anhaltenden Trend, Fertigungsprozesse mit Elektrizität zu betreiben. Um den langfristigen Zusatzbedarf mengenmäßig zu decken, spielen erneuerbare Energien die Hauptrolle. Für die Sicherheit müssen jedoch regelbare Energieträger sorgen, Kohle und Gas. Es ist sinnvoll, hier technologieneutral in breiten Portfolien zu denken. Zweitens ist es nicht möglich, den konventionellen Kraftwerkspark über Jahrzehnte auf Verschleiß zu fahren. Er wird seinen Aufgaben für die Energiewende nicht gerecht, wenn es hier keine Innovationen mehr gibt - in neue Anlagen, in mehr Flexibilität, mehr Effizienz, mehr Umweltschutz.

Sektorenkopplung

Zugleich hat das Zusammenspiel von Kohle und erneuerbaren Energien jenseits der Versorgungssicherheit eine weitere innovative Perspektive, nämlich die stoffliche Nutzung der Braunkohle. Bei anhaltendem Zubau erneuerbarer Energien wird deren Stromproduktion den laufenden Bedarf immer öfter und immer massiver übertreffen. Wohin also mit den Überschüssen? Ein wichtiger Zukunftsaspekt der Sektorenkopplung besteht darin, Braunkohle mit der Wasserstoffwirtschaft zu kombinieren und so Chemierohstoffe zu gewinnen, die in puncto Klima- und Umweltfreundlichkeit attraktiv sowie wirtschaftlich wettbewerbsfähig sind.

Die Bundesregierung hat nach der Wahl im September eine herausfordernde Energieagenda abzuarbeiten. Der Klimaschutzplan 2050 sieht eine Folgenabschätzung der Klimaziele für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung vor, die bis 2018 vorliegen soll. Hinzu kommt, dass sich die Frage nach der Versorgungssicherheit und der ausreichenden Kraftwerksleistung drängender stellen wird. Die Energiewirtschaft hat hierzu mit dem Dezentralen Leistungsmarkt bereits in der laufenden Legislaturperiode einen anerkannt sinnvollen Vorschlag gemacht. Wichtig bei alledem ist, dass Politik und Unternehmen zu allen Fragen einen Dialog auf Augenhöhe führen und vorurteilsfrei diskutieren, was für unser Land am besten ist, um unseren Wohlstand nachhaltig zu sichern.

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Lars Kulik, Vorstand Ressort Braunkohle der RWE Power

Börsen-Zeitung, 01.04.2017, Autor Lars Kulik, Vorstand Ressort Braunkohle der RWE Power, Nummer 65, Seite B 3, 1073 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017065804&titel=Kohlekraftwerke-spielen-weiterhin-eine-tragende-Rolle
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