Redaktion

KOMMENTAR - FRANKREICH
Seit Sonntagabend ist klar: Front-National-Chefin Marine Le Pen und Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon werden in zwei Wochen nicht gegeneinander zur Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten antreten. Dieses Katastrophenszenario wurde verhindert.

Dennoch bereitet das Ergebnis große Sorgen. So hat zum einen der rechtsextreme Front National zum ersten Mal seit seinem Bestehen bei einer Präsidentschaftswahl mehr als 20 % der abgegebenen Stimmen eingefahren. Zum anderen haben mehr als 40 % der Wähler für extreme Kandidaten gestimmt, die der EU gegenüber feindlich eingestellt sind.

Bereits jetzt den Sieg von Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron zu feiern, wäre deshalb ein großer Fehler. Sicher, die Wahrscheinlichkeit, dass er in der zweiten Runde gegen Le Pen gewinnt, ist sehr hoch. Ganz auszuschließen ist ein Sieg der ausländer- und europafeindlichen Front-National-Chefin jedoch nicht. Wie unsicher die Prognosen sind, zeigen zwei Vergleiche. So liegt das beabsichtigte Stimmverhalten für Macron 20 Punkte unter dem für Ex-Präsident Jacques Chirac von knapp über 80 %, als dieser 2002 zusammen mit dem damaligen Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl kam. Drei Jahre später dann unterlagen die französischen Europa-Befürworter im Referendum über die europäische Verfassung mit 45 % der Stimmen, obwohl ihnen zuvor 60 % der Stimmen vorhergesagt wurden. Auch wenn der unterlegene François Fillon nun dazu aufgerufen hat, für Macron zu stimmen, will ein nicht unerheblicher Teil der Wähler der konservativen Republikaner diesem Aufruf nicht folgen.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Wahlbeteiligung in der zweiten Runde wesentlich niedriger als vergangenen Sonntag ausfällt. Denn viele Wähler sehen den Sieg Macrons bereits als sicher an und wollen den Feiertag am 8. Mai deshalb lieber für ein verlängertes Wochenende nutzen.

Sollte Macron die Wahl wie erhofft gewinnen, besteht eine der größten Herausforderungen für ihn darin, den Franzosen das Vertrauen in die Europäische Union und in die politische Klasse zurückzugeben. Denn das Ausscheiden der beiden großen Parteien, die bisher die Politik in Frankreich bestimmten, in der ersten Runde zeigt auch, wie unzufrieden die Bevölkerung mit dem politischen System ist. Bei einem Sieg Macrons werden die Parlamentswahlen im Juni entscheidend dafür sein, wie sehr er wünschenswerte Reformen umsetzen kann - oder nicht.


Börsen-Zeitung, 25.04.2017, Autor Gesche Wüpper, Nummer 79, Seite 1, 343 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017079004&titel=Kein-Grund-zum-Feiern
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