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rendite - Anlagemagazin Ausgabe Oktober/November 2017
IM PORTRÄT
Zwei Tugenden hält Fondsmanager Olgerd Eichler für wichtig: Geduld, um passende Aktien zu finden, und Mut, um sie zu gewichten.

Von Jan Schrader

Manchmal dauert es sehr, sehr lange, bis wir eine neue Idee haben", sagt Olgerd Eichler. Etliche Wochen können demnach vergehen, ehe er und sein Team zu einer Aktie greifen, um den Fonds zu ergänzen.

Die allermeisten Firmen, die das Team genauer prüft, sotiert es wieder aus, sagt der Portfoliomanager der Frankfurter Mainfirst Bank, die zur Züricher Finanzgruppe Mainfirst gehört.

Wenn aber ein vielversprechender Titel gefunden ist, sollte ein Fondsmanager auch den Mut haben, zuzugreifen, wie er sagt. Wenige Aktientitel haben in seinen Produkten viel Gewicht. Wer 100 Euro in den "Top European Ideas" investiert, steckt zugleich 9,48 Euro in die italienische Bank Unicredit, die derzeit unter dem Vorstandschef Jean Pierre Mustier einen weitreichenden Umbau erfährt. Weitere 6,50 Euro fließen dann in den spanischen Metallverarbeiter Gestamp und

5,71 Euro in die deutsche Siltronic, einen Hersteller von Siliziumscheiben. Ähnlich hohe Werte erzielt der zweite Fonds Eichlers, der "Germany Fund". Hier fließen 7,53 Euro in den Autovermieter Sixt, 6,46 Euro in das Software- und Beratungshaus Cenit und weitere 5,68 Euro in das IT-Unternehmen All for One Steeb. Und auch die nachfolgenden Titel haben ein beachtliches Gewicht, kommen die zehn größten Positionen doch zusammen auf jeweils mehr als die Hälfte des Fondsvermögens, und zwar in beiden Produkten. Wer Eichler Geld anvertraut, setzt auf den Erfolg weniger Börsentitel.

Wie Private Equity

Daraus macht der 50-jährige Manager auch keinen Hehl. "Wir agieren ein bisschen wie Private-Equity-Investoren", sagt er. Denn auch Fonds, die außerhalb der Börse nach Unternehmen suchen, wählen meist nur wenige Firmen aus und verfolgen damit eine oft rentable, aber auch riskante Strategie. Eichler geht im Prinzip ähnlich vor, auch wenn er nicht so sehr Einfluss auf die Firmenpolitik nehmen will, wie dies bei Private-Equity-Investoren typischerweise

der Fall ist, wie er sagt. Die bisherige Entwicklung spiegelt die Strategie wider. In der Vergangenheit hat der Europa-Fonds zwar einen deutlich höheren Wertzuwachs als der Vergleichsindex Euro Stoxx 600 erzielt, allerdings schwankt das Produkt auch stärker, bietet also ein höheres Risiko.

Eichlers Strategie scheint auf den ersten Blick widersinning: Wer in Aktien investiert, soll sein Vermögen schließlich breit streuen, lautet eine bekannte Börsenregel. Doch eine breite Streuung erhält ein Anleger auch, indem er in einige Indexfonds wie ETF investiert. Für einen offensiven Ansatz wie Eichler spricht, dass er vom Vergleichsindex abweicht und somit auch mehr Rendite erzielen kann, um seine Kosten zu verdienen. Zumindest rückblickend hat sich das gelohnt. Vier von fünf Sternen vergibt die Analysegesellschaft Morningstar für den 1,2 Mrd. Euro schweren Europa-Fonds

in einer gängigen Anlageklasse, fünf Sterne erreicht das auf mehr als 400 Mill. Euro taxierte Deutschland-Produkt.

Kampf um Vertrauen

In den vergangenen Jahren war es für Eichler aber schwierig, Anleger zu erreichen. 2014 geriet der Manager in die Kritik, weil er über den Europa-Fonds nichtbörsennotierte Anteile von Mainfirst übernahm, nachdem Firmengründer Patrick Bettscheider sich davon getrennt hatte. 22,5 % der Aktien seines Arbeitsgebers lagen damit zeitweise im Fonds.

Der Manager bezeichnet diesen Schritt als Fehler, aus dem er gelernt habe. Von dem eigenen Unternehmen sei er damals wie heute überzeugt gewesen, und die Aufsicht habe dem Geschäft grünes Licht gegeben. Doch die Anleger zogen nach kritischen Medienberichten etliche Mittel ab. Im Gesamtjahr 2014 flossen netto annähernd 600 Mill. Euro aus dem Europa-Fonds ab, wie der deutsche Branchenverband BVI festhält.

Mainfirst passte daraufhin

die Anlagerichtlinien an,

während der Fonds die Anteile an die Haron Holding verkaufte, die dem Fondsmanager und Unternehmer Luca Pesarini gehört und heute einen Mehrheitsanteil an Mainfirst hält. Flossen 2015 und 2016 unterm Strich weitere Mittel aus dem Europa-Fonds ab, kam im laufenden Jahr etwas Geld hinzu. Der Deutschland-Fonds wiederum hat seit 2014 an Größe gewonnen und einen positiven und steigenden Absatz erzielt.

Seinen Anlegern stellt Eichler hohe Renditen in Aussicht: Seien auch vorübergehende Schwächephasen bei einem Fonds nicht ausgeschlossen, werde er über die Jahre hinweg weiterhin eine überdurchschnittliche Leistung zeigen, zeigt er sich überzeugt. Solide, dividendenstarke Aktien hält er dabei für weniger aussichtsreich. Weil die Zinsen bereits seit Jahren niedrig sind, haben etliche Investoren und Sparer in der Vergangenheit bereits auf

vergleichsweise sichere Aktien gesetzt, etwa von Lebensmittelkonzernen und Herstellern von Haushaltsgütern, lautet die These des Fondsmanagers.

"Die Zykliker sind zurück"

Die eher schwankungsarmen Titel mit ihren oft hohen Ausschüttungen dienten demnach als Ersatz für Anleihen, die bekanntlich nicht mehr viel abwerfen. Rückblickend ging die Strategie auf, da viele Investoren diesem Kalkül folgten und Aktien aus diesen Sektoren überdurchschnittlich stark gestiegen sind, wie der Manager sagt. Mittlerweile aber sind sogenannte zyklische Sektoren, deren Entwicklung stärker von der Konjunktur abhängt, aus Sicht Eichlers günstiger bewertet. Demnach könnte sich ein Einstieg etwa in die jeweils oft gescholtene Automobilindustrie oder Finanzbranche lohnen. Schon vor Monaten hatte er ähnlich argumentiert. "Der Wendepunkt ist bereits vollzogen", sagt er. Da die Wirtschaft weiterhin robust wachse, werde sich auch der Aufschwung der

konjunkturabhängigen Titel fortsetzen. "Die Zykliker sind zurück."

Mit seiner These setzt der Manager andere Akzente als einige seiner Konkurrenten. So warnt etwa Christian von Engelbrechten, Fondsmanager für deutsche Aktien bei Fidelity International, vor Unternehmen, "die ein besonders positives Wirtschaftsumfeld brauchen". Die sich abzeichnende Regierungskoalition aus Union, FDP und Grünen werde die Politik ausgeglichener Haushalte fortsetzen, allerdings eine "eher reformarme Politik mit wenigen Wachstumsimpulsen umsetzen", sagt er. Für Anleger bleibt es spannend, welche These am Ende aufgehen wird. Bei der Auswahl eines Fonds müssen auch sie Position beziehen.

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51 Prozent

bringen die zehn größten Titel im "Mainfirst Top European Ideas" jüngsten Angaben zufolge im Portfolio insgesamt auf die Waage. Damit ist der von Olgerd Eichler geleitete Fonds ein Produkt, das im Vergleich zur Konkurrenz auf wenige Titel setzt. Die jeweils ähnlich großen Europafonds "Allianz Wachstum Europa" (44 %) und

"DWS Top Europe" (28 %) etwa streuen die Mittel breiter, ähnlich wie auch einige andere Fonds. Der schwerste Titel im Mainfirst-Produkt ist die italienische Großbank Unicredit mit mehr als 9 %.

Börsen-Zeitung, 05.10.2017, Autor Jan Schrader, Nummer 64, Seite B 62, 983 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017191843&titel=Weniger-ist-mehr
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