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Wie Anleger den unsicheren Marktverhältnissen entgegentreten können

Von gewissen Schwankungen einmal abgesehen, kennt die Zinsentwicklung in Deutschland seit Jahrzehnten praktisch nur eine Richtung - nach unten. Konnten sich Anleger Anfang der neunziger Jahre noch über Umlaufrenditen (durchschnittliche Renditen börsennotierter inländischer Inhaberschuldverschreibungen) von über 8 % freuen, waren es zur Jahrtausendwende noch gut 5 %. Aktuell sind es rund 0,4 %.

Bestimmt wurde und wird die Entwicklung der heimischen Zinssätze im Wesentlichen durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die damit insbesondere auf veränderte Inflationsdaten und die konjunkturelle Entwicklung in der Eurozone reagiert. Mit seiner "Bestandsgarantie für den Euro" hat EZB-Chef Mario Draghi im Sommer 2012 zudem den Zusammenhalt der Eurozone als unabdingbares Ziel definiert und seine Politik deshalb verstärkt an den Ländern Südeuropas ausrichten müssen. Mit Hilfe niedriger Zinsen sollten die betroffenen Staaten bei den Zinskosten entlastet, Staatspleiten vermieden und die Kreditvergabe erneut angekurbelt werden.

Neben der Höhe der Leitzinsen nehmen natürlich auch andere geldpolitische Maßnahmen - wie die Anleiheankaufprogramme - und die Erwartungen der Marktteilnehmer Einfluss auf das allgemeine Zinsniveau. Und gerade hier haben sich in den vergangenen Wochen signifikante Änderungen ergeben.

Intakte Wachstumstreiber

Die Europäische Zentralbank ist von einer konkreten Wende in ihrer Zinspolitik noch weit entfernt, sodass die Zinsen am kurzen Ende noch für lange Zeit und gemäß der EZB sicherlich bis nach Beendigung des Anleiheankaufprogramms auf dem aktuellen oder einem ähnlichen Niveau verharren werden. Anders sieht es am langen Ende der Zinsstrukturkurve aus. Die Wirtschaft in der Eurozone konnte im zweiten Quartal erneut um 0,6 % im Vergleich zum Vorquartal wachsen. 2017 dürfte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei rund 2 % liegen und auch 2018 sollten die Wachstumstreiber intakt bleiben.

Draghi selbst hatte nach der Ratssitzung Mitte Juli von einer "kräftigen Erholung" gesprochen und für den Herbst die Diskussion über die Rückführung der expansiven geldpolitischen Maßnahmen in Aussicht gestellt. Für das laufende Jahr erwartet die Europäische Zentralbank zudem einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,5 %. Ein Zeichen eines nachhaltigen Anstiegs in der Inflationsdynamik des Euroraums signalisiert dies allerdings nicht.

Dass die Zinskurve steiler wird, ist deshalb nicht überraschend, und eine Fortsetzung der Entwicklung ist keineswegs ausgeschlossen. So könnten schon etwas konkretere Aussagen der Währungshüter zum Auslaufen des Anleiheankaufprogramms beziehungsweise zu einer Reduzierung des Volumens einen weiteren Renditeanstieg von einigen Zehntel Prozentpunkten zur Folge haben.

Im langen Laufzeitenbereich sind die sich daraus ergebenden Kurseffekte durchaus von Relevanz. So führt ein Renditeanstieg von lediglich 30 Basispunkten bei zehnjährigen pari notierenden Rentenpapieren zu Kursverlusten von 2,9 %. Bei 50 Basispunkten wären es 4,75 %. Bedenkt man, dass entsprechende Bundesanleihen gerade einmal einen Kupon von 0,5 % bieten, kommt dies den Zinszahlungen von fast sechs beziehungsweise sogar über neun Jahren gleich.

Herausforderndes Umfeld

Für zinsaffine Anleger bleibt das Umfeld damit herausfordernd. Das gilt insbesondere für konservative Anleger, die keine größeren Volatilitäten sowie zwischenzeitliche Marktpreisverluste in Kauf nehmen wollen. Steigende Zinsen stellen jedoch nicht nur für langlaufende Schuldverschreibungen, sondern auch für Aktien- und Aktienfondsinvestments ein signifikantes Risiko dar, da sie auch die Entwicklung der europäischen Aktienmärkte beeinflussen können.

Da hilft auch der Umstieg auf derivative Anlageprodukte nur wenig. Zwar weisen die Produkte oftmals einen Risikopuffer auf, aber auch der kann bei ungünstiger Marktentwicklung schnell aufgezehrt werden. Zudem dürften steigende Zinsen in Europa auch die vielerorts betonte "Alternativlosigkeit" der Dividendentitel in Frage stellen: Die oftmals als "neue Anleihen" bezeichnete Anlageklasse kann mit steigenden Renditen festverzinslicher Wertpapiere wieder an Attraktivität verlieren.

Sieht man bei Anleihen einmal von dem Emittentenrisiko ab, bieten sie im Gegensatz zu Aktieninvestments in allen Marktphasen Planungssicherheit durch die regelmäßigen Zinszahlungen. Davon kann bei Aktien - gerade in Zeiten fallender Aktienkurse - nicht die Rede sein. Widmet man sich einmal genauer der "Aktienkultur" in Deutschland, wird deutlich, dass Aktien für viele Anleger keine Alternative sind: Aufgrund ihres persönlichen Risikoprofils sehen Private oftmals von Aktieninvestments ab und institutionelle Anleger unterliegen Anlagerichtlinien, die häufig nur einen geringen Aktienanteil am Gesamtportfolio erlauben.

Bank- und Inflationsanleihen

Gar nichts zu unternehmen und das Geld nicht - oder sogar negativ - verzinst auf dem Girokonto liegen zu lassen, ist andererseits auch keine sinnvolle Lösung. Anleger, die ihr Kapital oder einen Teil davon zu einem festgelegten Zeitpunkt benötigen oder bei der Depotausrichtung aufgrund der bestehenden Risiken einfach nur einen Gang zurückschalten wollen, sollten erwägen, optional auf kurz- bis mittellanglaufende Zinsprodukte zu setzen. Hierzu zählen unter anderem Bankanleihen.

Sie werfen aktuell bei knapp dreijähriger Restlaufzeit jährliche Renditen von bis zu 1,2 % ab. Bei Fälligkeit im Januar 2022 sind es sogar fast 1,5 %. Das hört sich zunächst zwar nicht besonders üppig an, im Vergleich zu Bundesanleihen, bei denen bei gleichen Laufzeiten Negativrenditen von - 0,3 bis - 0,7 % per annum in Kauf genommen werden müssen, sieht dies allerdings schon ganz anders aus. Das Risiko von Kursverlusten besteht bei Bankanleihen mit kurzer bis mittlerer Laufzeit zwar auch, dürfte aber geringer ausfallen als bei länger laufenden Papieren.

Alternativ bietet sich auch der Erwerb von Inflationsanleihen an. Dabei hängt die Höhe der Zinszahlungen in der Regel von der Entwicklung des harmonisierten Verbraucherpreisindex ohne Berücksichtigung von Tabakwaren (HVPI ex Tabak) ab, der die Preisniveauentwicklung für Konsumgüter der Eurozone abbildet. Steigt das allgemeine Zinsniveau als Reaktion auf eine zunehmende Verbraucherpreisinflation an, spiegelt sich das auch in der Verzinsung der Anleihe wider. Die Zinsreagibilität entsprechender Papiere fällt in der Regel deshalb deutlich niedriger aus als die laufzeitkongruenter Schuldverschreibungen mit fester Verzinsung.

Meist können Bankanleihen während der Zeichnungsfrist zu einem durch den Emittenten festgelegten Preis gezeichnet werden, unabhängig davon, ob es sich um variabel- oder festverzinsliche Papiere handelt. Anschließend ist ein Erwerb über die Börse zum jeweiligen Börsenkurs möglich. Die Rückzahlung erfolgt bei Fälligkeit zum Nennbetrag - die Zahlungsfähigkeit der ausgebenden Bank vorausgesetzt. Wie der Kauf ist natürlich auch der jederzeitige Verkauf über die Börse oder eine direkte Rückgabe an den Emittenten möglich. Anders als etwa Sparbriefe bieten Bankanleihen ihren Besitzern damit eine hohe Flexibilität bei der Kapitaldisposition.

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Jörn Schiemann, Leiter Privatkunden der IKB Deutsche Industriebank AG

Börsen-Zeitung, 07.10.2017, Autor Jörn Schiemann, Leiter Privatkunden der IKB Deutsche Industriebank AG, Nummer 193, Seite B 3, 958 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017193804&titel=Mit-Bankanleihen-der-Kursfalle-entkommen
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