Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 10.717,00-2,08% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.499,00-1,74% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.044,50-1,39% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 24.398,00-2,13% Gold: 1.248,71-0,03% EUR/USD: 1,1427+0,25%
Redaktion

Die Wirtschaft muss ihr "Geschäftsmodell" überdenken

Glaubenssätze sind fest verankerte, handlungsleitende Grundannahmen. Jeder Mensch erwirbt sie im Laufe seiner Kindheit. Durch die Erziehung bekommen wir gleichsam "gottgegeben" ein Wertegerüst an die Hand, das Halt und Orientierung gibt. Vergleichbar verhält es sich auf gesellschaftlicher Ebene mit unserem Wirtschaftssystem. Die Logik, mit der wir seit Jahrhunderten wirtschaften, geht ideengeschichtlich auf den schottischen Moralphilosophen Adam Smith zurück. Vor knapp 250 Jahren formulierte er in seinem Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen": "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bauern und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen." Mit anderen Worten: Wenn Menschen wirtschaften, verfolgen sie allein ihr Eigeninteresse. Diese Aussage prägt wie keine zweite unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem.

Tatsächlich enkeltauglich?

Bei persönlichen Glaubenssätzen kommt es darauf an, dass man als mündiger Erwachsener beginnt zu reflektieren und überprüft, ob sie für einen persönlich auch wirklich stimmig sind. Erst dadurch macht man sie sich wirklich zu eigen beziehungsweise ändert sie ab, ganz gemäß den eigenen Wertvorstellungen. Ebenso kann man es auch gesellschaftlich sehen. Es stellt sich gegenwärtig dringend die Frage, ob unsere Art, Wirtschaft zu verstehen und zu betreiben, tatsächlich enkeltauglich ist. Fahren wir unverändert fort - darüber kann heute kein Zweifel bestehen -, droht in absehbarer Zeit vielerorts der Kollaps ökologischer und sozialer Systeme. Außerdem nimmt die Leistungsfähigkeit unseres Wirtschaftssystems als solches ab.

Was soll unser Wirtschaftssystem leisten? Die freie Marktwirtschaft ist konstruiert worden, um das Gemeinwohl zu verbessern, sie baut aber ausschließlich auf das Eigeninteresse des Einzelnen. Diese Widersprüchlichkeit hat zur Überwindung von materieller Knappheit hervorragend funktioniert. Indes, so erfolgreich unser System in der Beseitigung von Mangel war, so überfordert ist es mit vorhandenem Überfluss. Nur ein Beispiel: Vom Acker bis zum Verbraucher wird fast die Hälfte unserer wertvollen Lebensmittel weggeworfen. Der Preiswettbewerb ist ruinös. Wir erleben eine stetige Verschlechterung der Qualität der Lebensmittel, der Umwelt und des Tierwohls.

Die Idee von Smith, die Verantwortung für das Gemeinwohl der unsichtbaren Hand des Marktes zu überlassen, stimmt offensichtlich - auch unter den Rahmenbedingungen der sozialen Marktwirtschaft - nicht mehr. Die ständige Steigerung der Produktion von Konsumgütern und Energie hat heute schädliche soziale und ökologische Folgen. Diese beschädigen den bestehenden Wohlstand in den hoch entwickelten Ländern, anstatt ihn zu erhöhen. Die Rahmenbedingungen haben sich inzwischen aber auch grundlegend geändert. In der Vergangenheit wurden Natur und Umwelt als ausreichend vorhanden angenommen, Arbeit und Kapital waren knappe Güter. Heute ist es umgekehrt: Natur und Umwelt sind der knappste Faktor geworden, während Arbeitsangebot und Kapital global im Überfluss vorhanden sind.

Was zu tun ist

Die Herausforderungen, die damit zusammenhängen, werden wir als Gesellschaft nur erfolgreich meistern, wenn wir uns von überkommenen Glaubenssätzen lösen können. Es ist nicht der Sinn von Wirtschaft Geld mit Geld zu verdienen. Im Gegenteil, von diesem Missverständnis stammen viele gesellschaftliche Probleme. In Wahrheit ist der Zweck aller Wirtschaft in der ganzheitlichen Bedürfnisbefriedigung der Menschen begründet. Der Profit ist dabei eine Begleiterscheinung des Erfolgs. Das herauszustellen, ist nicht zuletzt eine Bildungsaufgabe.

Die Befriedigung der Bedürfnisse - nach einer Umkehr der Umweltzerstörung und Beseitigung von Armut - von guter Bildung für alle sowie sozialen Leistungen wie Inklusion, Infrastruktur und Pflege muss in Zukunft der Maßstab für den Wohlstand einer Gesellschaft sein. Wir müssen auf gesellschaftlicher Ebene das, was wir als Wohlstand verstehen, neu definieren.

Die Aufgabe der Banken ist es seit jeher, Geld dorthin zu bringen, wo es tatsächlich gebraucht wird. Das muss wieder Richtschnur werden. Genau dieses Prinzip prägt das Geschäftsmodell nachhaltiger Banken, wie sie sich zum Beispiel in der wachsenden Global Alliance for Banking on Values versammeln. Sie fragen: Was dient dem Menschen? Und damit sind zukünftige Generationen ebenso umfasst wie eine intakte Umwelt.

Generalumbau notwendig

Im Finanzsektor halten langsam neue Strategien Einzug, Investoren berücksichtigen zunehmend Carbon Risks und betreiben Impact Investment und Divestment. Allein, das ist nicht genug. Ein System, das nicht verstärkt den Bedürfnissen der Menschen Rechnung trägt, wird immer krisenanfälliger und führt letztendlich zum Kollaps. Um das zu vermeiden und zukunftsfähigen Wohlstand zu erzeugen, braucht es einen Generalumbau mit klaren Rahmenbedingungen. Die folgenden Vorschläge sind ein Beitrag für eine enkeltaugliche Wirtschaft. Sie sind heute mehrheitsfähig und gehören daher in den öffentlichen Fokus.

1.Kapital stärker besteuern und Arbeitseinkommen entlasten: Wir brauchen dringend eine stärkere Belastung von Kapitaltransaktionen, Kapitalerträgen und des Kapitals selbst. Arbeitseinkommen sind steuerlich zu entlasten. Abstrakte Finanzprodukte, die nur Geld mit Geld verdienen, müssen weiter eingeschränkt oder verboten werden. Durch zunehmende Automatisierung steigt die Produktivität in Produktion und Dienstleistung stetig und die Lohnquote sinkt. Dieser Trend wird sich durch die Digitalisierung und das schrittweise Einsetzen der künstlichen Intelligenz noch weiter verstärken. Menschliche Arbeit wird - soweit möglich - durch Maschinen ersetzt. In der Folge verschiebt sich ein immer größerer Anteil der Wertschöpfung von der Arbeit zum Kapital. Nicht nur Arbeits-, sondern vor allem Einkommensplätze werden verdrängt. Das bedeutet notwendigerweise, dass die an die Wertschöpfung gekoppelten Geldströme vermehrt als Rendite dem Kapital zufließen und die Arbeitseinkommen relativ sinken. Daraus folgt die Notwendigkeit einer umfassenden Finanzreform. Die Finanzierung der öffentlichen Aufgaben sollte mehr aus Kapital und weniger aus Arbeit erfolgen.

2.Bedingungsloses Grundeinkommen für alle: Den Menschen sollen die Grundbedürfnisse wie Essen, Kleidung oder Wohnraum garantiert sein. Das ist eine Pflicht unseres Verfassungsstaates. Und es bestehen die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür. Wir leben heute in der westlichen Welt in Gesellschaften des Überflusses, das zeigt nicht zuletzt unser Umgang mit Nahrungsmitteln und Kleidung. Daher brauchen wir ein Grundeinkommen, das bedingungslos an alle Bürger ausgezahlt wird und eine wirtschaftliche Grundsicherung darstellt. Der Höhe nach sollte es zumindest das definierte soziokulturelle Existenzminimum decken. Finanziert werden kann es durch wegfallende Sozialleistungen und Erträge aus den Kapitalsteuern. Das bedingungslose Grundeinkommen beseitigt die Stigmatisierung der Arbeitslosigkeit und wahrt die Menschenwürde. Die individuelle Autonomie des Einzelnen wird gestärkt, sinnvolle Arbeiten werden gefördert, neue Erwerbstätigkeiten werden ermöglicht. Und der Sozialstaat wird von Bürokratie entlastet.

3.Ausnahmslose Abgabe auf den Ausstoß von CO2: Die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden darf nicht länger auf die Allgemeinheit und zukünftige Generationen abgewälzt werden. Sie muss verursachergerecht durch Abgaben bepreist werden. Die CO2-Emissionen sinken in Deutschland viel langsamer, als sie es müssten. Die konsequente Umstellung aller Sektoren auf CO2-neutrale Energiequellen erfordert eine geeignete Grundlage. Wir brauchen eine Lenkungsabgabe auf die Emission von Treibhausgasen durch fossile Energieträger ("CO2-Abgabe"). Die Höhe der Abgabe kann aufkommensneutral zu den bestehenden Energieumlagen und -steuern (Kohle, Öl und Heizgas) bemessen werden. Damit werden die Kosten nicht mehr externalisiert, sondern den tatsächlichen Verursachern zugerechnet. Ein klares Preissignal setzt einen Anreiz für eine bessere Ausnutzung vorhandener emissionsärmerer Erzeugungskapazitäten, die komplizierten Förderstrukturen für die erneuerbaren Energien werden obsolet.

4.Konsequente Abgabe auf Spritz- und Düngemittel: Wir können es uns nicht leisten, weiter Raubbau an wertvollen Ökosystemen zu betreiben. Die intensive Landwirtschaft führt zu einer massiven Verarmung der Biodiversität, Tier- und Pflanzenarten sterben zusehends aus. Die Grundwasserbelastung durch zu hohe Nährstoffeinträge führt in vielen Regionen zu weitreichenden Schäden. Die Boden- und Grundwasserbelastung durch Chemikalien muss ihren Preis bekommen. Wir brauchen daher eine konsequente Abgabe auf die Nutzung von Pestiziden und Stickstoffdünger. Maßgeblich für die Höhe der Abgabe müssen die Kosten sein, die durch Reinigung und Aufbereitung entstehen. Wer Wasser und Boden verschmutzt, muss dafür die Verantwortung tragen.

---

Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank eG

Börsen-Zeitung, 28.10.2017, Autor Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Gemeinschaftsbank eG, Nummer 208, Seite B /B 3, 1168 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017208803&titel=Wir-brauchen-eine-neue-Aufklaerung
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Montag, 10.12.2018

Presse- und Analystenkonferenzen
LBS Bayern: Jahres-PK




























21

0.110747 s