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Redaktion

Wie das Bistum Essen haushaltet - und warum in der Gesellschaft mehr ethisch-nachhaltige Finanzprodukte erforderlich sind

Geht es um Geld und um den christlichen Glauben, so ist Spannung programmiert. Jesus selbst thematisiert immer wieder das weite Themenfeld aus Geld, Besitz und Reichtum. Passende Bibelzitate werden bis heute auch außerhalb der christlichen Kirchen gerne verwendet - wie zum Beispiel der Hinweis des Apostels Paulus, Geben sei seliger als Nehmen. So stehen Christen kontinuierlich im Spannungsfeld einer tendenziell kritischen Botschaft Jesu über die Gefahren von Besitz und Reichtum auf der einen und seinem Auftrag zur tätigen Nächstenliebe auf der anderen Seite. Denn schließlich ist zum Beispiel der Dienst an Bedürftigen in der Regel umso wirkungsvoller, je mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

Stärker noch als jeder einzelne Christ stehen die Kirchen als Institutionen in diesem Spannungsfeld. So bleibt für sie - im katholischen Bereich vor allem für unsere Bistümer - die Notwendigkeit unumgänglich, möglichst transparent und offen mit den eigenen Einkommens- und Vermögensverhältnissen umzugehen. Schließlich handelt es sich dabei in erster Linie um Einnahmen aus der Kirchensteuer, unserem "Mitgliedsbeitrag". Hier gibt es ebenso wenig Grund zur Geheimniskrämerei wie bei den historisch gewachsenen Vermögensbeständen der Diözesen.

Ich bin sehr froh, dass nach der bundesweiten Diskussion um die Finanzierung des Limburger Bischofshauses dieser Geist nun fast überall in der Katholischen Kirche in Deutschland Einzug gehalten hat. Seitdem werden zunehmend diözesane Haushalts- und Finanzberichte gezielt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Hier hat die Kirche von den Transparenzkriterien gelernt, wie sie in unserer Gesellschaft mittlerweile auch in allen anderen wirtschaftlichen Bereichen üblich sind. Wie bereits vor einigen Jahren die Kommunen, so stellen nun immer mehr kirchliche Einrichtungen ihre Finanzen auf die kaufmännische ("doppische") Buchführung um. Sie trägt zu einer auf Nachhaltigkeit angelegten Haushaltsführung bei, weil sie für die Zukunft aufzeigt, wo finanzielle Spielräume sind - und wo nicht.

Aktuell hilft uns dies im Bistum Essen zum Beispiel in unseren Pfarreien, die seelsorgliche Arbeit bis zum Jahr 2030 zu planen. Während es auf der einen Seite um die Ausrichtung und Gestaltung der inhaltlichen Angebote geht, mit denen wir in einer pluralen und zunehmend säkularen Gesellschaft auch in Zukunft möglichst viele Menschen ansprechen und mit der christlichen Botschaft erreichen wollen, wird auf der anderen Seite der dafür notwendige Finanzrahmen abgesteckt. Durch die doppische Buchführung ist hier heute klarer denn je: Weil die Einnahmen aus der Kirchensteuer perspektivisch im Ruhrgebiet bis 2030 bestenfalls stagnieren werden, müssen wir sparen, um unsere seelsorglichen Angebote und die dafür notwendige Infrastruktur trotz Kostensteigerungen finanzieren zu können. So stehen wir als Kirche vor einer kontinuierlichen Herausforderung, die auch vielen anderen Organisationen nicht fremd ist: einerseits sparen und andererseits investieren zu müssen, um Innovationen voranzubringen.

Nach den Richtlinien der kaufmännischen Buchführung legen wir im Bistum Essen bereits seit 2011 einen jährlichen Finanzbericht vor (finanzen.bistum-essen.de) - wenngleich in bescheidenem Umfang. Denn gemessen an anderen Bistümern fällt unsere Bilanzsumme mit aktuell 290 Mill. Euro recht gering aus. Die Kirchensteuereinnahmen ermöglichen es uns, unsere christliche Botschaft nicht nur mit Worten zu verkündigen, sondern ihre Lebensrelevanz auch durch Taten erkennbar werden zu lassen. So haben wir im Bistum Essen im Jahr 2016 bei Netto-Kirchensteuereinnahmen von 168,8 Mill. Euro allein die Arbeit unserer Caritas mit gut 13 Mill. Euro unterstützt und damit wirksam dazu beigetragen, Not und Nöte zahlreicher Menschen in unserer Gesellschaft zu lindern.

19,5 Mill. Euro sind zum Wohle der Kinder und Familien in unsere knapp 270 Kindertagesstätten geflossen, hinzu kommen weitere 6,6 Mill. Euro aus Kirchensteuer-Mitteln für unsere bistumseigenen Schulen. Diese Beiträge sehen wir in direkter Beziehung zu unserem kirchlichen Auftrag. Ganz nebenbei sei aber auch bemerkt, dass wir auf diese Weise subsidiär mit unseren Geldern auch Auf-gaben wahrnehmen und finanziell mit tragen, die sonst, mitsamt der Finanzierung, dem Staat zufallen würden.

Nötig und auch überflüssig

In unserem Finanzbericht findet sich auch der Vermerk, dass unsere liquiden Finanzmittel "nach ethischen Kriterien" angelegt werden. Ein Hinweis, den ich einerseits angesichts des eingangs geschilderten Spannungsfelds "Kirche und Geld" für unbedingt notwendig halte. Andererseits kommt mir dieser Hinweis aber auch überflüssig vor. Sollte sich nicht jede Entscheidung - also auch die für eine Geldanlage - an ethischen Kriterien orientieren, an klaren Werten und an der persönlichen Moral?

"Der Bereich der Wirtschaft ist weder moralisch neutral noch von seinem Wesen her unmenschlich und antisozial", hat Papst Benedikt XVI. in seinem Lehrschreiben "Caritas in veritate" gesagt. Doch im Finanzbereich scheint die Moral leider oft genug kein ausreichend großes Thema zu sein. Papst Franziskus kritisiert in seiner Enzyklika "Laudato Si", dass in der Weltwirtschaft "eine Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren". Liquidität, Sicherheit und Rendite sind die klassischen Dimensionen der Geldanlage. Ethisch-nachhaltige Überlegungen, was denn mit dem Geld geschieht oder geschehen soll, das man einer Bank, einem Konzern oder einem Staat anvertraut, treten erst in jüngerer Zeit hinzu.

Ethisch-nachhaltige Anlagen

Im Zuge eines kritischeren Konsumbewusstseins haben sich "ethisch-nachhaltige Finanzprodukte" entwickelt, die mit definierten Ausschlusskriterien dafür sorgen, dass das Geld der Anleger nur in erwünschte, verantwortbare Geldanlagen fließt. Doch hierzulande liegt der Umsatz mit diesen Produkten am gesamten Geldanlagemarkt laut "Forum Nachhaltige Geldanlage" bislang nur im einstelligen Prozentbereich. Das ist ein viel zu geringer Wert. Niemand muss bei seiner Geldanlage unsere christlichen und kirchlichen Wertmaßstäbe anlegen. Doch wird es zum Widerspruch, wenn unsere Gesellschaft in vielen Bereichen derart differenziert und innovativ Themen für ein besseres und zukunftsfähiges Zusammenleben aller voranbringt, aber nach wie vor viele institutionelle Anleger, vermögende Privatpersonen und Finanzinstitute die Möglichkeiten ignorieren, die es für nachhaltige und gleichsam profitable Investments gibt. Diese Investitionen helfen nämlich, in unserer Welt gerechter und nachhaltiger zu wirken, sie also besser zu machen.

Keine Ökoträumereien

Im internationalen Kontext wird deutlich, dass es bei ethisch-nachhaltigen Investitionen nicht um Ökoträumereien geht, wie nicht selten unterstellt, sondern um Anlageentscheidungen, die die Welt verändern und die dabei oft stark ökonomisch begründet sind. Wenn zum Beispiel ein staatlicher Pensionsfonds seine Mittel aus Konzernen abzieht, die ihr Geld primär mit fossilen Energien verdienen, kann das als Beitrag zur Klimarettung verstanden werden. Oft aber stehen nicht nur ethisch-nachhaltige, sondern nachvollziehbare wirtschaftliche Gründe hinter einer solchen Entscheidung.

Denn: Ist nicht für eine derart langfristige Geldanlage eines Pensionsfonds die Energiebranche schlicht zu riskant? Wie schnell sich der politische Wind bedrohlich drehen kann, haben wir in einer anderen wenig nachhaltigen Industrie vor wenigen Jahren beim Atomausstieg gesehen. Gerade bei langfristigen Entscheidungen können ethisch und zugleich ökonomisch orientierte Überlegungen auch in anderen Branchen zu ähnlichen Anlageentscheidungen führen, weil sich bei echter Nachhaltigkeit ökologische, menschliche und wirtschaftliche Entwicklungen positiv bedingen und gegenseitig verstärken können.

Als Partner verfügbar

Es ist höchste Zeit, dass wir ethische Überlegungen als festen Bestandteil in unsere Finanzmärkte integrieren, so wie es in den vergangenen Jahren auch auf vielen anderen Märkten gelungen ist. So wie wir heute beim Kauf von Eiern frei zwischen Bio- und Bodenhaltung wählen, sollten Geldanleger stärker bestimmen können, in welche Investitionszwecke sie wie investieren wollen. Hierfür muss die Finanzbranche transparentere, einfachere und besser vergleichbare Kriterien als bisher entwickeln - und weniger komplexe Produkte. Wir Christen und die Kirche stehen hier als Partner zur Verfügung, auch mit der großen Expertise einiger Banken aus dem kirchlichen Raum. Für eine zukunftsgerecht zu entwickelnde Gesellschaft ist das Thema ethisch-nachhaltiger Geldanlagen viel zu relevant, als dass es auf Dauer ein Nischendasein führen dürfte.

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Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

Börsen-Zeitung, 28.10.2017, Autor Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, Nummer 208, Seite B 3, 1187 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017208804&titel=Mit-Investitionen-die-Welt-verbessern
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