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Redaktion

Glaube und Finanzen gehören im islamischen Bankwesen zueinander - "Halal" und "haram" - Bankgeschäft im Spannungsbogen von erlaubt bis verwerflich

Im März 2015 hielt das islamische Bankwesen Einzug in Deutschland. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) lizenzierte die erste Bank mit islamkonformem Geschäftsmodell der Eurozone - eine Nachricht von immensem Interesse für den Markt. Die Einführung des glaubensbasierten Bankwesens aus dem Orient, ein mit jährlichen Wachstumsraten von über 15 % international wachsendes Segment, schien der steigenden Anzahl muslimischer Einwanderer nach Deutschland Rechnung zu tragen.

Mit Frankreich und Großbritannien gehört Deutschland zu den prädestinierten westlichen Kernmärkten. Bei der Analyse seiner wertebasierten Methodik kristallisiert sich allerdings heraus, dass Islamic Banking nicht nur die Anforderungen von Muslimen erfüllt, sondern auch die ethischen Ansprüche der deutschen Mehrheitsgesellschaft bedienen kann.

Für was der Islam steht

Der Islam steht als ganzheitliche Religion für Frieden, Empathie und Solidarität in der Gemeinschaft. Die Erlangung der Zufriedenheit Gottes durch tugendhafte Handlungen steht dabei an erster Stelle, da Muslime vor Gott an ihren Taten im Diesseits gemessen werden. Der Überlieferung nach wurde Prophet Muhammed entsandt, um den Charakter der Menschen zu vervollkommnen. Als Muslim gilt es also, stets mit Verantwortungsgefühl für gesellschaftliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber Bedürftigen zu sorgen.

Diese nachhaltige Weltanschauung ist auch wirtschaftlich von Bedeutung. In der vorislamischen Zeit herrschten im Nahen Osten Willkür und Intransparenz. Unübersichtliche Kaufverträge und Wucher waren an der Tagesordnung. Mit der Verbreitung des Islam etablierten sich Moschee und Markt. Mit dem Glauben an das Jenseits wuchsen Verantwortung und Moral. Gängige Praktiken wurden zur Vermeidung von gesellschaftlichen Nachteilen verboten, beispielsweise "Riba", arabisch für Zins, "Maisir", die Spekulation, und die "Gharar" genannte Intransparenz.

Belege finden sich im Vers 275 der zweiten Sure des Korans. "Gott hat (...) das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten." Hieraus entwickelte sich über die Jahrhunderte hinweg ein islamisches Wirtschaftsrecht, in dem der Gerechtigkeit und dem Wohlergehen aller Mitglieder der Gesellschaft oberste Priorität eingeräumt wird - und das bei florierendem Handel. Ein Konzept, das heute - zehn Jahre nach der großen Finanzkrise - ethisch relevanter ist denn je.

Allen Unternehmungen, die heute nach islamischem Ethos arbeiten, liegt eine über 1 400 Jahre alte Moralphilosophie zugrunde. Sozial gerechtes Investieren statt Spekulieren sowie Handel zum Wohl der Allgemeinheit sind hier keine Lippenbekenntnisse, sondern strikt regulierte Prozesse, die absoluten Standards unterliegen. Der religiöse Wertekanon des Islam steht stets über der Gewinnorientierung, verbietet jegliches gesellschaftsschädigendes Geschäftsgebaren und unterstützt Gerechtigkeit.

Als Hauptunterschied zum konventionellen Bankwesen gilt besagtes Zinsverbot, einhergehend mit der Untersagung des verzinslichen Geldverleihs. Islamkonforme Girokonten werden auf Guthabenbasis geführt. Es gibt keine Geldkredite. Jegliche Transaktion wird außerdem zur Stärkung der Realwirtschaft mit einem Gut unterlegt. Das Zinsverbot hat zur Folge, dass Finanzierungen als Handel oder Beteiligung strukturiert werden, um Überschüsse und Renditen zu erwirtschaften. Die Bank wird zum Händler, indem sie Güter für die Kunden kauft - beispielsweise Autos, Häuser und Betriebsmittel - und mit einem Finanzierungsaufschlag weiterverkauft. Die Abzahlung erfolgt in Raten. Zudem agiert die Bank als Unternehmer, indem sie sich als Projektpartner beteiligt, beispielsweise bei der Betriebs- und Transportmittel- oder Geschäftsimmobilienfinanzierung eines Unternehmens.

Nach islamischen Maßstäben investieren und profitieren Bank und Kunde gemeinsam. Hier spiegelt sich auch der partnerschaftliche Ursprungsgedanke des Bankwesens wider. Die Finanzierungen erfolgen aus einem Pool der islamkonformen Bank, in den alle Kundeneinlagen fließen. Jeder Sparer wird an der durchschnittlichen Rendite aller Projekte beteiligt. Das Modell ist transparent und basiert auf Gewinn- und Verlustbeteiligung. Durch den Rückfluss der Kundeneinlagen in die Finazierungsprojekte und damit in die Volkswirtschaft werden "echte" Werte fernab von Derivaten und Hedgefonds geschaffen und auch der Arbeitsmarkt stabilisiert. Besonders im aktuellen Niedrigzinsumfeld bieten islamische Beteiligungskonten eine stabile Investitionsalternative mit geringem Risiko.

Anlageformen mit Erfolgsbeteiligung werden als "halal" bezeichnet - die arabische Begrifflichkeit für "zulässig" und "nach islamischem Recht". Der Ausdruck "haram" dagegen bedeutet "Verbotenes" und "Verwerfliches". Dazu gehören Risikogeschäfte und das Glücksspiel. Eine Negativliste mit ethischen Ausschlusskriterien gibt die Geschäftsbereiche vor - eine islamkonforme Bank tätigt mit den Kundeneinlagen beispielsweise keine Investitionen in die Alkohol-, Schweinefleisch-, Tabak-, Erotik- sowie in die Rüstungsindustrie. Derlei Haram-Normen fußen auf dem tiefen Glauben der Muslime, dass die Nichtbeachtung schon im Diesseits Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Über die Einhaltung dieser selbstverpflichtenden Grundsätze wacht bei den Finanzinstituten ganz säkular jeweils ein Ethikrat aus Islamgelehrten und Wirtschaftsexperten, der sich an den international anerkannten AAOIFI-Standards - Accounting and Auditing Organization for Islamic Financial Institutions - orientiert. Alle Produkte und Dienstleistungen werden nach Islamkonformität zertifiziert.

So wie wir Muslime glauben, dass Gottes Gebote im Islam allgemeingültige ethische Handlungsempfehlungen für unser privates und berufliches Leben vorgeben, so bewegt sich auch unser Wirtschaftssystem seit jeher im Rahmen dieser Werte. Persönlich sind Muslime darauf bedacht, dem Regelwerk der fünf Säulen des Islam zu folgen: dem Glaubensbekenntnis, dem fünfmaligen täglichen Gebet, dem Fasten im Monat Ramadan, der jährlichen verpflichtenden Armensteuer Zakat und der Pilgerfahrt nach Mekka. Zu den gottesdienstlichen Handlungen gehören auch Tugenden zwischenmenschlicher Umgangsformen wie Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit.

Universelles Wertekonzept

Der gelebte Glaube im privaten Mikrokosmos wird auch im Makrokosmos islamischer Wirtschaftskreisläufe erkennbar. Eine Bank funktioniert hier in ihrer Vermittlerrolle von Geld als Dienstleister für die Menschen und trägt im Kontext der sozialen Sicherheit Verantwortung für eine Gesellschaft im sozialen Gleichgewicht. Die Zakat beispielsweise gibt es auch für Unternehmen mit islamischem Hintergrund. Auch fördern islamkonforme Unternehmen Projekte in den Bereichen Bildung und Soziales durch Sponsoring.

Das islamische Bankwesen mit seinen nachhaltigen Finanzprodukten definiert sich als Unterkategorie des "Socially Responsible Investment"-Bereichs. Hierzulande gilt mittlerweile nicht nur die Prämisse "Von Muslimen für Muslime", sondern das islamische Finanzmodell etabliert sich als neues Feld für die seit der Finanzkrise stärkere Nachfrage nach sozialverantwortlichen Investitionen. Die Werte, die der Koran vermittelt, entsprechen den allgemeingültigen ethischen Prinzipien und machen Islamic Banking für jeden wertebewussten Menschen attraktiv.

Wohlstand wird nach islamischen Grundsätzen nicht nur materiell, sondern auch nach der Ausgewogenheit innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft bewertet. Geld selbst hat dabei einen neutralen Status als Mittel zum Zweck. Eher zählt, wie Geld erworben wurde und wie es verwendet wird. Reichtum ist nicht verpönt, solange man sein Vermögen einsetzt, um Gutes zu tun. Das Verhältnis zum Profit ist bei Muslimen entspannt, solange die Vereinbarkeit mit den ethischen Normen gegeben ist.

Glaube und Finanzen gehören im islamischen Bankwesen zueinander. Die Islamic-Banking-Pioniere hier vor Ort sehen ihr Konzept ohne Berührungsängste mit dem westlichen Kontext als Bereicherung konventioneller Wirtschaftsethik und betonen dabei die Eignung für alle Weltanschauungen. Auch die G 20-Finanzminister haben die volkswirtschaftlich positiven und gesellschaftsfördernden Signale bereits öffentlich anerkannt. Die Finanzkrise hat die Weltgemeinschaft für Bankenregulierung und wertegesteuerte Finanzmodelle sensibilisiert. Das islamische Bankwesen spielt bei guten Zukunftsaussichten hierbei heute schon eine Schlüsselrolle. Hilft das islamische Bankwesen nun dabei, einen Kulturwandel in der Finanzwelt voranzutreiben, werden wir oft gefragt. Als Islamic Banker lautet unsere Antwort: "Wir glauben, dass es hilft."

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Ahmet Kudsi Arslan, Vorstandsvorsitzender der KT Bank AG

Börsen-Zeitung, 28.10.2017, Autor Ahmet Kudsi Arslan, Vorstandsvorsitzender der KT Bank AG, Nummer 208, Seite B 4, 1078 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017208806&titel=Islamic-Banking-bereichert-die-westliche-Wirtschaftsethik
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