Redaktion

Chancen für den Mittelstand, Herausforderung für die Finanzierung
Dr. Michael H. Wiedmann

Vorsitzender des Vorstands, IKB Deutsche Industriebank

Die Digitalisierung ist in vielen Bereichen und Prozessen der deutschen Wirtschaft angekommen. Vernetzte Produktion, Industrie 4.0 und Internet of Things sind für die mittelständischen Unternehmen in Deutschland gelebter Alltag in der unternehmerischen Praxis. Nicht zuletzt auch aufgrund dieser Innovationsstärke und Flexibilität konnte der industrielle Mittelstand seine Position und seine Geschäftserfolge auf den globalen Märkten kontinuierlich ausbauen. Nordrhein-westfälische Unternehmen sind in vielen Branchen an führender Position dabei.

Die bisherigen Erfahrungen und Erwartungen deuten darauf hin, dass die Digitalisierung in den Unternehmen zwar die Art der Arbeit verändert, im internationalen Wettbewerb aber Arbeitsplätze am Standort Deutschland sichert und neue Arbeitsinhalte gestaltet. Der deutsche Mittelstand hat mit Innovationen und der Nutzung automatisierter Prozesse eine Vielzahl von neuen Arbeitsplätzen geschaffen. Wir kennen sogar Fälle von Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, die aufgrund der Möglichkeiten der Digitalisierung und Automatisierung zuvor in das Ausland verlagerte Produktionsteile wieder nach Deutschland zurückverlagern konnten.

So erfreulich diese Erfolgsgeschichte und die aktuelle Entwicklung der deutschen Wirtschaft ist, so wenig gibt sie Anlass zu Gelassenheit bei der weiteren Entwicklung der Digitalisierung. Die Nutzung der Möglichkeiten durch Digitalisierung steht in weiten Teilen erst am Anfang. Die Dynamik der neuen Geschäftsmodelle und der Wettbewerb aus den unterschiedlichsten Richtungen und Wirtschaftsregionen nehmen eher noch zu. Dies zeigt auch der im Jahr 2017 vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ermittelte Digitalisierungsindikator, gemäß dem Deutschland mit Rang 17 nur einen Platz im Mittelfeld einnimmt.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung umfassen die komplette Wertschöpfungskette. Zur Steigerung der Effizienz oder auch der Möglichkeiten zu einer Individualisierung der Produktion geht es in erster Linie um Vernetzung und Automatisierung (Stichwort Industrie 4.0). Das andere, gegebenenfalls noch zukunftsträchtigere Feld ist die Nutzung von Big Data und künstlicher Intelligenz zur Anpassung der Produktion und des Angebots an Kundenwünsche und -bedarf.

Die Herausforderung für etablierte Unternehmen besteht darin, die neuen Möglichkeiten konkret für die bestehenden Geschäftsaktivitäten zu nutzen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Eine Vernetzung von Produktionsteilen war auch vor 30 Jahren bereits sinnvoll, durch Industrie 4.0 sind die Möglichkeiten jedoch erheblich erweitert. Die Dynamik der technologischen Entwicklungen und Anwendungsgebiete erzeugt eine erhebliche Unsicherheit in den Business-Plänen. Die Anpassung der Geschäftsmodelle an die neuen Realitäten ist die zentrale Herausforderung für die Unternehmen. Dabei sind nicht alle Markttrends absehbar, vielmehr umfasst die Anpassung der Aktivitäten auch eine Kultur des Ausprobierens.

Letztlich geht es im Einzelfall immer um die unternehmerische Fantasie für zukunftstragende Geschäftsmodelle und die intelligente Nutzung der Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung. Die neuen Technologien an sich sind nicht die Herausforderung, sondern vielmehr das Realisieren von Vorteilen durch aktives Management der Digitalisierung im Unternehmen. Der Weg zur Smart Factory erfordert das Überschreiten existierender Geschäftsmodelle und kann durchaus disruptive Entwicklungen in der Organisation der Produktionsabläufe beinhalten. Unternehmer, die Investitionen in intelligente Fabriken und digitale Konzepte vorgenommen haben, erwarten Erträge oft erst nach fünf Jahren oder später.

Unternehmen stehen zudem vor der Entscheidung, ob sie sich bereits früh für ein neues Geschäftsmodell entscheiden, um möglicherweise an überdurchschnittlichen Gewinnen zu partizipieren, oder ob sie das Investitionsrisiko als zu hoch einschätzen. Es ist damit in erster Linie eine Frage des unternehmerischen Handelns. Grundsätzlich sollten nordrhein-westfälische Unternehmen, die global agieren, davon profitieren, dass sie durch ihre Vernetzung und Offenheit ein höheres Bewusstsein für Veränderung haben. In einem hochdynamischen Umfeld können sich viele kleine Schritte als effizienter erweisen, um am Puls der technologischen Entwicklung zu bleiben und größere Risiken zu vermeiden.

Bei der Investitionsfinanzierung können mittelständische Unternehmen heute aus einem breiten Finanzierungsangebot zu günstigen Konditionen wählen. Für diese guten Voraussetzungen haben sie in erster Linie selbst gesorgt. Insbesondere die kontinuierliche Steigerung der Eigenkapitalausstattung infolge der unternehmerischen Erfolge gestattet einerseits eine direkte Finanzierung mit Eigenmitteln; andererseits ermöglicht die gestiegene Eigenkapitalstärke einen leichteren Zugang zu Fremdmitteln von Banken und dem Kapitalmarkt.

Aufgrund der hohen Attraktivität des deutschen Mittelstands als Zielgruppe ist auch der Wettbewerb um die deutschen Firmenkunden intensiv. Dabei haben auch die Banken ihren Teil zur guten Finanzierungssituation beigetragen. Seitdem die Finanzkrise vor gut zehn Jahren in Europa ankam - und dabei spielte der Bankenstandort Düsseldorf eine nicht unerhebliche Rolle -, hat eine grundlegende Neustrukturierung der Branche begonnen, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Banken passen ihre Geschäftsmodelle an, um ihre Profitabilität zu sichern. Niedrige Zinsen, Umstrukturierungsmaßnahmen sowie regulatorische Anforderungen belasten die Ertragslage, die zusätzlich unter intensivem Wettbewerb und zunehmender Konkurrenz von Anbietern aus dem Ausland leidet. Dass die Banken hierbei selbst die Chancen der Digitalisierung nutzen, liegt auf der Hand.

Investitionen in Digitalisierung sind mit erhöhter Unsicherheit verbunden. In zunehmendem Maße umfassen diese Investitionen auch Unternehmenskäufe, mit denen die erforderliche Software-Kompetenz erworben wird. In der aktuell guten Konjunkturlage ist ein verstärkter Investitionsfokus auf risikoreichere Investitionen wie Forschung und Entwicklung sowie Digitalisierung zu erwarten. Dieses zunehmende Investitionsvertrauen stärkt die Digitalisierung.

Von den begleitenden Banken wird die Finanzierung von immateriellen Anlagegütern allerdings anders beurteilt als klassische Investitionen in Sachanlagegüter. Eine Bankenfinanzierung benötigt eine belastbare Risikoeinschätzung und greift deshalb bevorzugt auf Erwartungen von Gewinnen oder Kosteneinsparungen zurück. Da entsprechende Werte - und nicht zuletzt deren grundsätzliche wirtschaftliche Verwertbarkeit - für viele F&E- bzw. Digitalisierungsprojekte am Anfang nur schwer zu konkretisieren sind, müssen Unternehmen in der Regel nicht nur die entsprechende Liquidität vorhalten, sondern auch eine entsprechende Risikotragfähigkeit mitbringen, um Rückschläge ohne Beeinträchtigung der eigenen Bonität und damit andere laufende externe Finanzierungen verkraften zu können.

Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang öffentliche Fördermittel. So hat die KfW ihre klassische Innovationsförderung um den Aspekt Digitalisierung erweitert. Über den neu geschaffenen ERP-Innovations- und -Digitalisierungskredit stehen seither Unternehmen (mit einem Gruppenumsatz von bis zu 500 Mill. Euro) bis zu 25 Mill. Euro pro Innovations- oder Digitalisierungsvorhaben zur Verfügung. Der vergleichsweise schlanke Antragsprozess definiert in einem breiten Spektrum, welche Innovationen und Digitalisierungsmaßnahmen in die Förderung fallen.

Für Unternehmen mit einer Mitarbeiteranzahl von max. 500 wird optional eine Haftungsfreistellung von 70

% angeboten. Dies dürfte in vielen Fällen den durchleitenden Banken erleichtern, auch ehrgeizigere Vorhaben zu begleiten, da sie ohne Haftungsfreistellung - und dies ist der Regelfall - auch bei Förderkrediten das Ausfallrisiko selbst tragen und sich schon aus regulatorischen Gründen ausschließlich an der Bonität des Kunden orientieren müssen.

Das Programm öffnet sich zudem der Digitalisierung von Produkten, Produktion und Verfahren und fördert in diesem Zusammenhang auch Maßnahmen zur Ausrichtung der Unternehmensstrategie und -organisation. Es erzielte bereits kurz nach dem Start große Erfolge. Eine Ausweitung dieser Programme in Bezug auf die maximale Größe der förderfähigen Unternehmen oder weitere Fördermittel, gegebenenfalls auch spezifisch für Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, können die Investitionsdynamik in der Digitalisierung erhöhen.

Auch in Zeiten der Digitalisierung erweisen sich der persönliche Kontakt und das Vertrauen zwischen Kundenberater und Unternehmer als wichtiger denn je. Dabei spielt der Standort der Bankzentrale nicht unbedingt die entscheidende Rolle. Von erheblich größerer Bedeutung ist die beratende Begleitung des Kunden vor Ort, die eine individuell zugeschnittene und langfristig tragfähige Lösung für den Kunden ermöglicht.

Ein kompetenter und verlässlicher Finanzierungspartner leistet diesen Beitrag für eine erfolgreiche Zukunft der Unternehmen. Dazu gehört nicht nur die Beherrschung der Finanzierungstechniken, sondern auch eine schnelle und effiziente Bearbeitung ohne großen administrativen Aufwand. Eine Bank, die Mittelstandsthemen kennt, Märkte und Wettbewerbsumfeld versteht und auch mit den Prozessen in den Unternehmen vertraut ist, kann hier zusätzlichen Mehrwert leisten.

Börsen-Zeitung, 25.04.2018, Autor Michael H. Wiedmann, Vorsitzender des Vorstands, IKB Deutsche Industriebank, Nummer 79, Seite B 10, 1170 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018079803&titel=Die-Digitalisierung-ist-angekommen
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