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Redaktion

rendite - Anlagemagazin Ausgabe Mai 2018
STEUERN
Die neue Bundesregierung hat beschlossen, die Abgeltungsteuer auf Zinserträge abzuschaffen. Dies würde bereits Sparer mit nicht allzu hohem Einkommen treffen. Im Vergleich gewinnt die Aktienanlage deutlich an Attraktivität.

Von Werner Rüppel

Der Bund der Steuerzahler nimmt zu den Beschlüssen der neuen Bundesregierung kein Blatt vor den Bund: "Der Koalitionsvertrag ist eine große Enttäuschung für den Steuerzahler." Union und SPD hätten sich weit von ihren Wahlprogrammen entfernt, die eine Entlastung von kleinen und mittleren Einkommen versprochen hätten. Stattdessen seien teure Ausgabenprogramme aufgelegt worden. Vor allem gehe es nun dem Sparer ans Geld: "Für Sparer wird es teurer und vor allem bürokratischer."

Was ist passiert? Die neue große Koalition, die Groko, schreibt zwar im Koalitionsvertrag: "Steuervereinfachung ist eine Daueraufgabe." Doch steht in diesem Papier genauso, dass die Abgeltungsteuer auf Zinserträge mit der Etablierung des automatischen Informationsaustausches abgeschafft werden soll.

Dadurch würden Sparer künftig sehr viel stärker belastet als durch die derzeit geltende Abgeltungsteuer von 25 % (ohne Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer). Da aber Dividenden und Kursgewinne aus Aktien auch weiterhin der vergleichsweise niedrigen Abgeltungsteuer unterliegen, gewinnt für Anleger die Aktienanlage im Vergleich zu Anleihen (inklusive Anleihenfonds) deutlich an Attraktivität.

Zunahme der Bürokratie droht

Bisher ist allerdings unklar, ab wann Zinserträge wieder mit dem persönlichen Steuersatz belastet werden. Denn die Bedingung für die geplante Gesetzesänderung lautet ja "Etablierung des automatischen Informationsaustausches" mit dem Ausland. Deutschland hat zwar erstmals im Herbst 2017 automatische Meldungen an das Ausland gemacht und erhalten. Doch fehlt es zur Weiterleitung der Daten vom Bundeszentralamt für Steuern an die für die Steuerverwaltung zuständigen Finanzbehörden allerdings noch am IT-System. Diese Weiterleitung soll erst von 2019 an umgesetzt werden. Ralph Brinkmann, Vizevorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, sieht in der Reform der Abgeltungsteuer jedenfalls "kein Nahprogramm für die nächsten Monate." Vielmehr müsse sich die Union mit der SPD darüber verständigen, wann der Zeitpunkt erreicht sei, dass der internationale Informationsaustausch funktioniere.

Auch Details, wie die durch die unterschiedliche Besteuerung von Zinsen und Dividenden entstehenden Umgehungstatbestände verhindert werden sollen und wie der bürokratische Aufwand einer progressiven Zinsbesteuerung einigermaßen in Grenzen gehalten werden soll, sind bisher nicht bekannt. Es droht jedenfalls eine deutliche Zunahme der mit Kapitalerträgen verbundenen Bürokratie. So weist der Bund der Steuerzahler darauf hin: "Vor allem für diejenigen, die sich bisher nicht um die Steuern kümmern mussten, weil die Bank die 25 % Abgeltungsteuer zuzüglich Soli und ggf. Kirchensteuer automatisch abführte, wird nun womöglich wieder eine Steuererklärung fällig."

Auch die Kreditwirtschaft stöhnt über die Abschaffung der 2009 eingeführten Abgeltungsteuer für Zinseinkünfte. Denn eine Umsetzung der Maßnahme würde erheblichen Aufwand erfordern, wo es doch gerade erst Mifid II und die neue Fondsbesteuerung zu bewältigen galt.

Hinzu kommen auch Fragen, wie künftig bei Veräußerung anfallende Kursgewinne und -verluste von Anleihen zu behandeln sind; eigentlich müssten diese dann auch gemäß der progressiven Einkommensteuer veranlagt werden. Darüber hinaus halten Steuerfachleute es für geboten, dass Werbungskosten bei Abschaffung der Abgeltungsteuer für Zinseinkünfte wieder abgezogen werden können. Unklar ist auch, wie gemischte Investmentfonds behandelt werden sollen.

Steuerprogression trifft Sparer

Klar ist aber eines: Wird die Abgeltungsteuer für Zinserträge abgeschafft, steigt bei Kapitalerträgen, die den Sparerpauschbetrag in Höhe von 801 Euro im Jahr übersteigen, die Steuerlast auf Zinsen für die meisten Sparer deutlich an. Dies liegt am Verlauf der Steuerprogression hierzulande, denn zu den anderen Einkünften hinzu kommende Zinseinkünfte werden dann mit dem persönlichen Grenzsteuersatz veranlagt. "Die Progression ist so ausgestaltet, dass der Steuerpflichtige in Deutschland relativ rasch ein Niveau von über 25 % erreicht", erläutert Steuerberater Andreas Patzner, der Partner bei KPMG ist.

So weist auch der Bund der Steuerzahler darauf hin, dass bereits Sparer mit geringen Einkünften, etwa aus einer Rente, durch die Abschaffung der Abgeltungsteuer mehr belastet würden: "Denn ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von rund 16 000 Euro müssen Sparer womöglich mehr Steuern zahlen, wenn sie den Sparerpauschbetrag ausgelastet haben."

Bei einem zu versteuernden Einkommen eines Alleinstehenden von 60 000 Euro im Jahr beträgt der maßgebliche Grenzsteuersatz dann bereits 42 % (siehe Grafik). Inklusive des derzeit gültigen Solidaritätszuschlags (aber ohne Kirchensteuer) errechnet sich eine Steuerlast von 44,31 % im Vergleich zu 26,375 % Belastung durch die Abgeltungsteuer.

Um insbesondere Sparer mit nicht allzu hohem Einkommen durch die veränderte Zinsbesteuerung nicht zusätzlich zu belasten, könnte die Groko den Sparerpausch- bzw. Sparerfreibetrag, den Betrag, bis zu dessen Höhe die Einkünfte aus Kapitalvermögen steuerfrei sind, deutlich erhöhen. Von 1993 bis 1999 lag der damalige Sparerfreibetrag zum Beispiel bei mehr als 3 000 Euro pro Person. Von einer solchen Erhöhung war aber bei den Vereinbarungen der Groko nie die Rede. Sie gilt daher als politisch unwahrscheinlich.

Trend zu Aktien

Gewinner der geplanten Steueränderung wären sämtliche Aktienanlagen inklusive Aktienfonds. Denn bei ihnen bliebe die Abgeltungsteuer mit ihrer im Vergleich niedrigeren Besteuerung nebst der Vermeidung einer ausufernden Bürokratie erhalten. Nicht zuletzt aufgrund des niedrigen Zinsniveaus haben sich viele Vermögende in den vergangenen Jahren ohnehin vor allem am Aktienmarkt engagiert; und einige Titel bieten im Vergleich zu Zinsprodukten recht attraktive Dividenden. Dieser Trend dürfte bei einer progressiven Zinsbesteuerung noch zunehmen. Doch würden Aktien auch bereits für geringe und mittlere Einkommen attraktiver.

Manche Beobachter gewinnen indes der geplanten Steuererhöhung auch ihr Gutes ab. "Für Sparer ist das natürlich bitter, aber vielleicht öffnet es so manchem die Augen, dass Sparbuch & Co. ohnehin nicht mehr zeitgemäß sind", sagt Gerald Klein, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Robo-Advisors Growney: "Börsennotierte Anlagen gewinnen durch die neue Regelung an Attraktivität. Das ist die positive Seite der Änderung."

Börsen-Zeitung, 03.05.2018, Autor Werner Rüppel, Nummer 67, Seite B 30, 876 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018084835&titel=Groko-will-Sparer-schroepfen
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