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Redaktion

Eine Führungskraft auf Zeit sollte Durchsetzungskraft, Standfestigkeit und Souveränität gepaart mit Pioniergeist mitbringen

Obwohl der FC Bayern München dieses Jahr nicht das Triple gewinnen konnte, gingen die Bayern als der gefühlte Sieger aus den Champions-League-Halbfinalduellen mit Real Madrid hervor - der Übermannschaft der letzten Jahre. Denkbar knapp sind die Bayern auf europäischer Ebene gescheitert. Gleichzeitig konnten sie aber in diesem Jahr die fünfte Deutsche Meisterschaft in Folge feiern.

Erinnern wir uns zurück: Der FC Bayern verlor im September 2017 sang- und klanglos nach einem kraftlosen Auftritt mit 3 : 0 gegen Paris Saint-Germain. In der Bundesliga fünf Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund, die Leistungsträger unzufrieden und die Mannschaft keine Einheit mehr, sondern in Einzelgrüppchen zerfallen. In dieser Situation zog der Vorstand die Reißleine, entließ den Trainer Carlo Ancelotti und verpflichtete den aktuell wahrscheinlich prominentesten Interimsmanager Deutschlands als Interimstrainer: Jupp Heynckes.

Für alle C-Positionen denkbar

Die Trainerposition entspricht dem klassischen Einsatzgebiet von Interimsmanagern. Denn eine Führungskraft auf Zeit in eine Linienposition zu stellen ist das, wo das Interimsmanagement herkommt. Ein Interimsmanager kann in sämtlichen C-Positionen einspringen - vom Chief Information Officer (CIO) über den Chief Financial Officer (CFO) bis hin zum Chief Executive Officer (CEO). Geschäftsführer, Leiter Logistik, Leiter Beschaffung, Leiter Personal oder Leiter IT sind Beispiele für die mittlerweile gängigen Einsatzgebiete. Doch das ist nicht die einzige Parallele zum Sport. Und gerade Fußball bietet unglaublich viele Analogien zur Personalpolitik eines Unternehmens.

Teambildung wichtig

Denn eines wird meines Erachtens beim Fußball oft missverstanden: Es kommt nicht auf die Einzelleistung eines herausragenden Spielers an. Es kommt darauf an, ein Team zu bilden, in dem die Stärken eines jeden Spielers zur Geltung kommen und die Interaktion untereinander perfektioniert wird. Lukas Podolski zum Beispiel ist ein brillanter Spieler - er war der aufgehende Stern am Kölner Fußballhimmel und lange Teil der Nationalelf. Viele entscheidende Tore gingen bei Welt- und Europameisterschaften auf sein Konto. Dennoch: Beim FC Bayern München tat er sich schwer, und das lag mit Sicherheit nicht an seinem Talent, Können oder seiner Technik, sondern am Gesamtumfeld - an seiner Interaktion und Integration in das Team.

Bei der Auswahl zu beachten

Dass Human-Resources-(HR-) Management und Fußball vieles gemeinsam haben, wird auch deutlich, da Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußballnationalmannschaft, im vergangenen Jahr Gastredner einer HR-Experten-Konferenz des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson war. Dort verwies er im Gespräch mit Helmuth Uder, Managing Director des Unternehmens, unter anderem darauf, dass es bei der richtigen Auswahl nicht nur auf die technischen Fähigkeiten, sondern auch auf den Charakter ankomme. Ebenso wie Persönlichkeit. Denn Interimsmanager auf einer klassischen Linienposition müssen in der Regel komplexe Aufgaben bewältigen.

Bei der Auswahl kommt es daher nicht nur auf die Fähigkeiten, sondern auch auf die Wesenszüge und Eigenschaften an. Durchsetzungskraft, Standfestigkeit und Souveränität gepaart mit Pioniergeist sind zum Beispiel Persönlichkeitsmerkmale, die ein Interimsmanager mitbringen sollte. Deswegen betrachten wir - ähnlich wie der Nationaltrainer - unsere Kandidaten genau, ob sie zu uns und ihrem künftigen Wirkungskreis passen. Was Interimsmanager angeht, so sind sie in der Regel diejenigen, die wichtige Restrukturierungen anstoßen.

Komfortzonen gefährlich

Und was macht einen Restrukturierer aus? Er bricht veraltete Strukturen auf, ordnet Abläufe neu, er ist disruptiv. Und eine Konsequenz daraus ist, dass er Komfortzonen bereinigt. Und Hand aufs Herz - diese bequemen Ecken und Nischen gibt es in jedem Unternehmen und auch in jedem Team. Wenn ich mich recht erinnere, so wurde mir berichtet, hat auch Bierhoff auf der HR-Experten-Konferenz vor Komfortzonen gewarnt.

Auch ich halte Komfortzonen für gefährlich. Grundsätzlich sollte es sich niemand in seiner Nische zu gemütlich machen. Darunter leidet die Gesamtperformance. Jemand, der für Unruhe sorgt oder frischen Wind hineinbringt, der auch die gemütlichen Ecken erreicht, ist daher für jedes Unternehmen, jedes Team und letztlich für jede Form von Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Menschen wichtig. So jemanden im Unternehmen selbst zu haben wäre wünschenswert, ist aber nicht immer gegeben. Außerdem sind hier oftmals die Außensicht und der Vergleich innerhalb der Branche oder mit Wettbewerbern ein Plus, das ein Interimsmanager hat.

Ein Punkt sollte in diesem Kontext nicht außer Acht gelassen werden: Um sportliche Hochleistungen zu bringen, wie sie die deutsche Fußballnationalelf an den Tag legt, sind zwei Dinge auch sehr wichtig: Motivation und Selbstvertrauen. Die Kunst der Motivation müssen auch Interimsmanager beherrschen. Denn sie werden ja oft in schwierigen Situationen zu Rate gezogen. Wenn alles wunderbar läuft, ist ein Unternehmen schließlich nicht auf eine externe Expertise angewiesen. Um in schwierigen Situationen motivieren zu können, hilft auch die Außensicht und die Erfahrung.

Ein Interimsmanager als routinierter und erprobter Troubleshooter kann mitunter glaubhafter das Vertrauen schaffen, dass eine bestimmte Situation zu stemmen ist. Er kann auch aufgrund seines breiten Erfahrungsschatzes ganz anders motivieren. Deswegen ist er das Pendant zum richtigen Trainer für abstiegsgefährdete Fußballvereine. Interimsmanager sind die Heynckes oder Stögers der Realwirtschaft.

Rasche Einwechslung

Doch der Trainer fürs Unternehmen ist zwar das ältere Tätigkeitsfeld, aber nicht das einzige. Immer häufiger werden Interimsmanager auch ähnlich wie Auswechselspieler eingesetzt. Sprich: Neben Linienpositionen werden sie nun immer häufiger zur Steuerung von Projekten und Programmen eingesetzt oder, wenn man so will, rasch eingewechselt. Das sind die Umsetzungsaufgaben ohne eine größere Führungsverantwortung, für die im Unternehmen die richtige Expertise oftmals nicht vorhanden ist. Das kann das Ergebnisverbesserungsprogramm, der Aufbau eines Service-Zentrums, die konzerndeckende SAP-Einführung, die digitale Transformation oder die Tochtergesellschaft, für die ein Carve-out gestemmt werden muss, sein.

Gerade die Anforderungen der Digitalisierung und der Fachkräftemangel lassen den Bedarf an Interimsmanagern, die auf Projektbasis in ein Unternehmen geholt werden, steigen. Zwar ist das Interimsmanagement noch nicht so populär wie König Fußball. Doch der Bedarf und die Nachfrage steigen, und zwar unter anderem auch wegen des erweiterten Tätigkeitsfeldes. Denn viele Unternehmen sind auf der Suche nach Managern, deren Fähigkeiten über eine klassische Beratung hinausgehen.

Gefragt sind nicht nur Leute, die die Aufgaben und Herausforderungen erkennen und analysieren, sondern die auch Projekte realisieren und dafür das nötige Know-how mitbringen.

Zwischen Fußballern und Interimsmanagern gibt es noch eine weitere Parallele. Keiner von beiden kann durch künstliche Intelligenz (KI) ersetzt werden. Doch KI kann bei beiden die Leistung verbessern. Es ist kein Geheimnis, dass im Profifußball die Digitalisierung die Spiel- und die Trainingsanalyse optimiert hat. Mussten sich die Spieler früher das auf Video aufgezeichnete Spiel in 90 Minuten Länge ansehen, um ihre eigene sowie die Teamleistung zu beurteilen, erhalten sie heutzutage auf einer eigenen personalisierten App ihre persönlichen Statistiken und Daten, die sie flexibel und unabhängig vom Aufenthaltsort abrufen können. Zudem werden diese Daten auch von Experten interpretiert und so zusätzliche Erkenntnisse für Trainer und Spieler gewonnen, die man früher in dieser Form nicht erhalten hätte. Diese Daten unterstützen beim Training und auch bei der Entscheidungsfindung.

In Kürze verfügbar sein

Algorithmen und Daten spielen in ähnlicher Weise bei der Vermittlung von Interimsmanagern eine Rolle. Schließlich müssen geeignete Manager in sehr kurzer Zeit zur Verfügung stehen. Um das überhaupt leisten zu können, haben wir mit einem Investment von mehr als 15 Mill. Euro in den letzten zehn Jahren ein Netzwerk von etwa 10 000 Managern aufgebaut, die wir bezüglich ihrer potenziellen Einsatzfelder sehr gut einschätzen können, da wir sie - selbstredend in unterschiedlicher Intensität - persönlich kennen. Wer ist für welche inhaltliche Herausforderung einsetzbar? In welcher Unternehmenssituation? In welcher Unternehmensgröße? In welcher Eigentümerstruktur? Private Equity? Familienunternehmen? Börsennotiertes Unternehmen? Welchen Führungsstil braucht es im spezifischen Fall, um erfolgreich zu sein? Ist der Manager durchsetzungsstark? Integrativ? Kommunikationsstark? Flexibel? Verfügt er über hohe Empathie? Oder ist er ein brachialer Umsetzer?

Ohne dieses Wissen scheitern heikle Einsätze meist, und eine situativ sowohl inhaltlich als auch persönlich passgenaue Lösung ist nicht möglich. Nicht die Bereitstellung einer Ressource, sondern die erfolgreiche Bewältigung der anstehenden Herausforderungen durch den Einsatz des genau richtigen Managers in der jeweiligen Situation zählt. Eben genauso, wie Jupp Heynckes der beste Fit für den FC Bayern war und den Erfolg zurückgebracht hat.

Rainer Nagel

Mitglied des Executive Board sowie Mitbegründer von Atreus

Börsen-Zeitung, 14.06.2018, Autor Rainer Nagel, Mitglied des Executive Board sowie Mitbegründer von Atreus, Nummer 111, Seite B 2, 1270 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018111802&titel=Interimsmanagement---Fussball---Eine-Analogie
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