Redaktion

Rhein-Main-Gebiet nicht unbedingt erste Wahl europalos gewordener Banker

Gibt man "Brexit" in eine Suchmaschine ein, so werden über 87 Millionen Treffer gemeldet. Von derart vielen Treffern zu Neuvermietungen wegen Standortverlagerungen aufgrund des Brexit kann man im Rhein-Main-Gebiet nur träumen.

Zur Erinnerung: Am 30. März 2019 ist es soweit, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland werden aus der Europäischen Union austreten. Von der nach dem Referendum von 2016 herrschenden Hysterie beziehungsweise Euphorie ist jedoch nicht mehr viel übrig. Der Brexit dümpelt vor sich hin, die Frage, ob und in welcher Form er kommt, ist noch immer unklar. Demzufolge ist auch für die Entscheidungen zu Standortverlagerungen von Unternehmen und deren Größenordnung noch vieles, wenn nicht alles offen.

In Bezug auf den Immobilienmarkt im Rhein-Main-Gebiet scheint es jedenfalls so, als sei die Katerstimmung vor der eigentlichen Party ausgebrochen. Dass Finanzinstitute wegen des Brexit händeringend Gewerbeflächen suchen oder aber der angespannte Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet nunmehr zusätzlichem Druck durch "Massen" von britischen und nordirischen Investmentbankern ausgesetzt wird, ist wohl nicht zu befürchten.

Gründe dafür gibt es einige. Parallel zu den politischen und administrativen Unsicherheiten wurde offensichtlich, dass das Rhein-Main-Gebiet und speziell Frankfurt nicht unbedingt erste Wahl von europalos gewordenen Bankern ist. So beschloss die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) zwar, ihren Sitz von London auf den Kontinent zu verlegen, den Zuschlag erhielt jedoch Frankreichs Hauptstadt Paris. Frankfurt dagegen schied schon in der zweiten von drei Abstimmungsrunden aus. Folgerichtig haben die großen Investmenthäuser und -banken, allen voran Bank of America, Morgan Stanley und HSBC, angekündigt, Stellen vorwiegend nach Paris zu verlagern.

Der französische Präsident verspricht darüber hinaus Steuererleichterungen und garantierte der EBA mietfreie Flächen. Nach der Entscheidung über die Sitzverlegung twitterte er "C'est la reconnaissance de l'attractivité et de l'engagement européen de la France". Hessens Wirtschaftsminister stellte dagegen fest, dass man mietfreie Büros weder anbieten könne noch wolle und die Entscheidung der französischen Politik nicht nachvollziehen werde. Man war sich dort offensichtlich der Sparzwänge europäischer Behörden ebenso wenig bewusst wie der Wirkung des Charmes von Präsident Macron.

Der Umzug der EBA hat jedoch eine erhebliche Sog- und Signalwirkung, und Paris scheint nunmehr auch für die Immobilienbranche erste Wahl zu sein. Nicht zu unterschätzen ist übrigens auch der Druck auf Arbeitgeber, den Mitarbeiter beziehungsweise deren Familien aus-üben, die vor Versetzung und Umzug auf den Kontinent stehen. Vor die Wahl gestellt, von London nach Preungesheim oder nach Paris zu ziehen, ist es für die Betroffenen augenscheinlich leicht, eine Entscheidung zu fällen.

Gewisser Vorsicht geschuldet

Außerdem stellt sich die Frage, ob überhaupt Umzüge von ganzen Haushalten stattfinden werden oder nicht vielmehr die Familie in London bleibt und nur Mann oder Frau unter der Woche in die EU pendeln werden. In diesem Fall dürften ein Service-Appartement oder entsprechende Luxus-WGs bevorzugt werden. Denn wer will seine Kinder schon aus der Schule nehmen, solange unklar ist, wohin die Reise geht? Dass sich Banken schon Kontingente in bilingualen Schulen im Rhein-Main-Gebiet gesichert haben sollen, dürfte allein einer gewissen Vorsicht geschuldet sein.

Jedenfalls haben anfängliche Zahlenspiele, wie viele Jobs wegen des Brexit aus London abgezogen und auf den Kontinent verlagert würden, deutlich abgenommen. War in Hochzeiten von einer fünfstelligen Zahl von Jobs die Rede, geht man nun davon aus, dass im Rhein-Main-Gebiet weniger Arbeitsplätze entstehen werden. Bezieht man dann noch ein, dass zumindest in der Anfangszeit vor allem Service-Appartements von den Auswanderern bevorzugt werden, ist von einem nennenswerten weiteren Druck auf den Wohnimmobilienmarkt im Rhein-Main-Gebiet eher nicht auszugehen.

Stärkerer Sog nach Paris

Auch mit Blick auf Gewerbeimmobilien ergibt sich kein wesentlich anderes Bild. Verglichen mit einem Standort wie Paris gibt es in der Rhein-Main-Region eine nicht unerhebliche Leerstandsquote. Kapazitäten wären also problemlos vorhanden, wenn auch nicht zwingend in den bevorzugten Premiumlagen und den "frischesten" Gebäuden. Da aber noch gar nicht klar ist, wie viele Mitarbeiter aus London kommen werden - ob also vielleicht erst einmal nur eine Notbesetzung, um die Mindestanforderungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu erfüllen, gestellt werden wird - ist ein "Run" auf entsprechende Gewerbeimmobilien im Rhein-Main-Gebiet nicht feststellbar. Offensichtlich spielen hier die im Vergleich zur französischen Hauptstadt günstigeren Gewerberaummieten keine Rolle, der Sog nach Paris scheint stärker.

Wie Hohn muss es sich für den Wohnungssuchenden im Rhein-Main-Gebiet anhören, wenn eines der stärksten Argumente, die für die Rhein-Main-Region sprechen würden, neben günstigen Gewerbemieten insbesondere die vergleichsweise billigen Wohnungsmieten sind. In London, wo der Mietzins grundsätzlich wöchentlich berechnet wird, ist es ohne Probleme möglich, etwa für Wohnungen mit drei Schlafzimmern nicht weniger als 10 000 Pfund pro Woche zu verlangen. Entsprechende Mietforderungen im Rhein-Main-Gebiet, die sich dann etwa auf rund 50 000 Euro im Monat belaufen würden, haben eher Seltenheitswert.

Ein zwangloser Blick auf die Seiten entsprechender Internet-Anbieter zeigt etwa für Wiesbaden als teuerste Option eine Kaltmiete von rund 3 000 bis 4 000 Euro pro Monat, mithin weniger als ein 1/10 dessen, was man für vergleichbare Objekte in London auszugeben hätte. Für Brexit-Abwanderer also geradezu ein Schnäppchen. Dennoch darf bezweifelt werden, ob das allein ein ausreichender Grund ist, um Wiesbaden einer Metropole wie Paris vorzuziehen. In den meisten Fällen werden die entsprechenden Mieten der Betroffenen durch die Arbeitgeber getragen. Da diese sich ohnehin bemühen müssen, Mitarbeiter zu finden, die den Sprung auf den Kontinent mitmachen, ist kaum zu erwarten, dass der Wohnungsmietzins zum primären Argument wird.

Erheblicher Dämpfer

So sehr sich manche Beobachter und Kenner des Marktes von einer gewissen Brexit-Euphorie haben mitreißen lassen und auch die Politik schon bereitstand, große Massen von Brexit-Auswanderern willkommen zu heißen: Sie werden sich wohl nicht in nennenswerter Anzahl im Rhein-Main-Gebiet niederlassen. Für den ohnehin angespannten Wohnungsmarkt also eine gute Nachricht, wenngleich diese Entwicklung für den Markt der Gewerbeflächen und die Wirtschaftskraft der Region insgesamt einen erheblichen Dämpfer bedeutet.

Dietrich Sammer, Fachanwalt für Immobilienrecht bei der Kanzlei FPS in Frankfurt am Main

Börsen-Zeitung, 06.10.2018, Autor Dietrich Sammer, Fachanwalt für Immobilienrecht bei der Kanzlei FPS in Frankfurt am Main, Nummer 192, Seite B 11, 929 Wörter

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