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Redaktion

Zum Markenkern der Kreditgenossenschaften gehört die flächendeckende Versorgung mit Finanzdienstleistungen

Der ländliche Raum ist eine nur schwer fassbare Bezugsgröße. "Die ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens erstrecken sich über zwei Drittel der Landesfläche. Hier leben rund sechs Millionen Menschen, das ist ein Drittel der nordrhein-westfälischen Bevölkerung", so ist auf der Homepage des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz zu lesen. So weit, so klar. Wer dagegen nach einer Definition für den ländlichen Raum sucht, hat es schwer.

Laut dem Lexikon für Geografie wird er zum Beispiel in der Raumordnung "meist als ,Restgröße` angesehen, als Gebiet, das weder Verdichtungsraum noch Randzone eines Verdichtungsraumes ist und in diesem Sinne im Gegensatz zum städtischen beziehungsweise urbanen Raum steht". Die Komplexität wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass der ländliche Raum einem starken Wandel unterliegt: Prognosen zufolge werden bei einer wachsenden Weltbevölkerung bis 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten wohnen. Hierzulande wird der Bevölkerungsrückgang vom starken Zuzug in die Städte flankiert. Um nur einige Stichworte zu nennen, sind neue Konzepte für Mobilität, Kommunikation, Wohnen, Infrastruktur, Gesundheit und öffentliche Räume gefragt.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) gibt es 31 Landkreise und 22 kreisfreie Städte, in denen - Stand Jahresende 2017 - 132 Volksbanken und Raiffeisenbanken agieren. Auf den ersten Blick zeigt sich, dass ihr Marktverständnis sich nicht primär an den Gebietskörperschaften orientiert. Neben ökonomischen kommen hier auch kulturelle und soziale Aspekte zum Tragen, Faktoren von Identität und Lebensqualität erhalten ein starkes Gewicht. Alle Volksbanken und Raiffeisenbanken sind seit jeher geschäftspolitisch unabhängig. Mit ihrem Förderauftrag können sie sich auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder sowie der Wirtschaft in ihrem jeweiligen Geschäftsgebiet ausrichten.

Heimatbanken für Kunden

Für die Kunden sind sie Heimatbanken - nicht umsonst gehört der Name der Region zur Marke der Häuser. Bei ihren Anlage- und Finanzierungsentscheidungen honorieren die Verbraucher in den vielfältigen Märkten die Rolle der Kreditgenossenschaften als Garanten funktionierender regionaler Wertschöpfungskreisläufe. Das dokumentieren die Wachstumsraten im Kundengeschäft: In Nordrhein-Westfalen wuchs allein 2017 das Kreditvolumen um 7 % auf über 131 Mrd. Euro. Die Einlagen legten um 3,4 % auf fast 142 Mrd. Euro zu. Die Zahl der Mitglieder stieg um über 12 000 auf ca. 2 750 000. Diese beeindruckende Bilanz resultiert aus der Einhaltung des Qualitätsversprechens einer wahrhaft starken Marke - das Vertrauen der Menschen macht die eigentliche Stärke dieser Marke aus.

Zum Markenkern der Gruppe gehört die flächendeckende Versorgung mit Finanzdienstleistungen. Die Genossenschaftsbanken finanzieren zum einen vor allem die mittelständische Wirtschaft, darunter manche "Hidden Champions" - und begleiten sie mit der international aufgestellten Finanzgruppe in die Weltmärkte. Zum anderen erhalten die Volksbanken und Raiffeisenbanken mit ihrer örtlichen Kundennähe und ihren Allfinanz-Dienstleistungen den Wettbewerb in der Fläche aufrecht. Gerade für ländliche Räume sind die Kreditgenossenschaften so eine entscheidende Lebensader. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Lebensfähige Regionen sind eine Voraussetzung für erfolgreiche Kreditgenossenschaften überall in diesen Regionen.

Insofern sind die Probleme, die man dem ländlichen Raum nachsagt - von der Entvölkerung bis zum Verfall der Infrastruktur - auch Herausforderungen, denen die Volksbanken und Raiffeisenbanken sich stellen müssen. Das betrifft zum einen strukturelle Anpassungsprozesse bei den Banken selbst, zum anderen aber auch die Entwicklung von Lösungen, um das Leben und Arbeiten auf dem Land attraktiv zu machen.

Regulierung führt zu Fusionen

Zunächst zu den Banken selbst: Allein im Jahr 2017 ging ihre Zahl in Nordrhein-Westfalen fusionsbedingt um 16 zurück. Es ist unbestritten, dass dafür Faktoren wie ein verändertes Kundenverhalten im Zuge der Digitalisierung und der demografische Wandel eine wesentliche Rolle spielen. Ebenso unbestritten ist aber, dass die Regulierung im Zusammenwirken mit der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) immer stärker das Wirtschaften beeinflusst. Diese staatlich administrierten Einflüsse sind in den letzten Jahren im Gefolge der Finanzkrise immer stärker geworden.

Hauptursache ist eine Regulierung, die nicht genügend zwischen systemrelevanten Großbanken und risikoarmen regionalen Instituten unterscheidet. Kleinere Banken werden überproportional belastet. Wenn durch eine zunehmende Zahl von Auflagen interveniert wird, führt dies in logischer Konsequenz zu einer Beschränkung von Wettbewerb. Das bekommen vor allem die Verbraucher und die mittelständische Wirtschaft im ländlichen Raum zu spüren.

Ein natürlicher Bündnispartner für wirtschaftliche Entwicklungen im ländlichen Raum ist die Landwirtschaft. Die Agrarbetriebe sind dort oft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und prägen ihn auf vielfältige Weise. Die Infrastruktur ist oft erst dank der landwirtschaftlichen Nutzung entstanden. Bundesweit sind die Genossenschaftsbanken seit Jahren mit einem Marktanteil von rund 50 % der wichtigste Partner, für Finanzierungen im Agrarbereich. Die Landwirtschaft bleibt allein schon durch den Investitionsbedarf in die Digitalisierung eine kapitalintensive Zukunftsbranche, die viele geschäftliche Möglichkeiten bietet. Gleichzeitig sind auch die Genossenschaften im Agrarsektor ein leistungsfähiger Partner der landwirtschaftlichen Betriebe und ermöglichen in Feldern wie Einkauf und Vermarktung zukunftsfähige Wertschöpfungsketten.

Insofern gibt es praktisch überall im ländlichen Raum einen genossenschaftlichen Kern, der existenziell an dessen Zukunftsfähigkeit interessiert sein muss. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sind jedoch durch ihre hohe Mitgliederzahl und als Partner für Finanzangelegenheiten quer durch alle Branchen und Bevölkerungsschichten in einer Alleinstellung. Es ist diese enge Verbindung von Finanz- und Realwirtschaft, das Wissen um die regionalen Besonderheiten und die gewachsenen Beziehungen zu den Menschen vor Ort, die von Beginn an ganz wesentliche Eckpfeiler ihres Geschäftsmodells sind. Jedoch wird dieses Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter langfristig eine erhebliche Transformation erfahren. Digitalisierung ist der stärkste Treiber für Entgrenzung - es stellt sich die Frage, wie sich in nicht allzu ferner Zukunft regionales Banking im Allgemeinen, im ländlichen Raum im Besonderen, von den überregional agierenden Wettbewerbern unterscheiden wird.

Entscheidender Ankerpunkt für die Positionierung dürfte weniger das Banking selbst, als die den Kunden umgebende Region sein. Sie stellt als zusammenhängendes Gebiet, Raum des Vertrauten und Ort der Zusammengehörigkeit den stabilen Rahmen für sein Alltagsleben dar. Die Bank könnte ihm als Plattform und Impulsgeber zum unentbehrlichen Partner für regional orientiertes Verhalten werden.

Breitbandgenossenschaften

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken können zum Beispiel Treiber für die digitale Infrastruktur sein, weil der ländliche Raum sonst im Standortwettbewerb weiter zurückfällt. Sie können ihr Wissen über und ihre Netzwerke für Selbsthilfestrukturen einbringen. So könnten sich Bürger, Unternehmen und Kommunen zum Beispiel in Breitbandgenossenschaften zusammenschließen, um gemeinschaftlich den Ausbau voranzutreiben und von einer kostengünstigen Versorgung profitieren. Erste Breitbandgenossenschaften beziehungsweise Richtfunkgenossenschaften wurden 2017 in der Region Paderborn und in Hagen gegründet.

Auch für weitere zentrale Herausforderungen bietet die genossenschaftliche Rechtsform innovative Lösungsansätze: vom demografischen Wandel über die medizinische Versorgung bis hin zu Schulen. Zum Beispiel spielen die fast durchweg von den Volksbanken und Raiffeisenbanken initiierten Energiegenossenschaften beim Ausbau der erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle für die Energiewende. In Nordrhein-Westfalen gibt es 147 davon. Als Inkubator für Neugründungen in Zukunftsthemen kann das genossenschaftliche Grundverständnis der Volksbanken und Raiffeisenbanken sehr viel zur Belebung ländlicher Räume beitragen. Nicht nur das Raiffeisenjahr 2018 bietet dafür eine hervorragende Plattform.

Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes - Verband der Regionen

Börsen-Zeitung, 12.10.2018, Autor Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes - Verband der Regionen, Nummer 196, Seite B 2, 1076 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2018196802&titel=Banken---Partner-fuer-Entwicklungen-im-laendlichen-Raum
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