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Redaktion


IM INTERVIEW: VANDA HEINEN UND JENS WILHELM, UNION INVESTMENT
Dax-Ranking der Fondsgesellschaft zeigt Fortschritte in der Transparenz von Unternehmen - Anforderungen der Investoren nehmen zu
Union Investment hat zum zweiten Mal die Corporate Governance der Konzerne im Dax 30 einem Ranking unterzogen. Gute Unternehmensführung und -kontrolle sind aus Sicht der Fondsgesellschaft Union Investment entscheidend für eine langfristig gute Wertentwicklung. Im Interview der Börsen-Zeitung erläutern Vorstandsmitglied Jens Wilhelm und Analystin Vanda Heinen die Resultate der Untersuchung.

- Frau Heinen, Herr Wilhelm, Sie haben zum zweiten Mal ein Corporate Governance Ranking für den Dax 30 erstellen lassen. Welches Zeugnis stellen Sie aus?

Wilhelm: Das Thema Corporate Governance ist in den vergangenen Jahren immer relevanter geworden. Anleger und Investoren diskutieren intensiv über Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Unternehmenssteuerung. Konzerne mit guter Corporate Governance sind aus unserer Sicht langfristig erfolgreicher. Deshalb war es für uns wichtig, die Entwicklung in einem Ranking weiter zu verfolgen.

- Wie fallen die Zeugnisse nun aus?

Wilhelm: Besser als beim letzten Mal. 2016 war es aus unserer Sicht eine durchschnittliche Klassenarbeit - bei überschaubaren Anforderungen. Die Anforderungen sind gleich geblieben, aber das Resultat ist besser geworden. Die Unternehmen haben sich angestrengt.

- Die Firmen haben sich das erste Ranking also zu Herzen genommen?

Wilhelm: Definitiv. Vor zwei Jahren war die Resonanz groß. Unser Ranking ist transparent und nachvollziehbar, so dass den Unternehmen unmittelbar klar wurde, an welchen Stellen es aus unserer Sicht hapert. Darauf haben sie reagiert.

- Auf Platz 1 steht diesmal die Münchener Rück, die 9 Punkte hinzugewonnen hat. Was zeichnet das Unternehmen aus?

Heinen: Fast alle Unternehmen haben sich verbessert. Zum Teil sogar sehr deutlich, was sehr erfreulich ist. Die Münchener Rück ist bei der Geschlechterquote und der Internationalität der Aufsichtsratsmitglieder gut aufgestellt. Daneben ist der Aufsichtsrat ausreichend unabhängig besetzt. Insbesondere konnte die Münchener Rück bei den Transparenzanforderungen punkten. Es ist aber auch gar nicht so schwer, in dem Ranking gut abzuschneiden.

- Sind die Anforderungen so moderat?

Heinen: Nein, aber allein durch Transparenz kann ein Unternehmen sehr viele Pluspunkte sammeln. Für den Investor ist die Offenlegung von Informationen entscheidend, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Aus unserer Sicht ist das eine Bringschuld der Unternehmen. Der Investor kann sich die Informationen angesichts der Vielzahl an Hauptversammlungen nur schwer selbst zusammensuchen.

- Den größten Sprung hat SAP gemacht, die zuvor zu den Schlusslichtern zählte. Da scheint ja ein Ruck durchs Softwarehaus gegangen zu sein?

Wilhelm: SAP hat nach dem schlechten Abschneiden im ersten Ranking viele Themen sehr ernst genommen und den Dialog mit Investoren gesucht. Auch hier gab es 2016 vor allem Defizite in der Transparenz. Dazu kam die Aufsichtsratsbesetzung.

- Kann man angesichts des Ergebnisses festhalten, dass alle Unternehmen guter Corporate Governance mehr Gewicht geben?

Heinen: Ja. Die Unternehmen packen die entscheidenden Themen an. Die Verbesserung der Transparenz haben wir schon angesprochen, dazu wird Diversität bei der Besetzung von Aufsichtsräten und auch Vorständen stärker berücksichtigt.

- Welche Transparenzanforderungen stellen Sie an Unternehmen?

Heinen: Das reicht von der dauerhaften öffentlichen Verfügbarkeit der Lebensläufe von Vorstand und Aufsichtsrat über die Auflistung der Mandate bis hin zu Altersgrenzen und Regelgrenzen für die Zugehörigkeit zum Aufsichtsrat. Es geht auch um detailliertere Informationen über den Abschlussprüfer wie etwa die Dauer seiner Mandatierung. Diese Angaben haben viele Unternehmen in der Vergangenheit nicht veröffentlicht, sie sind für Investoren aber sehr wichtig.

- Damit sind ja noch keine inhaltlichen Anforderungen an Unternehmen gestellt?

Wilhelm: Mit der erhöhten Transparenz ist die Grundlage für eine verbesserte Einschätzung der Corporate Governance von Unternehmen geschaffen. Das ist die Basis, die längst hätte vorhanden sein müssen. Hier nachzubessern, war der erste Schritt, für den wir vielen Unternehmen ein gutes Zeugnis ausstellen. Entscheidend ist aber, wie Corporate Governance in den Unternehmen gelebt wird. Es geht um mehr als das Abhaken von Kriterien. Für uns ist es wichtig, dass diese Themen gelebte Unternehmenskultur werden. Hier sind wir noch nicht am Ziel.

- Das wird allerdings auch schwieriger zu ermitteln. Manches Unternehmen erfüllt ja zum Beispiel den Governance-Kodex, gilt aber dennoch als schwarzes Schaf.

Wilhelm: Hier setzt die Kodex-Kommission an, wenn sie künftig in einem "Apply and explain"-Ansatz verlangt, dass sich Unternehmen detailliert dazu äußern, wie sie bestimmte Governance-Grundsätze umsetzen. Das wird dem Investor mehr Informationen über die gelebte Governance-Kultur geben. Somit lässt sich sagen: Ein gutes Abschneiden im Ranking ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für gute Governance.

- Dient Ihnen das Ranking vor allem für den Dialog mit den Unternehmen, oder fließt es auch in Investmententscheidungen ein?

Heinen: Wir nutzen es für unseren Dialog mit den Aufsichtsratsvorsitzenden, aber auch als Grundlage für unser Engagement auf den Hauptversammlungen. Beides sind wichtige Informationsquellen für gute Anlageentscheidungen.

- Gibt es Unternehmen, bei denen Sie aus Governance-Gründen nicht investiert sind?

Wilhelm: Ja, solche Unternehmen gibt es. Dazu zählen aber nicht die Dax-Konzerne. Governance ist nur ein Kriterium in der Beurteilung von Unternehmen. Wir schauen uns auch ökologische und soziale Aspekte intensiv an. Bei Union Investment werden heute schon 42 Mrd. Euro von insgesamt rund 330 Mrd. Euro streng nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt, vor fünf Jahren waren es erst 7 Mrd. Euro: Wir meinen es also ernst! Ein Unternehmen wie Bayer genügt etwa derzeit wegen der Reputations- und Klagerisiken nach der Übernahme von Monsanto diesen strengen Nachhaltigkeitskriterien nicht.

- In Ihrem Ranking schneidet Bayer aber gut ab?

Heinen: Bayer hat einen Aufsichtsrat mit herausragender Expertise und hoher Diversität. Das Problem, dass zumindest temporär mehr als ein Drittel des Börsenwertes verloren gegangen ist, liegt maßgeblich an dem von Bayer übernommenen Unternehmen. Insofern ist es auch ein Governance-Thema, denn Bayer muss dafür sorgen, dass die hohen Standards nun auch bei Monsanto etabliert und gelebt werden. Für uns ist entscheidend, ob die Integration gelingt und die Klagerisiken handhabbar sind.

- Wird gute Governance in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Wilhelm: Bei guter Governance-Kultur ist ein Unternehmen in der Regel auch sensibler in Fragen von Umweltschutz und gesellschaftlicher Verantwortung. Gute Governance stärkt zudem das Vertrauen in die Aktie als Anlageform. Diese Aspekte sind heute ähnlich wichtig wie die Wertentwicklung.

- Sind denn Investorenmeinung und öffentliche Meinung überhaupt in Einklang zu bringen? Sie werden doch eine Kostensenkung mit Massenentlassungen anders beurteilen als die Öffentlichkeit?

Wilhelm: Das wächst immer mehr zusammen. Viele institutionelle Anleger stehen unter Rechtfertigungsdruck, wie und wo sie ihr Geld anlegen. Sie wollen sicher sein, dass ein Unternehmen nicht morgen mit Schlagzeilen in der Zeitung steht, die gesellschaftlich nicht akzeptabel sind. Wir sind an einer Schwelle, wo das enorme Bedeutung bekommt. Der regulatorische Druck tut ein Übriges.

- Volkswagen hat im Ranking zwar eine etwas bessere Note als 2016, bleibt aber auf dem letzten Platz. Ist der Autokonzern für Sie ein hoffnungsloser Fall?

Heinen: Nein. Volkswagen hat eine besondere Eigentümerstruktur, was die Besetzung des Aufsichtsrats nicht einfacher macht. Unsere Kritikpunkte entzünden sich maßgeblich an der mangelnden Unabhängigkeit des Kontrollgremiums und an der Transparenz. Das sind fundamentale Themen.

- Eine leichte Verbesserung ist dennoch zu erkennen?

Wilhelm: Ja, aber VW hat noch viel Luft nach oben. Angesichts der vergleichsweise einfachen Anforderungen sollte sich kein Unternehmen auf Dauer mit Note 4 zufriedengeben.

- Häufiger Kritikpunkt in Ihrer Governance-Beurteilung sind zu viele Mandate von Aufsichtsräten. Ist Ämterhäufung immer noch ein Problem?

Wilhelm: Die Zahl der Mandate ist aus Sicht der Investoren ein zentrales Thema. Aufsichtsräte sind ein wichtiges Instrument im System von Checks and Balances. Sie brauchen vor allem eines: genügend Zeit. Daneben achten wir auf Kompetenz und Unabhängigkeit.

- Welche Kriterien für die Unabhängigkeit von Aufsichtsräten sind für Sie entscheidend?

Heinen: Die Hälfte der Aktionärsvertreter sollte unabhängig sein. Unabhängigkeit setzt zum Beispiel voraus, dass man kein ehemaliges Vorstandsmitglied ist, dem Gremium nicht länger als zehn Jahre angehört und kein Interessenkonflikt aufgrund persönlicher oder geschäftlicher Beziehungen bestehen kann.

- Wie detailliert müssen sich die Unternehmen dazu äußern?

Wilhelm: Es muss erklärt und dokumentiert werden, wie sich der Aufsichtsrat mit der Unabhängigkeit auseinandergesetzt hat. Das ist hoch relevant für uns und spielt auch eine wichtige Rolle in der aktuellen Kodex-Reform.

- Es wird oft kritisiert, dass Investoren und Stimmrechtsberater Unternehmen in ein Raster pressen und unternehmensspezifische Aspekte nicht berücksichtigen. Diese Kritik würden Sie für sich nicht gelten lassen?

Heinen: Nein, denn wir sind nicht sklavisch an die Abstimmungsrichtlinien gebunden. Wir versuchen vielmehr, im Dialog mit den Aufsichtsratsvorsitzenden die entscheidenden Dinge vor der Hauptversammlung zu besprechen, um uns ein eigenes Bild zu machen. Die Leitsätze für den Dialog zwischen Investor und Aufsichtsrat sind dabei eine gute und wichtige Orientierungshilfe.

- Der Austausch mit den Aufsichtsratsvorsitzenden ist inzwischen also fest etabliert?

Wilhelm: Ja. Vor wenigen Jahren steckte das Thema noch in den Kinderschuhen, das hat sich geändert. Die Aufsichtsratsvorsitzenden sind offen und gesprächsbereit, die Themen sind klar abgesteckt.

- Unternehmen sind dennoch manchmal von Abstimmungsergebnissen überrascht, der Dialog reicht offenbar nicht aus?

Heinen: Die kontroversen Abstimmungen über Vergütungsprogramme waren ein Katalysator. Seither suchen Aufsichtsratsvorsitzende verstärkt den Dialog mit Investoren. Die schlechten Abstimmungsergebnisse haben sie alarmiert.

- Sind denn ausländische Investoren aktiv genug und gehen in den Diskurs?

Wilhelm: Es wird dauerhaft nicht möglich sein, dass Investoren sich passiv verhalten. Jeder Investor muss sich seine eigenen Gedanken machen und darf sich nicht blind auf die Vorschläge der Stimmrechtsberater verlassen.

- Haben Sie es bedauert, dass es hierzulande kein verbindliches Vergütungsvotum geben soll?

Wilhelm: Nein. Der Aufsichtsrat ist für die Vorstandsvergütung verantwortlich, und die Investoren haben genügend Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen.

- Warum nutzen Sie ein eigenes Ranking, reicht der Corporate Governance Kodex für eine Beurteilung nicht aus?

Heinen: Mit dem Ranking wollen wir das abstrakte Thema Corporate Governance für uns operationalisieren. Es deckt viele Kriterien des Kodex ab, geht aber darüber hinaus, weil uns weitere Punkte wichtig sind. Wir gehen davon aus, dass die Überschneidungen im Zuge der Kodex-Reform noch größer werden.

- Hielten Sie es für zielführend, dass sich auch Investoren einen eigenen Stewardship Code geben?

Wilhelm: Wir brauchen nicht noch ein separates Regelwerk. Ich halte es für richtig, den Deutschen Corporate Governance Kodex so weiterzuentwickeln, dass er für alle relevant ist.

- Wollen Sie Ihr Ranking auf den Dax 30 begrenzen oder vielleicht auch mal in den MDax schauen?

Wilhelm: Wir denken über verschiedene Szenarien nach. Das Dax-Ranking strahlt natürlich auf den MDax ab. Erst einmal wollen wir aber den Blick auf große europäische Konzerne richten. Dabei wird sich dann auch zeigen, wie die Dax-Konzerne im europäischen Vergleich abschneiden.

Das Interview führte Sabine Wadewitz.

Börsen-Zeitung, 07.02.2019, Autor Sabine Wadewitz, Nummer 26, Seite 13, 1618 Wörter

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