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Redaktion

Sie entfalten aber auch eine Eigendynamik - Investoren und Anbieter sollten sich damit auskennen

Zu Beginn des Jahres 2018 wurden Tier- und Menschenversuche mit Dieselmotorabgasen bekannt gemacht und in einen Zusammenhang mit der Automobilindustrie gebracht. Sie sollten die Stickoxidverträglichkeit bei Affen und Menschen dokumentieren. Ich hatte das Vergnügen, als Vizepräsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft in einer Nachrichtensendung dazu Stellung zu beziehen. Im Vorspann zu dieser Stellungnahme äußerten sich Vertreter der Wirtschaft und der Politik zu den Versuchen und kommentierten sie reihum als ethisch und moralisch verwerflich, widerlich sowie absurd und distanzierten sich davon. Erst im Anschluss an diese moralisierenden Auslassungen bekundeten die Sprecher, dass jetzt einmal zu klären sei, was überhaupt passiert sei und wie die Faktenlage aussehe.

Die Moderatorin war anschließend etwas verwundert, als ich mein Statement damit begann klarzustellen, dass hier wie in ähnlichen Fällen zuerst eine allgemeine ethisch-moralische Verurteilung ausgegossen werde, um anschließend eine Feststellung der Fakten in Aussicht zu stellen. Ich erklärte auch, dass ich mir wünschte, dass die umgekehrte Reihenfolge die Regel werde. Nach meiner Auffassung von Ethik und Moral ist es verantwortungslos, zunächst öffentlich moralische Urteile zu verbreiten und erst anschließend die Faktenlage zu klären. Im Fall jener Tierversuche dürfte das Verwerfliche darin gelegen haben, dass einige mit manipulierten Abgasen durchgeführt wurden und die Belastung der Tiere und Menschen kaum wissenschaftlichen Wert haben konnte.

Ethik und Moral haben sich zu Marktfaktoren entwickelt. Sie entfalten aber auch eine Eigendynamik, mit der sich Investoren wie auch Anbieter auskennen sollten. Spätestens seit dem Skandal Mitte der neunziger Jahre um das zu versenkende schwimmende Erdölzwischenlager "Brent Spar" in der Nordsee hat ethisches Investieren auf der Basis der Internalisierung negativer externer Effekte enorm an Macht gewonnen. Zumeist werden sie nachhaltige Geldanlage genannt. Aus der Sicht der klassischen Anlagestrategien beruhen solche Geldanlagen auf nichtfinanziellen, zumindest aber extrafinanziellen Anlagekriterien. Es gelangen ökologische, soziale sowie ethische Motive in die Motivation zur Geldanlage. Sie sollen die herrschende Vorstellung guter Unternehmensführung (Good Corporate Governance) stützen.

Rationaler Kritik entzogen

Doch schon seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts haben in den USA Methodisten und Quäker, später auch in Großbritannien die Anglikanische Kirche Aktien oder Anleihen von Unternehmen ausgeschlossen, die mit ihrer Produktion und/oder ihren Produkten in den Bereichen Alkohol, Tabakwaren, Waffen, Glücksspiel tätig waren. Ihre Bezeichnung "Sündenfonds" und "Sündenaktien" als Ausschlusskriterien verweist aber auf den religiösen Charakter vieler dieser Marktfaktoren. Sie entlarven nämlich oftmals den ungeklärten Charakter dessen, was in der Ethik und der Moral unkritisch stets als gut vorausgesetzt und einer rationalen Kritik dadurch entzogen wird.

So hat beispielsweise eine jüngere Untersuchung solcher vermeintlichen Sündenaktien merkwürdige Paradoxien aufgedeckt. Während auf der einen Seite der Boom an nachhaltigen Anlagestrategien Sündenaktien reihenweise aus vielen Portfolien vertrieben hat, können auf der anderen Seite all jene, die zugreifen, diese Aktien mit einem Abschlag auf ihren rein fundamental gerechtfertigten Wert erwerben und dafür mittel- und langfristig belohnt werden.

Wer trägt nun die Verantwortung, wenn es um ethische Kapitalanlagen geht? Der Kunde oder der Anbieter? Oder ist bereits das Rendite- und Zinsversprechen verwerflich, wie es der Geldpolitik im klassischen Altertum und im Mittelalter entsprach?

Das Wort Ethik hat stets einen ethischen Beigeschmack. Wie andere Moralworte - Gerechtigkeit, Freiheit, Fairness - sprechen wir es aus, als handele es sich um eine feststehende Sache in der Welt. Es wirkt wie eine hypnotische Formel, die sich selbst für gültig erklärt. Die Wirkung des Wortes ist vielfach Gleichschaltung und Unterordnung, die sich gegen Opposition immunisiert. Die Frage: Ist das noch ethisch gerechtfertigt? lässt nur die Antwort Nein zu. Womit haben wir es zu tun, wenn wir Ethik und Moral legitim beanspruchen?

Was Moral angeht, so entsteht sie automatisch in der Gesellschaft von Menschen, wenn sich handlungsleitende Werte ausbilden, die das gesellschaftliche Leben stabilisieren. Moralen können sehr unterschiedlich sein - auch die Mafia hat eine Moral. Mit Ethik versuchen wir allerdings wissenschaftlich zu beschreiben, welche der in der Moral gültigen Werte Anspruch erheben können, allgemein gültig zu sein.

Interessenabwägung

Der normative Charakter von Prinzipien und Leitlinien ethischer Überzeugungen ist trotzdem Interessen und Schwankungen unterworfen und dadurch dem Marktverhalten von Unternehmenswerten nicht unähnlich. Eine nachhaltige Geldanlage, auch eine, die auf Ausschlusskriterien basiert, beabsichtigt bewusst oder unbewusst, einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung auf der Basis marktwirtschaftlicher Prinzipien leisten zu wollen. Ob allerdings der beabsichtigte Beitrag erreicht wird, ist so ungewiss wie der Markt überhaupt.

Zweifelsfrei jedoch führt die Praxis des ethischen Investierens zu einer Entheiligung des Wortes Ethik. Denn Ethik ist nicht eine Art Blattgold von einem anderen Stern, das man auf gängige Produkte aufpinseln kann, um ihren Wert gegen Kritik abzusichern. Vielmehr unterliegt auch die Ethik einer Interessenabwägung, die auf dem Markt andere Strukturen hervorbringt als im intellektuellen Überbau einer Universität oder an einer Montessori-Schule.

Ethik bringt ein neues Interesse in ökonomische Prozesse ein, mit dem sich auskennen muss, wer es anbietet und wer in es investiert. Die Verantwortung bei einer ethischen Investition kann nicht einseitig auf die angebotenen Produkte oder deren Anbieter delegiert werden. Vor allem der Investor muss sich seiner Verantwortung bewusst werden, wenn er den Markt beeinflusst durch seine Investition. Die Internalisierung sowohl negativer als auch positiver externer Effekte ist zwar wünschenswert. Denn es herrscht kaum das Interesse, Gewinne zu privatisieren und die Kosten dafür zu sozialisieren. Aber nicht selten löst eine moralische Orientierung das Problem x und erzeugt dadurch Problem y. Eine Besinnung darauf, dass unsere Welt aus interagierenden Teilsystemen besteht, fordert dazu auf, in interagierenden Teilsystemen zu denken und zu bewerten.

Beispiel China

Es ist bislang kein Grund sichtbar, warum man dem Interesse Ethik eine besondere Qualität neben anderen Gründen für eine Investition zusprechen müsste. Insbesondere auf dem Kapitalmarkt und in der Politik kann das Wort Ethik eine beachtliche Macht entfalten. Wie mächtig das Machtwort Ethik ist und wie schwach das Bewusstsein dafür ist, dass wir verantwortungsvoll damit umzugehen hätten, können wir gegenwärtig am Beispiel China studieren. Die chinesische Regierung hat den Citizen Score eingeführt. Spätestens in einem Jahr besitzt jeder Bürger dort ein Punktekonto. Dieser Citizen Score soll ein Maß dafür sein, wie gut der Bürger an die politischen und moralischen Regeln angepasst ist. Er bekommt Punkte für gefälliges Verhalten. Wer mindestens 600 Punkte hat, kommt an günstige Kredite.

Wir begnügen uns hierzulande damit, solche Nachrichten als Auswirkungen teuflischer künstlicher Intelligenz zu verurteilen. Solange wir aber durch ethische Kapitalanlage kaum mehr als Konditionierung von Unternehmen anstreben, unterscheiden wir uns nur wenig von der chinesischen Art, Individuen zu bestrafen oder zu belohnen. Wie viel es wert ist, dass wir uns rechtfertigen, wenn wir darauf beharren, dass es einen Unterschied zwischen Unternehmen und Individuen gibt, möge sich künftig erweisen.

Klaus-Jürgen Grün, Moralphilosoph an der Johann Wolfgang Goethe-Universität und Vizepräsident des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. (EVW)

Börsen-Zeitung, 01.03.2019, Autor Klaus-Jürgen Grün, Moralphilosoph an der Johann Wolfgang Goethe-Universität und Vizepräsident des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft e.V. (EVW), Nummer 42, Seite B 9, 1070 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019042815&titel=Ethik-und-Moral-haben-sich-zu-Marktfaktoren-entwickelt
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