Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 12.668,50+0,04% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.783,75+0,06% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.587,00+0,10% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 26.840,00+0,19% Gold: 1.491,98+0,03% EUR/USD: 1,11550,00%
Redaktion

rendite - Anlagemagazin Ausgabe Mai 2019
TITEL
Interview mit Alexander Schindler
Herr Schindler, bei dem Begriff nachhaltiges Investieren herrscht ein regelrechtes Wirrwarr. Wie lässt sich der Begriff nachhaltige Geldanlage für alle verständlich definieren?

Wir verstehen darunter die Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Belange sowie verantwortungsvoller Unternehmensführung bei der Geldanlage. Der Gedanke, der dem nachhaltigen Investieren innewohnt, ist insbesondere auch die Langfristigkeit. Es geht hier eben nicht um die kurzfristige Optimierung von Renditen.

Gibt es Aspekte, die Ihnen dabei besonders wichtig sind?

Aus Investorensicht hat sich der Begriff Nachhaltigkeit in den vergangenen 30 Jahren deutlich gewandelt. In den 90er Jahren wurde darunter schwerpunktmäßig das ethische Investieren verstanden. Mittlerweile ist auch der Aspekt Governance hinzugekommen, zumal bedeutsame Fälle wie Toshiba oder Volkswagen Aufmerksamkeit erregt haben. Aktuell wird Nachhaltigkeit ein wenig verkürzt auf das Thema Klima.

Das ist zwar ein wichtiger Punkt, mir geht es aber darum, dass man sich die Gesamtheit der Aspekte ansieht.

Weil Sie ganz oft eine Einflussnahme, zum Beispiel auch beim Klima, über Governance-Themen erreichen.

Welchen Stellenwert haben ESG-Kriterien beim Assetmanagement Ihres Hauses?

Unser Ziel besteht darin, die ESG-Analyse vollständig in den Investmentprozess zu integrieren. Das kann alles sehr weitreichend sein, beginnt bei reinen Ausschlussverfahren und geht bis zur Einflussnahme auf ein Unternehmen als Aktionär oder auch Gläubiger. Dafür haben wir eine umfangreiche Datenbank aufgebaut, die es uns erlaubt, weltweit mehr als 70?000 Wertpapiere nach diesen Kriterien zu analysieren. Dahinter stehen 10000 Unternehmen und auch 95 Staaten, die wir entsprechend analysieren.

Wie wichtig ist der CO2-Fußabdruck eines Investments?

Das ist ein ganz spezifischer Aspekt im Bereich Nachhaltigkeit, natürlich abgeleitet auch aus globalen Übereinkünften wie dem Pariser Klimaabkommen und den Erfahrungen generell mit Veränderungen im Klima. Vor diesem Hintergrund gewinnt der CO2-Fußabdruck eines Portfolios eine immer größere Bedeutung. Es gibt institutionelle Investoren, die das zum Kern ihres Nachhaltigkeitsportfolios erhoben haben. Für Publikumsfonds ist das ebenfalls ein Thema, weil sich auch die breite Bevölkerung zunehmend dafür interessiert.

Wie wirkt Nachhaltigkeit auf die Performance einer Geldanlage?

Trägt eine nachhaltige Ausrichtung dazu bei, Risiken zu senken?

Eine Untersuchung der Steinbeis-Hochschule, die knapp 200 unterschiedliche Studien analysiert hat, kommt zu dem Ergebnis, dass man eher Renditevorteile hat, wenn man Nachhaltigkeitskriterien in der Kapitalanlage berücksichtigt. Im Übrigen ist bei institutionellen Investoren die vielleicht vor 10 oder 15 Jahren geführte Diskussion, gebe ich durch Nachhaltigkeitsmanagement Performance auf oder gewinne ich, längst überholt. Heute ist institutionellen Anlegern dabei vor allem das Risikomanagement wichtig. Es gibt eine Reihe von Beispielen aus der jüngsten Vergangenheit, die zeigen, dass durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien das ein oder andere kritische Investment frühzeitig reduziert werden konnte. Und wer wesentliche Veränderungen in Branchen oder einzelnen Unternehmen frühzeitig erkennt, erschließt sich dadurch auch zusätzliche Anlagechancen.

Analysieren Sie die Nachhaltigkeit von Unternehmen lieber selbst oder arbeiten Sie vor allem mit Partnern oder Ratingagenturen zusammen?

Eine Kombination von beidem. Es ist wichtig, dass man hier eine gewisse Balance hat. Auf der einen Seite haben wir in den vergangenen Jahren unser Nachhaltigkeitsresearch deutlich ausgebaut, nicht nur mittels der genannten Datenbank, sondern auch durch elf reine ESG-Analysten im Hause, deren Ergebnisse und Analysen allen unseren gut 200 Portfoliomanagern zur Verfügung stehen. Unsere Experten profitieren natürlich zugleich von dem, was uns über Datenlieferanten extern zur Verfügung gestellt wird. Wir beziehen aus der ganzen Welt Daten zu ganz unterschiedlichen Aspekten, zum Beispiel Informationen internationaler Institutionen für die Länderanalyse. Diese verarbeiten wir dann über unsere Datenbanken bis hin zu einer Investmententscheidung. Dabei ist es entscheidend, dass Sie die Daten auf Richtigkeit und Konsistenz überprüfen, um daraus auch wirklich Schlüsse ziehen zu können.

Gehen Sie davon aus, dass Green und Sustainable Finance im Assetmanagement in den kommenden Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird?

Die nachhaltige Geldanlage gewinnt dramatisch an Bedeutung. Das können wir weltweit schon an der Entwicklung dieses Bereichs ablesen, der sehr hohe Steigerungsraten aufweist. Die politische Diskussion hierzu und auch der EU-Aktionsplan werden zu einer deutlich steigenden Nachfrage beitragen. Bei privaten Anlegern stellen wir ebenfalls fest, dass Klimarisiken sie immer mehr umtreiben. Das wird ebenfalls positive Impulse für ESG-Anlagen bedeuten und zu einem steigenden Interesse von Kunden an nachhaltigen Fonds führen.

Auf welche Kriterien achten Anleger besonders?

Anlegern ist derzeit insbesondere eine Beratung wichtig. Viele Institutionelle stehen einfach noch vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit für sich selbst erst einmal zu definieren. Es gibt keine dominierende Nachfrage nach der einen oder anderen Thematik. Die Kunden sind eher darauf bedacht, möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. Das kann das Thema Menschenrechte sein oder eben auch Klimaaspekte oder Fragen der Unternehmensführung. Die Energiewende hat zweifelsohne viele Investoren an das Thema der erneuerbaren Energien herangeführt, wobei Fotovoltaik oder Windkraft immer noch eine Nische ist. Das ist natürlich auch mit Herausforderungen verbunden, denn es können nicht unendlich viele Windräder auf einem Feld aufgestellt werden. Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass alle ESG-Bereiche heute bei institutionellen Anlegern eine sehr viel höhere Aufmerksamkeit erreichen, höher auch als noch vor etwa einem Jahr.

Stellen Sie eine Nachfrage nach ganz spezifischen Investmentthemen wie etwa der Wasserversorgung oder Kreislaufwirtschaften fest?

Bei Institutionellen steht das Thema erneuerbare Energien sehr weit oben auf der Agenda. Hier geht es insbesondere auch um die Auswirkungen auf Energieversorgungsunternehmen. Oft wird die Frage gestellt, welche Klimaeinflüsse mit dem jeweiligen Portfolio verbunden sind. Und es dreht sich viel um das Thema Wasser, d. h., was ist der Wasser-Fußabdruck meines Portfolios. Für die Portfoliomanager ist es eine sehr große Herausforderung, hierzu geeignetes Datenmaterial zu bekommen, um dann auch entsprechend berichten zu können. Hier sind enorme Anstrengungen erforderlich, um die jeweiligen Daten auch zu bekommen.

Wie hoch sind in Ihrem Hause die Assets under Management, die bereits nach ESG-Kriterien angelegt sind, und welchen Anteil an den gesamten Assets machen diese aus?

Per Ende 2018 waren es 41 Mrd. Euro, die wir als nachhaltige Assets qualifizieren. Das sind 13 % unserer gesamten Assets under Management. Wir legen eine Zertifizierung gemäß dem Forums für nachhaltige Geldanlagen zugrunde, da es bisher kein europäisches Label gibt, das eine entsprechende europaweite Orientierung vorgeben würde. Ich hoffe, dass wir das in Zukunft bekommen werden. Wir nutzen in den übrigen Fonds aber ebenfalls Nachhaltigkeitsresearch.

Welche Ziele haben Sie sich für die kommenden drei Jahre gesteckt:

Wie hoch sollen die Assets under Management, die nach ESG-Kriterien verwaltet werden, dann sein?

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in drei Jahren bei rund 100 Mrd. Euro sind, die nach ESG-Kriterien verwaltet werden. Das ist schwer zu prognostizieren, da dieser Bereich so dynamisch wächst. Für unseren Immobilienbestand von rund 32 Mrd. Euro planen wir, im Jahr 2050 CO2-neutral zu sein. Das bedeutet bei rund 400 Gewerbeimmobilien auch sehr hohe Investitionserfordernisse. Dies erachten wir ebenfalls als eine sehr wichtige klimaschützende Aktion, die in der öffentlichen Diskussion mitunter ein wenig vernachlässigt wird.

Institutionelle investieren seit langem nachhaltig. Erreichen Sie auch Privatanleger mit nachhaltigen Produkten?

Zuerst haben sich in der Tat die Institutionellen dem Thema zugewandt. Hier erleben wir ein sehr individuelles Verständnis. Man sollte dem Investor auch die Freiheit lassen, Nachhaltigkeit für seine Anlagen zu definieren. Ich halte nichts davon, wenn wir zu enge regulatorische Vorgaben bekommen. Wir haben Ende vergangenen Jahres eine Umfrage bei Privatkunden gemacht und mittlerweile sagen fast 50 %, dass nachhaltige Anlagen für sie attraktiv sind. Entsprechend steigt auch hier die Nachfrage nach Nachhaltigkeitsfonds. Wir haben inzwischen rund dreißig Publikumsfonds für institutionelle und Privatanleger im Angebot, die nach Nachhaltigkeitskriterien gemanagt werden und die auch verschiedene Schwerpunkte beinhalten. Diese Palette werden wir stetig erweitern. Die gesamte Investmentbranche sollte Nachhaltigkeit noch stärker in die Öffentlichkeit tragen, auch gegenüber Politik und Wirtschaft. Denn im Grunde geht es ja um den langfristigen Umbau unserer Wirtschaft und damit auch der Gesellschaft.

Alexander Schindler, seit 2004 Vorstand Union Investment und dort zuständig für Institutionelle Kunden und Nachhaltigkeit

Das Interview führten Kai Johannsen und Werner Rüppel.

Börsen-Zeitung, 03.05.2019, Autor Kai Johannsen und Werner Rüppel, Nummer 72, Seite B 22, 1235 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019084829&titel=Nachhaltigkeit-gewinnt-dramatisch-an-Bedeutung
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook

Unternehmensbereich:
Übersicht Kurse / Charts Redaktionelle BerichteResearch
Ad-hocFinanzanzeigenAktionärsstrukturDirectors’ Dealings
Termine Wertpapiersuche Audio / Video


Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Montag, 21.10.2019

Ergebnisse
Halliburton: 3. Quartal
SAP: 3. Quartal (endgültig)
Villeroy & Boch: 3. Quartal


 


























22

0.504329 s