Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 12.198,00-0,64% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.846,75-0,22% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.462,00-0,92% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 27.084,00-0,83% Gold: 1.425,38-1,22% EUR/USD: 1,12210,00%
Redaktion

Mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten als je zuvor - Neue Technologien und neue Unternehmen verändern die Strukturen

Lange Zeit stand das Versicherungsgewerbe auf der Beliebtheitsskala der Berufe eher im unteren Drittel. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Zum Imagewandel tragen neben einer deutlich auf Wohlfühlen getrimmten Marketing-Kampagne der Unternehmen auch die eingeführten modernen Personalstrukturen bei. Dieser Effekt wird durch eine Vereinfachung der Hierarchien und die nun deutlich besseren Karrieremöglichkeiten auch für Quer- und Späteinsteiger unterstützt.

Folgen der Start-up-Kultur

Die Versicherungsbranche profitiert aktuell auch von der Start-up-Kultur. Durch die sogenannten Insurtechs erscheint das Thema Versicherung in einem anderen Licht. Die ganze Branche gewinnt an Wahrnehmung, weil neue Unternehmen mit neuen Ansätzen althergebrachte Strukturen und Verhaltensmuster aufbrechen. In diesem Zusammenhang stellt sich fast schon automatisch die Frage, worin sich die Start-ups von den traditionellen Versicherern unterscheiden und was das Arbeiten dort so anders macht.

Betrachtet man die Versicherungsangebote mit Blick auf die Ergebnisse, kann man zunächst durchaus zum Schluss kommen, dass sich etablierte und neue Versicherer gar nicht so stark unterscheiden. Der Grund liegt in der Struktur: Die Komponenten, aus denen eine Versicherungsleistung besteht, sind grundsätzlich für alle Marktteilnehmer gleich. Kunden wollen ein Risiko absichern, dafür gibt es Tarife, die im Schadenfall entstandene Kosten des Kunden ausgleichen. Und natürlich gehören auch eine Prämie und die Kosten für die Bereitstellung des gesamten Versicherungspaketes dazu. All das ergibt die Versicherungsdienstleistung. Insoweit gleichen sich also Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für alle im Markt.

Unbefangenes Agieren

Ein Insurtech kann allerdings unbefangener mit dem Paket Versicherungsleistung umgehen. Die Mitarbeiter sind frei im Denken und können Dienstleistungen oder Teile davon neu aufbauen und gestalten. Es spielt dann auch keine Rolle, ob sie das als Teil eines "Full-Stack-Versicherers" mit Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und dem kompletten Leistungsspektrum eines Versicherers tun, oder ob sie nur einen Teil der Wertschöpfungskette eines Versicherers abbilden, wie etwa das Schadenmanagement.

Für diese Freiheit gibt es zwei Gründe, einen strukturellen und einen technologischen. Der strukturelle liegt in der Natur einer Neugründung: Es gibt in der Regel keine Altlasten, keine etablierte Organisation und keine Bestandsführungssysteme, die nur mühsam an neue Erfordernisse angepasst werden können. Das ist gerade für junge, technologieaffine Menschen ein großer Pluspunkt bei der Jobsuche, wenn sie die Versicherungsbranche betrachten. Damit verbunden sind alle Möglichkeiten, die ein technologieorientiertes, junges Unternehmen bietet: Neue Technik und permanente Weiterentwicklung von technologischer Basis und Produkten.

Typisch für Insurtechs ist es auch, die Dienstleistung aus der Perspektive des Kunden zu betrachten und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Etablierte Versicherer müssen dagegen bei allem darauf achten, wie die eigenen komplexen Strukturen orchestriert werden, damit der Kunde zufrieden bleibt.

Ein Insurtech stellt sich zuerst die Frage, wie man die Dienstleistung im Sinne des Kunden am besten erledigt. Was muss also getan werden, damit er das Thema Versicherung als optimal abgehakt und als erledigt ansieht? Im Grunde ist das ein Reverse Engineering, das von den Kundenbedürfnissen her gedacht und umgesetzt wird. Und so werden im nächsten Schritt auch die Prozesse und Abläufe für die Versicherungsdienstleistung optimiert und angepasst.

Denn der Kunde heute ist durch die Online-Welten und das Serviceangebot konditioniert. Er hat eine andere Erwartungshaltung als noch vor zehn Jahren. So sind unter anderem durch die umfangreichen Serviceangebote großer Online-Versender die Erwartungen an Geschwindigkeit, Einfachheit und Transparenz erheblich gestiegen. Die Geschwindigkeit des Wandels in Technologie und Ansprüchen ist rasend schnell. Prognostizieren ließ sich dieser Wandel auch für die Schwergewichte der Versicherungsbranche nicht.

Die Herausforderungen durch Insurtechs sind für die etablierten Branchengrößen groß: Denn sie steigen direkt in die digitale Welt ein und nutzen die vorhandenen technologischen Ressourcen. Dennoch sind die Regeln für Versicherungen die gleichen geblieben. Demnach hat auch das Insurtech ähnliche Anforderungen an Personal, Services und Prozesse - obwohl sich das Profil in vielen Punkten unterscheidet.

Das beginnt schon bei der Technik. Ein Mitarbeiter eines Insurtech muss Technik anwenden und beherrschen können. Wurden in den 1990er Jahren bei den großen Versicherern die IT-Abteilungen oft ausgegliedert, braucht das Insurtech einen Pool an Technik-Ressourcen im eigenen Haus. Das sind eigene Entwickler für die Datenbanken, Programmierer für die Kundenschnittstellen und Apps und Systemadministratoren für einen reibungslosen Ablauf. Letztlich läuft alles über die Technik und alles ist digital.

Interessant für junge IT-Kräfte

Das macht ein Insurtech für junge IT-Fachkräfte interessant. Diese Start-ups bieten Programmierern eine Vielzahl an technologischen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Neben der IT übernehmen viele Insurtechs genau wie alteingesessene Versicherer Betriebs- und Service-Prozesse, für die Sachbearbeiter, Schadenmitarbeiter und Verwaltungsangestellte gesucht werden. Die Zeiten papierbasierter, analoger Verwaltungen sind in diesen Bereichen trotzdem vorbei. Mitarbeiter in diesen Positionen arbeiten computergestützt beziehungsweise überwachen durch die Technik automatisierte Prozesse. Sie arbeiten also nicht in den Prozessen, sie arbeiten an den Prozessen.

Das Hauptaugenmerk in diesen Positionen liegt also nun darauf, den digital optimierten Prozess konti-nuierlich weiter zu verbessern, um noch besser auf die Anforderungen der Kunden reagieren zu können. Die permanente Verbesserung in kleinen Schritten ist auch für Mitarbeiter von Insurtechs wichtig. Dies kann besser zugeschnittene automatisierte Kundenanschreiben betreffen, eine schnellere, interne Bearbeitung von Schadenabläufen oder die komplett automatisierte (dunkel verarbeitete) Antragsannahme. Und während früher Unternehmen für die Bereiche Produkt, Schaden, Betrieb und Service eigene Entwicklungsgruppen hatten, ist es heute elementar, über die Bereiche hinweg zu entwickeln. Das Insurtech entwickelt kein Produkt oder keinen Service komplett neu. Es entwickelt den Kundennutzen, indem es eine effektivere Lösung bereitstellt. Das verändert die Art, wie Versicherungsinnovation abläuft, fundamental: Früher bestimmte das Risiko das Produkt. Heute bestimmt die Lebenssituation die Serviceleistung.

Veränderte Berufsbilder

Damit verändern sich natürlich auch die Berufsbezeichnungen und Berufsbilder. Nicht nur deswegen, weil vieles Englisch benannt wird, sondern weil sich Inhalt und Umfang der Aufgaben verändert haben. Der Kundendienstmitarbeiter wird zum Service Solution Provider, weil er dem Kunden nicht mehr eine Frage beantwortet, sondern ihn bis hin zur Lösung seines Themas begleitet. Und der Abteilungsleiter Betrieb ist heute im Insurtech ein Customer Journey Manager: Journey ist eine Reise, und die soll für den Kunden mit seinem Anliegen so angenehm wie möglich sein. Und weitere Funktionen kommen dazu, einen Social Media Manager gab es vor zehn Jahren einfach noch nicht, weil es die Kanäle nicht gab.

Heute spielen diese Jobs eine wichtige Rolle im Marketing-Mix und verändern damit auch die Anforde-rungen an klassische Funktionen wie die Verkaufsförderung. Und das alles geht auf Basis von Echtzeit-Technologie rasend schnell. Die Mitarbeiter in einem Insurtech müssen vor allem schnell sein. Reaktionszeit ist hier alles, und auch wenn die Technik unterstützt, muss sie doch auch "angelernt" werden. Hier verändern sich auch die Arbeitsmuster gravierend: Wurden früher 80 % für "die Linie", also die klassische Abarbeitung, und 20 % für die Weiterentwicklung veranschlagt, so hat sich das im Insurtech komplett gedreht. Hier sind dann 20 % Linienarbeit, weil ein Großteil digital übernommen wird und 80 % sind dazu da, die Abläufe kundenfreundlicher, schneller und transparenter zu gestalten. Amazon und Co. setzen da den Standard, und der Kunde macht für Versicherer keine Ausnahme.

Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche bieten mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten als je zuvor, denn neue Technologien und neue Unternehmen verändern die Strukturen. Das sorgt dafür, dass auch etablierte Unternehmen ihre traditionellen Gewohnheiten aufbrechen und an Agilität gewinnen müssen. Es sind gute Zeiten für Arbeitnehmer in einer Branche, die im Umbruch ist, die sich transformiert und bereit ist, neue Ideen, Innovation und Kreativität aufzunehmen und umzusetzen.

Stephen Voss, Gründer und Vorstand der Neodigital Versicherung AG

Börsen-Zeitung, 25.05.2019, Autor Stephen Voss, Gründer und Vorstand der Neodigital Versicherung AG, Nummer 100, Seite B 2, 1178 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019100801&titel=Gute-Zeiten-fuer-Arbeitnehmer-im-Versicherungsgewerbe
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Montag, 22.07.2019

Ergebnisse
Celanese: 2. Quartal
Halliburton: 2. Quartal
Hyundai Motor: 2. Quartal
Julius Bär: 2. Quartal
Logitech: 2. Quartal
Philips: 2. Quartal




























21

0.196310 s