Redaktion

Digitalisierung und Automatisierung erfordern Mut und Kapital
Christopher Grätz

CEO und Co-Founder der Kapilendo AG

Zwei Drittel der mittelständischen Unternehmer in Deutschland befürchten, dass die digitale Transformation sie überfordern könnte, und hinken der Entwicklung noch deutlich hinterher. Das zeigt die Studie "Finanzierungsmonitor 2019". Entscheider erkennen Herausforderungen zu spät, haben Angst vor strategischen und finanziellen Fehlentscheidungen und scheuen junge und innovative Partner. Aber einen Weg zurück gibt es nicht.

Große Teile des Mittelstands sind mit der digitalen Transformation überfordert. Die Gründe sind vielfältig, etwa zu wenig IT-Kenntnisse, eine mangelhafte Qualität der Internetverbindung, Fragen zur Datensicherheit oder Probleme in der eigenen Organisationsstruktur. Häufig herrscht in mittelständischen Unternehmen darüber hinaus noch ein veraltetes Silodenken: Falsch geleitete Zielsysteme bevorzugen einzelne Bereiche auf Kosten anderer, was jegliche Innovation ausschließt. Manager werden als Bestandshalter bezahlt. Sie orientieren sich oftmals viel zu wenig an den Kunden und deren veränderten Bedürfnissen. Solange Umsatz und Margen noch stimmen, wird der Status quo gewahrt und weitergemacht wie bisher.

So haben erst 30% der 3,76 Millionen Mittelständler ihr Geld in den Einsatz verbesserter oder neuer digitaler Technologien gesteckt. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der staatlichen Förderbank KfW. Bei einem Drittel der kleinen und mittleren Betriebe sind selbst grundlegende digitale Anwendungen nur unterdurchschnittlich verbreitet. Nur knapp ein Fünftel der Mittelständler gilt als Vorreiter. Digitalisierungsvorhaben in den nächsten zwei Jahren fest eingeplant haben nicht mal die Hälfte der Unternehmen. Ein Viertel schließt dies ganz aus, bei 23% ist noch keine finale Entscheidung gefallen.

Dieses Verhalten wird auf lange Sicht nicht gutgehen. Unternehmen, die die Digitalisierung vernachlässigen, werden im Wettbewerb verlieren. Gerade die etablierten Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle und -prozesse transformieren und die Entwicklung innovativer Produkte durch Automatisierung und Digitalisierung vorantreiben, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Eine digitale Transformation im Unternehmen wird aber nur dann gelingen, wenn auch die Bereitschaft vorhanden ist, etwas an der Unternehmenskultur zu verändern. Chefs, die digitales Denken von ihren Mitarbeitern fordern, dieses aber nicht vorleben, werden scheitern. Traditionelle Organisationsformen bremsen den Wandel aus. Wenn sich etwa mehrere Abteilungs- oder Bereichsleiter mit Digitalprojekten beschäftigen, ist das wenig effizient. Auch auf die Gefahr hin, dass Machtkämpfe drohen: Neue Geschäftsmodelle lassen sich am besten funktionsübergreifend entwickeln. Um durchgängige Prozesse zu ermöglichen, müssen Bereichsgrenzen geöffnet, starre Hierarchien und klassische Rollenbilder aufgelöst werden. Nur so kann ein Strukturwandel stattfinden, zu dem eigenverantwortliches und interdisziplinäres Arbeiten gehört. Beim Wandel der bisherigen Unternehmenskultur sollten Führungskräfte ihren Mitarbeitern grundsätzlich mehr zutrauen. Denn häufig sieht die Mehrzahl der Angestellten das Thema Digitalisierung positiv: Je höher der Grad der Digitalisierung im Unternehmen, desto größer ist auch die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitsplatz.

Um funktionierende digitale Ökosysteme aufzubauen, müssen viele Mittelständler mutiger sein und zum Beispiel auch den Mehrwert externer Dienstleister für sich erkennen. Dazu gehört sicherlich auch die Kooperation mit Start-ups. Während der Mittelstand häufig von einer guten Reputation profitiert, im Gegenzug jedoch wenig Innovation vorweisen kann, ist es bei jungen Firmen in der Regel genau umgekehrt. Von einer Zusammenarbeit profitieren im besten Fall beide Seiten: Start-ups können in den Betrieben technische Anlagen oder über Jahre gewonnene Erfahrungswerte für sich nutzen. Mittelständler gewinnen neue Denk- und Arbeitsweisen - egal ob es darum geht, das Vertrauensthema Daten in professionelle Hände zu geben, neue IT-Systeme zu entwickeln oder den eigenen Finanzierungsmix um alternative Finanzierungsformen zu erweitern.

Denn nicht alle kleinen und mittelständischen Unternehmen können Digitalisierungs- oder Automatisierungsprojekte aus dem Eigenkapital stemmen. Die KfW-Befragung zeigt: Unternehmen mit weniger als 10 Mill. Euro Jahresumsatz beurteilen den Zugang zu Digitalisierungskrediten doppelt so häufig als "schwierig" oder "sehr schwierig" wie zu Krediten für Sachanlageinvestitionen. Den etablierten Banken fällt es oft schwer, die Erfolgsaussichten digitaler Projekte zu beurteilen. Wie besichert man einen neuen Online-Shop oder die Implementierung einer neuen Prozesssoftware? Wegen des geringen Anteils materieller Investitionen sind in der Regel zu wenig Sicherheiten verfügbar. Immer mehr Mittelständler trauen sich aber, auch abseits der klassischen Kreditgeber nach neuen, innovativen Finanzierungspartnern zu suchen. Denn neben der klassischen Bankenfinanzierung steht den Unternehmen eine Vielzahl weiterer Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Von Factoring und Leasing bis hin zur digitalen Finanzierungsplattform. Für viele Betriebe oftmals der erste Schritt in Richtung digitaler Prozesse. Es bedarf einfach nur etwas Mut.

Börsen-Zeitung, 26.06.2019, Autor Christopher Grätz, CEO und Co-Founder der Kapilendo AG, Nummer 119, Seite B 6, 660 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019119801&titel=Digitale-Transformation-im-Mittelstand
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