Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 12.321,00+0,36% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.869,00+0,56% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.511,00+0,49% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 27.334,00+0,09% Gold: 1.438,70-0,29% EUR/USD: 1,1257-0,03%
Redaktion

Die Nibelungentreue zur Hausbank wird auf die Probe gestellt
Joerg Bartussek

Co-Gründer von Finnest

Im Mittelstand gibt es Finanzierungsformen, die die Nibelungentreue zur Hausbank auf die Probe stellen. Neue gesetzliche Regeln verstärken den Trend.

Jetzt, da "diese Digitalisierung" scheinbar alles, was bisher so gut funktioniert hat, plötzlich auf den Prüfstand stellt, steht der deutsche Mittelstand vor einem schwierigen Spagat: Zum einen droht die globale Konkurrenz davonzuziehen - wenn man nicht auch auf Apps, Artificial Intelligence und Start-up-Kooperationen setzt. Auf der anderen Seite war genau das, was dem vielzitierten Rückgrat der Wirtschaft nun als Makel vorgehalten wird, dieses typisch deutsche vorsichtige, konservative Wirtschaften, jahrzehntelang ein Erfolgsgarant, national wie international.

Nun ist Kontinuität an und für sich kein Malus. Und in der Tat entwickeln kleine und mittlere deutsche Unternehmen nach wie vor Produkte und Technologien, die weltweit geschätzt werden, für ihre Qualität, ihre Präzision und - ja - auch für ihre digitale Innovationskraft. Was verwundert, sind die operativen Rahmenbedingungen, unter denen die "deutsche Wertarbeit" zum Teil entsteht. Da ist Good ol' Germany oft noch sehr weit vom Silicon Valley entfernt.

Man nehme als Beispiel den Bereich der Unternehmensfinanzierung. Die Nibelungentreue des Mittelstandes zu seiner Hausbank, die erst im Februar wieder beim Mittelstandspanel der KfW festgestellt wurde, ist schon erstaunlich. So viel Festhalten am Althergebrachten, am traditionellen Kredit und seiner Besicherung, an den einseitig vorgeschriebenen Zinszahlungen - warum greifen die Hidden Champions, die Markt- und Branchenführer des Landes nicht längst zu den vielen (auch digitalen) Alternativen, die überall angeboten werden?

Die Entwicklung am Finanzmarkt kann nicht Ursache für dieses phlegmatische Vorgehen sein. Ausgerechnet der deutsche Bundestag hat den Unternehmen gerade wieder einen Impuls in puncto Kreditalternative gegeben: Nach mehreren Jahren der Beobachtung hat das Parlament vor wenigen Wochen die Erhöhung der Prospektpflichtgrenze beim sogenannten Crowdinvesting auf 6 Mill. Euro beschlossen. Und damit die Finanzierung über die Crowd als Alternative zum Kredit auch für größere Mittelständler attraktiv gemacht.

Diese Erhöhung der Investitionsvolumina (und damit einhergehend übrigens auch der Einzelinvestments) kann durchaus als eine Art gesetzliches Gütesiegel für digitales Crowdinvesting verstanden werden. Damit ist die einstige Finanzierungsavantgarde endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Gesetzgeber bestätigt, was Marktbeobachter schon länger betonen: Der Mittelstand ist bereit, auf dem digitalen Weg auch größere Summen zu finanzieren. Und gleichzeitig ist die Nachfrage auf Investorenseite nach diesen Anlagemodellen hoch. Die Zahl der Crowdinvestoren wächst auf hohem Niveau - Unternehmen zu finanzieren, die Geschäftsmodelle verfolgen, mit denen auch (finanz)technische Laien etwas anfangen können und die man sehr gut kennt, liegt im Trend.

Die Fruchtsafthersteller Voelkel und Beckers Bester etwa waren unter den ersten namhaften Unternehmen, die das Potenzial dieser alternativen Finanzierungsform erkannten und sich für ein Crowdinvesting über Finnest.com entschieden. Im wahrsten Sinne des Wortes bodenständige Unternehmen im Familienbesitz, regional verankert und seit Jahrzehnten erfolgsverwöhnt, nutzen inzwischen hochinnovative, digitale Finanzierungstools.

Da wären zudem die familiengeführten Lindner Hotels. Auch die europaweit tätige Hotelkette, mit über 4800 Zimmern als Hotelier des Jahres ausgezeichnet, wählte eine solche Crowdinvesting-Kampagne, unter anderem um die Erneuerung eines Golf Resorts auf Mallorca sowie Innovationsprojekte in mehreren anderen Häusern zu finanzieren. Tourismus-Unternehmen sind für moderne Crowdinvestings geradezu prädestiniert: Am Point of Sale werden potenzielle Investoren noch direkt während ihrer emotionalen Produkterfahrung angesprochen - und werden im Idealfall vom Hotelgast zum Anleger. Umgekehrt werden bislang unternehmensfremde Investoren durch Gutscheinmodelle und Bonuspakete im Zuge eines Crowdinvestings zu neuen Hotelgästen. Kundengewinnung durch Finanzierung - auch das ist ein Aspekt, den herkömmliche Bankkredite nicht abbilden können.

Marketing ist aber bei weitem nicht der einzige Vorteil dieser innovativen Finanzierungsform. Die Finanzverantwortlichen etablierter Unternehmen schätzen sie aus einem weiteren Grund: Das vorrangig eingesetzte Mezzaninkapital stärkt die Bilanz - und das macht das jeweilige Unternehmen bei weiteren Finanzierungen flexibler und verhandlungsstärker. Zudem ist Crowdinvesting dank des Einsatzes hocheffektiver Plattformen effizienter und damit oft auch kostengünstiger als vergleichbare Finanzierungsarten.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen moderner Crowdinvestings schaffen Transparenz und Vertrauen. Mit seinem jüngsten Beschluss hat der Bundestag auch die Einzelanlageschwelle pro Investor um 150% erhöht, von 10000 auf 25000 Euro, was zeigt, für wie attraktiv das Parlament diese Finanzierungsform hält. Auch damit werden Investitionen in solide Unternehmen aus der Region, die regelmäßige Auszahlungen bieten, zur echten Alternative für Anleger, die sonst, auch vor dem Hintergrund der Niedrigzinspolitik der EZB, nach Aktieninvestments in globale Konzerne und damit verbundenen hohen Dividenden schauen.

Die digitale Finanzierung erlaubt dem Mittelstand vorn mit dabei zu sein und gleichzeitig - im besten Sinne des Wortes - "typisch deutsch" zu wirtschaften. Mit der Crowdinvesting-Entscheidung des Bundestages dürften nun auch jene etablierten Mittelständler aufmerksam werden, die sich bislang eher nicht als potenzielle Emittenten einer Schwarmfinanzierung gesehen hatten. In diesem Zuge könnte Crowdinvesting weiter an Popularität zulegen.

Börsen-Zeitung, 26.06.2019, Autor Joerg Bartussek, Co-Gründer von Finnest, Nummer 119, Seite B 14, 742 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019119805&titel=Innovativ-finanzieren,-warum-das-denn?
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Freitag, 19.07.2019

Ergebnisse
American Express: 2. Quartal
BB Biotech: 2. Quartal
BlackRock: 2. Quartal
Fortum: 2. Quartal
Saab: 2. Quartal
Sartorius: 2. Quartal
Schlumberger: 2. Quartal
State Street: 2. Quartal
Stora Enso: 2. Quartal
Vattenfall: 2. Quartal

Hauptversammlungen
VTB Bank




























21

0.212918 s