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Neuer Abwicklungsstandard für einen 50-Billionen-Dollar-Markt - Open Banking ist im Einlagengeschäft keine Nischenanwendung mehr

Immer mehr Banken möchten Plattformen nutzen oder selbst zu Plattformen werden, um in bestimmten Segmenten ihren Marktzugang zu verbessern, ihre Reichweite zu erhöhen oder Skaleneffekte auszunutzen. Im Einlagengeschäft verbessert die Plattformökonomie bereits die Abwicklung zwischen Banken und ihren Kunden - und öffnet überdies den Markt für neue Akteure.

Die wahre Kraft der Digitalisierung zeigt sich immer dann, wenn Unternehmen nicht versuchen, konventionellen Produktangeboten eine neue digitale Verpackung zu geben, sondern wenn sie von Grund auf die gesamte Wertschöpfungskette überdenken und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Im Banking passiert genau dies seit einiger Zeit in einem Segment, das in den vergangenen Jahrzehnten nicht als besonders innovationsstark galt: dem Einlagengeschäft.

Kundeneinlagen stellen mit rund 40% der gesamten Bilanzsumme europäischer Banken eine höchst relevante Finanzierungsquelle dar. Sie gelten als besonders stabil, wirken sich vorteilhaft auf Bilanzstruktur und Liquiditätskennzahlen aus, wie die kurzfristige Liquidity Coverage Ratio (LCR) oder die strukturelle Net Stable Funding Ratio (NSFR).

Gleichzeitig machen Spareinlagen etwa ein Drittel des gesamten Privatvermögens aller Kunden weltweit aus und gelten gerade in Deutschland als wichtige Ankerprodukte, über die Banken neue Kunden gewinnen und die Beziehung zu bestehenden Kunden vertiefen können. Sie erfüllen somit zwei Funktionen gleichzeitig: Sie sind ein gefragtes Produkt bei Kunden und eine wichtige Finanzierungsquelle für Banken.

In der Vergangenheit konnten nur jene Banken Kundeneinlagen zur Finanzierung einsammeln, die über eine eigene Infrastruktur und einen eigenen Kundenzugang verfügten, zum Beispiel über ein Filialnetz oder einen breiten Online-Kundenstamm, und die damit selbst als sogenannter Financial Point of Sale agieren konnten. Auf der anderen Seite konnten nur jene Banken ihren Kunden Sparprodukte anbieten, denen es möglich war, die Kundengelder auf die eigene Bilanz zu nehmen, ohne zu hohe Kosten oder Ungleichgewichte in ihrer Bilanzstruktur zu verursachen.

An dieser Stelle verändert die Plattformökonomie die Spielregeln für alle Beteiligten: Sie ermöglicht die Trennung von Produktsteller und Financial Point of Sale. So können sich Banken vereinfacht gesagt aussuchen, ob sie Einlagen zur Finanzierung einsammeln oder Einlagen als Produkt vertreiben möchten, ohne dass das eine das andere voraussetzt.

Geringere Zinskosten

Banken, die Einlagen einsammeln möchten, erhalten mit Hilfe einer Open-Banking-Plattform über die Vielzahl auf der anderen Seite angeschlossener Point-of-Sale-Partner Zugang zu Millionen von Sparern, ohne sich selbst um Kundenakquise, Kontoführung, Kundenservice etc. kümmern zu müssen. Für die Bank steht der Zugang zu zusätzlichen Finanzierungsquellen im Mittelpunkt - die Plattform bietet ihr diesen in Form eines "Deposits-as-a-Service"-Angebots. Sie vergrößert den adressierbaren Markt für die Einlagenangebote der Banken, reduziert so ihre Zinskosten und hilft ihnen, ihren Finanzierungsmix zu diversifizieren.

Auf diese Weise nutzt zum Beispiel die Creditplus Bank AG, eine spezialisierte Konsumentenkreditbank, die zum französischen Crédit Agricole Konzern gehört, Open Banking im Einlagengeschäft. Als einlagennehmende Bank sammelt sie unter anderem von den Kunden des Direktportals Zinspilot sowie der Deutschen Bank Kundengelder ein und erzielt so eine höhere Reichweite.

Zudem löst die Plattformökonomie geografische Grenzen im Einlagengeschäft auf. Die französische Mymoneybank etwa sammelt Privatkundeneinlagen in Deutschland ein, ohne dafür extra eine eigene Infrastruktur hierzulande aufgebaut zu haben. Über die gleiche Plattform sammelt die britische Bank Close Brothers Limited Einlagen aus Deutschland in Euro ein und listet, als Absicherung gegen den Brexit, zusätzliche Produkte auf der Zinsplattform Savedo in der Schweiz, um Zugang zu Einlagen von Kunden außerhalb der Europäischen Union zu erhalten.

An diesem Beispiel wird die Effizienz der Plattform in der Wertschöpfungskette deutlich: Einlagennehmende Banken erreichen mit einem Schlag eine Vielzahl von Point-of-Sale-Partnern. Sie sammeln Kundengelder über unterschiedliche Partner und aus unterschiedlichen Ländern ein, können dabei aber sämtliche Prozesse standardisiert und einheitlich über die gleiche Infrastruktur abwickeln. Point-of-Sale-Partner auf der anderen Seite gewinnen über nur eine Implementierung Zugang zu einer großen Produktauswahl vieler Banken aus verschiedenen Ländern.

Die Nutzung einer Open-Banking-Plattform erlaubt es Banken dabei, sich als zentraler Financial Point of Sale für ihre Kunden aufzustellen, indem sie selbst auch Einlagenprodukte von Drittbanken anbieten. Das geschieht über die bestehende Kundenbeziehung, ohne dass der Kunde extra ein Konto bei der Drittbank eröffnen muss. Prominentes Beispiel hierfür ist die Deutsche Bank, die mit ihrem ZinsMarkt mit Hilfe der Plattform von Deposit Solutions einen eigenen Zinsmarktplatz mit Drittangeboten für ihre Kunden aufgebaut hat und diesen erfolgreich zur Kundenbindung und Neukundengewinnung nutzt.

Privatbanken wie Merck Finck begegnen dem Bedarf ihrer Kunden nach einer Verzinsung der Cash-Positionen ebenfalls mit dem Angebot von Einlagenprodukten von Drittbanken - in diesem Fall gesteuert über die Kundenberater. Auch für sie steht das Ziel im Vordergrund, sämtliche Bedürfnisse des Kunden vollumfänglich aus einer Hand zu bedienen.

Zugang für neue Teilnehmer

Die Plattform als neuer Abwicklungsstandard ermöglicht es jedoch nicht nur Banken, den Nutzen von Einlagen als Kundenprodukt oder Finanzierungsquelle für sich zu maximieren, sondern sie erlaubt es neuen Marktteilnehmern, am Einlagengeschäft zu partizipieren - und zwar auch solchen Akteuren, denen dieser Zugang bislang strukturell bedingt verwehrt war.

So nutzt der genossenschaftliche Banksektor bereits seit geraumer Zeit Open Banking im Einlagengeschäft mit Erfolg: Die Münchener Hypothekenbank hatte als Immobilienkreditspezialist zuvor keine Möglichkeit, Einlagenprodukte an Privatkunden zu vertreiben und sich auf diese Weise zu finanzieren. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken wiederum verfügen traditionell über große Bestände an Einlagen und können häufig nicht mit den Zinssätzen anderer Banken konkurrieren - ihnen droht der allmähliche Verlust von Kunden. Mit der Münchener Hypothekenbank als einlagennehmender Bank und den Genossenschaftsbanken als Financial Points of Sale in einem geschlossenen System gewinnen beide Seiten. Die Genossenschaftsbanken können ihren Kunden attraktive Einlagenprodukte der MünchenerHyp anbieten, die Hypothekenbank nimmt das Geld auf ihre Bilanz und entlastet die genossenschaftlichen Institute.

Auch Nichtbanken erhalten Zugang zum Einlagenmarkt. Kontoinformationsdienste, Vergleichsportale oder auch E-Commerce-Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle und neue kundenzentrierte Angebote, um zur zentralen Anlaufstelle für alle wichtigen Finanzbedürfnisse ihrer Kunden zu werden. Über den Anschluss an die Open-Banking-Plattform können auch sie ihren Kunden erstmalig Einlagenprodukte anbieten, obwohl sie selbst keine Bank sind.

Vorteile für Marktteilnehmer

Die Entwicklung von Open Banking zum Industriestandard des globalen Einlagengeschäfts steht noch an ihrem Anfang. Beeindruckende 50-Bill. Dollar umfasst der weltweite Einlagenmarkt. Mit nahezu 100 Banken aus 17 Ländern, die allein die Plattform von Deposit Solutions zusätzlich zu den genannten Beispielen nutzen, handelt es sich bei Open Banking im Einlagengeschäft allerdings um keine Nischenanwendung mehr. Dies beweist das beachtliche Wachstum und die internationale Expansion der Plattform. Neben Europa wird sie künftig auch auf dem amerikanischen Markt für Banken nutzbar sein. Angesichts der großen Vorteile für alle Marktteilnehmer sowie der Tatsache, dass Open Banking den Einlagenmarkt auch für neue Anbieter öffnet, dürfte das Zeitalter des Plattform Banking in dieser wichtigen Produktkategorie endgültig angebrochen sein.

Tim Sievers, CEO und Gründer von Deposit Solutions

Börsen-Zeitung, 04.09.2019, Autor Tim Sievers, CEO und Gründer von Deposit Solutions, Nummer 169, Seite B 5, 1049 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019169808&titel=Warum-der-Plattformoekonomie-die-Zukunft-gehoert
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