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Redaktion

Ein Blick in die Zukunft dieses Investmentansatzes
Michael Schmidt

Chief Investment Officer der Lloyd Fonds AG und Mitglied des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung

Die Assetmanagement-Branche steht vor wichtigen geschäftspolitischen Weichenstellungen, befördert durch die aus der Finanzkrise entstandenen Treiber wie die regulatorische Komplexität und den gestiegenen Kosten- und Preisdruck. Hinzu kommen die Kapitalmarktbedingungen, die eine immer größere Herausforderung für die Renditeerzielung darstellen: Der risikolose Zins als Renditeanker für Investoren ist verschwunden. Und der Renditetrend bei Aktien ist wegen eines flacheren Wachstumspfads der globalen Wirtschaft abgeschwächt - nicht zuletzt aufgrund einer anhaltenden geopolitischen Verunsicherung, bedingt durch globale Handelsstreitigkeiten, die abhandengekommene Selbstverständlichkeit westlicher Bündnisse, Populismus oder eine "Every Nation for Itself"-Bewegung nach Ian Bremer - Faktoren, die den Welthandel und Investitionen von Unternehmen bremsen. Zwei weitere Trends, für die langfristigen Aussichten der Branche wohl mit am bedeutsamsten, sind Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Denn beide prägen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft insgesamt.

Wie kann vor diesem Hintergrund die Zukunft von aktiven Fondsmanagementansätzen aussehen? Zu teuer und wenig effizient urteilen Kritiker. Die zunehmende Ausrichtung auf passive Anlagen scheint ihnen recht zu geben: So hat sich das verwaltete Vermögen von ETFs in Deutschland zwischen 2008 und 2018 fast vervierfacht. Auch systematische Investmentansätze auf Basis quantitativer Methoden wie Faktormodelle oder Smart-Beta-Ansätze stellen die Arbeit klassischer, fundamental agierender Fondsmanager in Frage. Und gerade mit der fortschreitenden Digitalisierung prophezeien viele die Tage der aktiven Fondsmanager als gezählt.

Dabei erfordert das niedrige Renditeumfeld mit neuen Unsicherheiten erst recht aktives, vorausschauendes Management für Zusatzerträge. Über alle Assetklassen hinweg zeigen sich zudem mehr oder weniger starke Bewertungsverzerrungen und Marktineffizienzen - verursacht nicht zuletzt durch die unkonventionelle Geldpolitik, das zunehmende, unbewusst gleichgeschaltete Investorenverhalten und auch die Regulierung der letzten Jahre. Diese Verzerrungen eröffnen gerade für aktive Fondsmanager Chancen - insbesondere abseits des Mainstreams - bei Renten wie bei Aktien. Bei Lloyd Fonds sind wir überzeugt, dass wir diese Chancen aber nur erkennen, wenn wir uns eben nicht an Standardindizes orientieren und von ihnen ablenken lassen; wenn wir mit Mut und Weitsicht fokussierte Investmentansätze verfolgen, umgesetzt in konzentrierten Portfolios, die es zulassen, jeden einzelnen Titel im Blick zu behalten.

Löst Digitalisierung aktives Fondsmanagement endgültig ab? Ganz im Gegenteil. Die Digitalisierung wird an vielen Stellen im Assetmanagement Optimierungen mit sich bringen. So ist es heute schon möglich, viele operative Prozesse eines Assetmanagers digital abzubilden. Das gelingt uns bei Lloyd Fonds schnell und gut, weil wir beispielsweise die IT-Landschaft vollständig neu aufbauen können und auf alte Strukturen und Systeme keine Rücksicht nehmen müssen.

Eine höhere Rechnerleistung und bessere Datenverfügbarkeit ermöglichen zudem eine intensivere und schnellere Datenanalyse, gerade auch für die Investmentprozesse. Algorithmen werden Teilaufgaben im Portfoliomanagement übernehmen oder Portfolios sogar vollständig steuern. Dadurch entstehen neue Investmentlösungen, die das Angebot für institutionelle wie private Investoren erweitern. Bei Lloyd Fonds haben wir in unserem Geschäftsbereich LF-System einen auf künstliche Intelligenz gestützten Algorithmus entwickelt, der aus über 10000 Fonds kundenindividuelle Depots zusammenstellen kann. Über das darauf basierende eigenständige Produkt­angebot hinaus sehen wir in den digitalen Möglichkeiten eine wertvolle Weiterentwicklungschance für das klassische aktive Management: Fondsmanager erhalten für ihre Investmentansätze und Portfolios maßgeschneiderte Datenanalysen, die im Screening ihres Anlageuniversums, aber auch in der Risikosteuerung und im Handelsverhalten passgenaue Unterstützung leisten. Dadurch bleibt ihnen mehr Zeit für die eigentliche menschliche Wertschöpfung im Fondsmanagement - die qualitative Analyse und Beurteilung sowie die vorausschauend abwägende Investmententscheidung.

Somit wird algorithmisches Know-how zu einer Schlüsselkompetenz im Assetmanagement. In Verbindung mit menschlicher Expertise im aktiven Management kann dies zu einer Verbesserung des Rendite-Risiko-Ergebnisses für Anleger führen. Jedoch nur dann, wenn Fondsmanager dazu bereit sind, die Vorteile zu nutzen, und algorithmische Prozesse passend zum Investmentansatz entwickelt werden.

Auch für nachhaltige Investmentansätze ist aktives Fondsmanagement unverzichtbar. Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Investmentbranche keinesfalls neu, hat aber nicht zuletzt durch die aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Bewegungen an Intensität gewonnen. Entscheidende Treiber für diese Entwicklung waren zwei Maßnahmen der Weltgemeinschaft im Jahr 2015, die mit überwältigender Zustimmung einhergingen: die Verabschiedung der Sustainable Development Goals (nachhaltige Entwicklungsziele) der Vereinten Nationen sowie das Abkommen über die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 bis 2 Grad Celsius (Pariser Klimaabkommen).

Der signifikanteste Auslöser der intensiveren Auseinandersetzung der Finanzbranche mit Nachhaltigkeit ist aber der Aktionsplan der EU-Kommission aus dem Jahr 2018 "Finanzierung nachhaltigen Wachstums", der im Wesentlichen auf dem richtungsweisenden Schlussbericht der "High Level Expert Group on Sustainable Finance" beruht. Zwei Ziele stehen dabei im Mittelpunkt:

1. Das Finanzsystem soll insgesamt nachhaltig und resilient gestaltet werden: Mehr Langfristigkeit und eine gesellschaftliche Dienlichkeit sollen ihm zu eigen werden. Darin liegt die Chance für die Finanzakteure, das in der Finanzkrise verlorene Vertrauen zurückzugewinnen.

2. Kapital soll mobilisiert werden, mit dem die Finanzierungslücke zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungs- und Klimaziele geschlossen werden kann. Denn letztlich bedingen insbesondere die Klimaziele einen Strukturwandel der Wirtschaft, für dessen effektive Umsetzung die Finanzindustrie in ihrer Allokations- und Multiplikatorfunktion eine Schlüsselrolle einnimmt.

Die gewonnene gesellschaftliche und politische Relevanz sowie die mittlerweile auch aufsichtsrechtlich hohe Bedeutung von Nachhaltigkeit erfordern im Assetmanagement einerseits Anpassungen von Geschäfts- und Risikomanagementprozessen, andererseits aber auch Lösungen für die Investmentprozesse und Investmentprodukte. Es lässt sich derzeit geradezu ein Aktionismus in der Branche mit neuen ESG-Teams und vielen ESG-Fondskonzepten feststellen. Häufig stehen dabei schematische Ansätze wie Ausschlusskriterien und "Divestment", Best-in-Class- oder Scoring-Modelle auf Basis von historischen Nachhaltigkeitsdatenreihen im Vordergrund. Auch passive Angebote nehmen zu.

Diese Dynamik ist grundsätzlich zu begrüßen, weil sie das Thema Nachhaltigkeit endlich aus der Nische in den Mainstream, sprich in die Mitte des Finanzsystems und des Assetmanagements führt. Um aber die Zielsetzungen der Weltgemeinschaft und den damit verbundenen Strukturwandel zu erreichen, ist eine ernsthafte, engagierte Begleitung der Unternehmen der Realwirtschaft gerade durch professionelle Investoren erforderlich. Es besteht mittlerweile Einigkeit darüber, dass Nachhaltigkeitsbetrachtungen zur treuhänderischen Pflichterfüllung gehören. Gleichzeitig dürfen aber Renditeerwartungen von Anlegern nicht aus dem Auge verloren werden, denn auch sie gehören zu den treuhänderischen Pflichten von Assetmanagern.

Bei Lloyd Fonds als Assetmanager und Vermögensverwalter haben wir daraus drei Umsetzungsmaßnahmen abgeleitet:

1. Die übergreifende Verankerung von Nachhaltigkeit auf Unternehmensebene.

2. Die Integration relevanter und materieller Nachhaltigkeitsparameter in alle Investmentprozesse und die Berücksichtigung von kundenindividuellen Nachhaltigkeitspräferenzen institutioneller Anleger und Privatinvestoren.

3. Die Entwicklung von Investmentlösungen und Fonds, die auf Wirkung (Impact) abzielen, also die Veränderung der Unternehmen im Strukturwandel befördern und begleiten.

Gerade für Impact-Fondsansätze sind aber schematische, rein auf historischen Daten basierende Schwarz-Weiß- oder Grün-Braun-Ansätze untauglich. Denn Wirkung ist auf die Zukunft gerichtet, für die eine Datenbasis noch ungewiss ist beziehungsweise erst entsteht. Erforderlich sind vielmehr vorausschauende Szenarien, ein ständiger Dialog und die kontinuierliche Begleitung der Portfoliounternehmen. Kurz gesagt: ein aktiver Investmentansatz, zu dem eine tiefgehende Analyse ebenso gehört wie ein umfassendes, integriertes Finanz- und Nachhaltigkeitsverständnis. Denn nur auf diese Weise lassen sich Nachhaltigkeitsentwicklungen von Unternehmen abschätzen sowie deren Einfluss auf Geschäftschancen und -risiken und damit auf die Bewertung von Aktien und Anleihen der Unternehmen.

Hier zeigt sich auch eine wichtige Schnittmenge zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Algorithmische Kompetenz, verbunden mit menschlicher Expertise, kann Datenlücken und Analyseunsicherheiten beim Transformationsprozess der Wirtschaft beseitigen helfen, um schließlich eine "doppelte Dividende" zu erzielen, für Umwelt und Gesellschaft sowie für Anleger gleichermaßen.

Börsen-Zeitung, 23.10.2019, Autor Michael Schmidt, Chief Investment Officer der Lloyd Fonds AG und Mitglied des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung, Nummer 203, Seite B 6, 1134 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019203801&titel=Aktives-Fondsmanagement-in-Zeiten-von-Nachhaltigkeit-und-Digitalisierung
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