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Nutzen für Investoren, Emittenten und für das Klima

"Pillepalle" - diesen Begriff brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel in das politische Berlin ein. Viele Kommentatoren nahmen ihn wieder auf, als die Beschlüsse des Klimakabinetts bekannt wurden. Diese setzen auf Zeit, die wir aber laut führender Wissenschaftler nicht mehr haben. Darüber hinaus sieht das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung erstmals die Auflegung von grünen Bundesanleihen vor. Das ist klug, denn Green Bonds finanzieren und ermöglichen über ihre Laufzeit Projekte zum Umwelt- und Klimaschutz und verbinden bereits heute in einem etablierten Marktstandard Rendite für Anleger mit umweltpolitischen Zielsetzungen.

Als AllianzGI 2015 im Umfeld des Pariser Klimagipfels eine Green-Bond-Strategie auf den Markt brachte, bestand das Start-Portfolio angebotsbedingt nur zu rund 60 % aus Green Bonds. Seitdem haben sich die jährlichen Emissionen von grünen Anleihen von 44 auf 173 Mrd. Dollar (Stand 30. September 2019) fast vervierfacht. Insgesamt sind inzwischen deutlich mehr als 600 Mrd. Dollar an Green Bonds im Umlauf. So kann man heute ohne Probleme ein reines und trotzdem diversifiziertes Green-Bond-Portfolio zusammenstellen.

Qualitative Transparenz

Zur wachsenden Popularität von grünen Anleihen dürfte insbesondere der Beitrag, den Green Bonds zu einer nachhaltigeren Wirtschaft leisten, eine entscheidende Rolle gespielt haben. Anders als reguläre Anleihen unterliegt die Mittelverwendung besonderen Regeln. Um sich als Green Bond zu qualifizieren, müssen die Mittel zur Finanzierung umweltfreundlicher Projekte eingesetzt werden. Neben der Bewertung der üblichen finanziellen Merkmale - wie Coupon, Laufzeit oder Bonität des Emittenten - können Investoren bei grünen Anleihen auch nach dem spezifischen Zweck der Umweltprojekte und der gewünschten Wirkungsorientierung auswählen. Diese qualitative Transparenz von Seiten der Emittenten in dieser jungen Assetklasse ist einzigartig.

Die International Capital Markets Association (ICMA) definiert Green Bonds als jede Art von Anleiheinstrument, dessen Emissionserlöse ausschließlich zur anteiligen oder vollständigen Finanzierung geeigneter grüner Projekte verwendet werden und die an den vier Kernkomponenten der Green Bond Principles ausgerichtet sind. Dabei kann es sich um neue und/oder bereits bestehende Projekte handeln.

ICMA benennt vier Kernelemente von Green Bonds: Dazu gehört erstens eine formelle Erklärung im Emissionsprospekt, dass die Erlöse zur Finanzierung von grünen Projekten verwendet werden. Zweitens ein vom Emittenten definierter interner Prozess, mit dem anhand klarer Kriterien qualifizierte Projekte identifiziert werden. Drittens muss sichergestellt werden, dass die Erlöse tatsächlich den identifizierten Projekten und nicht anderen allgemeinen Ausgaben oder Investitionen zugerechnet werden. Und viertens muss es ein mindestens jährliches Reporting über den Stand der Verwendung der Erlöse, die Projekte und die Umweltauswirkungen geben.

Aus finanzieller Sicht ist es wichtig, dass eine grüne Anleihe in der Regel nicht anders gepreist wird als die konventionelle Anleihe desselben Emittenten mit vergleichbarer Laufzeit, Coupon und Seniorität. Es zählt das Emittentenrisiko und nicht das Projektrisiko.

Interessante Möglichkeiten

Für Anleger an den globalen Anleihemärkten bietet die wachsende Assetklasse interessante Einsatzmöglichkeiten. Ein Vergleich von Global Aggregate-, US Aggregate- und Global Green Bond Indizes (jeweils in Dollar) über den Fünf-Jahres-Zeitraum vom 30. Juni 2014 bis 30. Juni 2019 zeigt, dass die drei Anlageklassen eng korreliert sind, aber unterschiedliche Muster im Hinblick auf Performance und Zinssensitivität aufweisen.

Über diesen Zeitraum entwickelte sich der Global Green Bond Index mit einer annualisierten Wertentwicklung von 4,4 % besser als die beiden anderen Indizes (3,8 % im Global Aggregate, 2,9 % im US Aggregate). Dabei lag die Volatilität mit 2,2 % leicht über der des Global Aggregate von 1,9 %, aber niedriger als beim US Aggregate Index in Höhe von 2,6 %. So ergibt sich insgesamt ein sehr ähnliches Risiko-Rendite-Profil für Global Green Bond und Global Aggregate, wohingegen der US Aggregate im Untersuchungszeitraum weniger Rendite pro Risikoeinheit erwirtschaftete.

Während sich die Performance von Green Bonds nicht wesentlich von der von Standardanleihen unterscheidet, könnten die Renditedifferenzen zwischen den drei Anlageklassen durch die unterschiedlichen Strukturen der einzelnen Märkte erklärt werden. Der Markt für grüne Anleihen ist jünger als die beiden anderen Anlageklassen. So bilden die Gesamtzahl der umlaufenden Wertpapiere und deren Marktwert nur einen Bruchteil der etablierten Segmente Global Aggregate und US Aggregate.

Sowohl Global Aggregate und Global Green Bond sind aus Währungssicht diversifiziert. Während der Global Green Bond Index stärker auf Euro-Schuldtitel ausgerichtet ist (über 65 %), konzentriert sich der Global Aggregate Index stärker auf Dollar-Anleihen (45 %) und hat auch ein höheres Engagement bei japanischen Yen-Anleihen (16 %), verglichen mit 0,2 % im Green Bond Index.

Ein weiterer struktureller Unterschied ist, dass sowohl der US Aggregate als auch der Global Aggregate mit rund 40 % respektive 54 % deutlich stärker als Green Bonds (14 %) in Staatsanleihen investiert sind. Das könnte insbesondere bei sinkenden Kursen für US-Treasuries, die 17 % des Global Aggregate ausmachen, Diversifizierungspotenzial bieten.

Für den Green-Bond-Markt ist außerdem charakteristisch, dass regierungsnahe Emittenten (Agen-cies und Supranationals), Versorger und Finanztitel stärker als bei den anderen Segmenten gewichtet sind. Umgekehrt ist das Exposure zu verbrieften Schuldtiteln deutlich niedriger. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, dass Unternehmen in der Breite verstärkt den Green-Bond-Markt nutzen.

Fazit - Als festverzinsliche, relativ langfristige und gut diversifizierte Anlageklasse ergänzen Green Bonds gut ein Kernportfolio in einer globalen oder US-amerikanischen Anleiheallokation. Gleichzeitig ermöglichen sie ein Engagement in Anleihen von Emittenten, die bereits damit begonnen haben, klimabedingte Risiken in ihrem Geschäft zu adressieren. Diese Einrichtungen könnten in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil als Pioniere des Übergangs zu einem CO2-armen Wirtschaftsmodell haben.

Es sind die großen strukturellen Unterschiede zwischen den Indizes, die den Mehrwert von Green Bonds hervorheben, nicht nur als Ergänzung zu einem festverzinslichen Kernportfolio, sondern auch als eigenständige Anlageklasse. Dass diese aufgrund ihrer klaren Zweckbindung im Hinblick auf Umwelt- und insbesondere Klimaprojekte und der etablierten Marktstandards noch eine große Zukunft vor sich haben, steht außer Zweifel. Das gilt insbesondere dann, wenn man sich vor Augen führt, dass Green Bonds aktuell noch nicht einmal 1 % des globalen Anleihemarktes ausmachen. Die Internationale Energieagentur schätzt den für die Klimawende notwendigen Investitionsbedarf auf 1 Bill. Dollar jährlich. Kaum eine andere liquide Anlageklasse dürfte auf mittlere Sicht annähernd so geeignet sein, große Teile der dringend notwendigen Finanzierung der Klimawende zu kanalisieren.

Green Bonds kommen in der "Fridays for Future"-Debatte nicht vor, obwohl sie dem zentralen Anliegen der Aktivisten dienen. Denn sie ermöglichen Unternehmen und der öffentlichen Hand, schneller und gezielt in die Dekarbonisierung ihrer Prozesse zu investieren. Investoren profitieren davon während der Laufzeit der Anleihen - und unser Planet weit darüber hinaus.

Beatrix Anton-Grönemeyer, Chief Sustainability Officer bei Allianz Global Investors (AGI)

Börsen-Zeitung, 09.11.2019, Autor Beatrix Anton-Grönemeyer, Chief Sustainability Officer bei Allianz Global Investors (AGI), Nummer 216, Seite B 6, 1010 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2019216817&titel=Green-Bonds-fuer-"Fridays-for-Future"?
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