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Redaktion

KOMMENTAR - REVERSE FACTORING
In der Wirtschaftskrise wird in vielen Unternehmen das Geld knapp. Um die Liquidität aufzupolstern, setzen manche Firmen schon länger auf das vermeintliche Finanzierungswundermittel des "Reverse Factoring". Wie beim klassischen Verfahren kauft und vorfinanziert der Factor, meist ein nur bankähnliches Institut, Forderungen von Lieferanten gegen die Abnehmer. Beim Reverse Factoring ist der Initiator des Factoring aber nicht der Lieferant, sondern der Abnehmer, der auf diese Weise in den Genuss längerer Zahlungsziele gelangt. Der Lieferant bekommt sein Geld schneller.

Die wachsende Popularität dieses Finanzierungsinstruments ist jedoch mit verborgenen Risiken für Gläubiger und Aktionäre verbunden, die in die Zukunft verlagert werden. Die Insolvenzen des spanischen Mischkonzerns Abengoa und des britischen Baukonzerns Carillion waren der Warnschuss. Das Instrument half beiden Unternehmen, Teile ihrer Bankschulden als Lieferantenverbindlichkeiten zu tarnen und ihre Cash-flows zu beschönigen. Dies gelang, weil die Rechnungslegungsstandards nur unzureichende Vorgaben zur Offenlegung der Darlehensaufnahme machen, verborgen wird das Instrument hinter dem Bilanzpunkt "Other Payables". Laut Ratingagentur Fitch sind dort bei 337 untersuchten Unternehmen 327 Mrd. Dollar Schulden versteckt. Bei der australischen Hochtief-Tochter Cimic etwa setzten Leerverkäufer erfolgreich den Hinweis auf Bilanzkosmetik durch Reverse Factoring ein, um den Kurs einbrechen zu lassen. Das Unternehmen wiegelte ab, wechselte aber bald darauf den CEO aus.

In den jetzigen Krisenzeiten dürfte die Versuchung in der deutschen Autoindustrie groß sein, dass Autohersteller die Liquidität ihrer Zulieferer und damit ihre Lieferkette sichern, ohne selbst ihre Bankschulden formal zu erhöhen, indem sie auf Reverse Factoring setzen. Nach Einschätzung der Ratingagentur Moody's kann jedoch Reverse Factoring die Liquidität in Stresszeiten - und eine solche Zeit ist die Coronakrise ohne Zweifel - unerwartet schwächen, weil die Beendigung von Reverse-Factoring-Vereinbarungen innerhalb weniger Wochen zu einem plötzlichen und erheblichen Abfluss von Betriebskapital führen kann.

In Krisensituationen kann Reverse Factoring deshalb wie ein Brandbeschleuniger wirken und die Liquiditätslage schlagartig belasten. Die Risiken eines bösen Erwachens erhöhen sich, wenn die Kreditqualität des Abnehmers ohnehin schon schwächer gewesen ist oder wenn Reverse Factoring lediglich zur Streckung des Betriebskapitals eingesetzt wird.


Börsen-Zeitung, 23.04.2020, Autor Christoph Ruhkamp, Nummer 78, Seite 1, 321 Wörter

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