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Redaktion

Weltwirtschaft wird nach der Pandemie eine andere sein - Rückkehr zu alten Niveaus zweifelhaft - Bewusstsein für internationale Abhängigkeiten nimmt zu

"Nichts wird mehr so sein, wie es früher war" - so lautet derzeit mehrheitlich die Einschätzung über die Welt nach der Coronakrise. Wie jedoch diese Nach-Corona-Zeit aussehen wird und wann sie anbricht, ist dabei noch völlig offen. Die wichtigste Frage ist nach wie vor, ob die immensen staatlichen Stabilisierungsmaßnahmen die wirtschaftlichen Strukturen durch die Krise hindurch so weit erhalten können, dass die Aktivität mit jeder Rücknahme der Einschränkungen auch wirklich wieder ansteigt. Das Risikoszenario eines sich verhärtenden Wirtschaftseinbruchs aufgrund negativer Erwartungen von Unternehmen und Haushalten oder einer Störung der Finanzbeziehungen ist noch längst nicht vom Tisch. Aber auch im nach wie vor wahrscheinlicheren Fall einer Erholung der Wirtschaft nach dem Abklingen der Shutdown-Maßnahmen wird die Weltwirtschaft hinterher eine andere sein. Die Frage ist lediglich, ob diese Veränderungen völlig unerwartet daherkommen oder nicht schon lange angelegt waren.

Einige Branchen, wie etwa der Tourismus oder Kongress- und Eventveranstalter, werden sehr lange mit starken Einschränkungen durchhalten müssen. Wenn jedoch die gesundheitliche Bedrohung endgültig vorbei ist, sollten sich hier allmählich wieder ähnliche Wertschöpfungsniveaus wie vor der Krise erreichen lassen. In anderen Sektoren mag es zu permanenten Veränderungen von Verbrauchs- oder Produktionsgewohnheiten kommen, etwa im Gesundheitswesen, beim Reiseverkehr oder beim Einsatz digitaler Techniken in der Arbeitswelt. Aber auch hier gilt, dass eine Krise häufig eher Trends, die bereits vorher angelegt waren, verstärkt und beschleunigt. Ähnlich wie bei diesen Branchentrends trifft das auch auf makroökonomische Entwicklungen zu.

Ein Hauptproblem der Weltwirtschaft in den letzten Jahren bestand in einer weiter steigenden Verschuldung. Zwar haben einige Staaten wie Deutschland oder einige Wirtschaftssektoren wie etwa die US-amerikanischen Verbraucher nach der Finanzkrise ihre Verschuldungsquoten deutlich zurückgeführt, jedoch waren dies eher punktuelle Erfolge, die gegenüber der weiteren Zunahme von Kreditfinanzierungen, etwa im Unternehmenssektor oder in vielen Schwellenländern, zurückstanden.

Schulden steigen und steigen

Die Gesamtverschuldung aller Sektoren ist weltweit deutlich angestiegen. Sie liegt in allen Ländern zusammengenommen mit etwa 320 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt heute um 40 Prozentpunkte über dem Stand vor der Finanzkrise 2008. Diese Zahlen werden sich durch die exorbitanten Stabilisierungsprogramme infolge des wirtschaftlichen Coronastillstands noch einmal erheblich erhöhen. Allein in den USA werden die zu erwartenden fiskalischen Programme 2020 zu einem Defizit in der Größenordnung von 15 % in Relation zum BIP führen. Auch im Unternehmensbereich steigt die Verschuldung rapide an, wie die hohe Inanspruchnahme der staatlichen Kreditprogramme zeigt. Während die damit verbundenen Ratingveränderungen in den Anleihekursen deutlich widerspiegeln, dass sich bereits wieder Anlagechancen in diesem Segment auftun, bleibt die weitere Bonitätsverschlechterung im Staatsbereich bei den Renditen für Staatsanleihen vermutlich mehr oder weniger folgenlos. Das liegt an dem ebenfalls aufgestockten Engagement der Notenbanken. Der bereits vor der Coronakrise angelegte Trend zur indirekten Finanzierung von Staatsschulden durch die Notenbank erhält eine unverhoffte Beschleunigung, ebenso wie die weitere Aufblähung der Geldmenge. Eine besondere Situation ergibt sich hierbei im Euroraum, wo die Verwendung der Zentralbank als Rückendeckung für die Staatsfinanzen mangels eines einheitlichen Staates behindert ist und damit die - ebenfalls altbekannten - Konflikte um die Ausgestaltung der Währungsunion wieder aufwühlt.

Ebenfalls bereits aus anderen Gründen diskutiert wurde in den vergangenen Jahren ein stagnierender Welthandel. Die neue Aufspaltung der Weltwirtschaft in gegensätzliche politische Sphären hatte bereits in den vergangenen Jahren zur Folge, dass sich die internationale Spezialisierung nicht mehr weiter vertieft hat. Mit der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeitsaspekten kamen zusätzliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit weltumspannender Produktionsketten auf, zumal technologische Fortschritte mehr und mehr eine kostenneutrale Rückholung von Produktion aus Schwellenländern in die angestammten Industrieländer möglich erschienen ließen. Nun bricht der Welthandel durch die Zwangspause der Weltwirtschaft erst einmal um ein Viertel bis einem Drittel ein. Ob er sich wieder auf das ursprüngliche Niveau erholen wird, ist zu bezweifeln. Zwar werden nicht überall die Produktionsketten abgebaut. Zunächst wird die Pandemieerfahrung wohl erst einmal zu Überlegungen führen, mehr Flexibilität und mehr Puffer in die Produktionsabläufe einzubauen. Aber gleichzeitig ist in einer Reihe von Sektoren ein verstärktes Bewusstsein für die internationalen Abhängigkeiten entstanden. Produkte der Grundversorgung wie Medikamente oder Produkte der Hochtechnologie werden künftig deutlich weniger in die internationale Arbeitsteilung einbezogen werden.

In China wird dieser Einschnitt zu einer Verstärkung eines ebenfalls bereits begonnenen Trends führen: Das Land wird seine Wachstumsziele deutlich herunternehmen und sich dabei stärker auf die Binnennachfrage mit - international weniger handelbaren - Dienstleistungen konzentrieren. Für die Geschäftsmodelle der exportorientierten Volkswirtschaften wie etwa Deutschland dürfte dies zu einer Belastung werden. Hier kommt erschwerend hinzu, dass gerade die Schwellenländer durch die Coronakrise sowie durch den gleichzeitigen Rohölpreisschock empfindlich getroffen sind und als Nachfrager für Industriegüter aus den entwickelten Ländern ausfallen sollten. Zwar dürften die Produktionssteigerungen im Industriesektor mit Rücknahme der Produktionseinschränkungen und den damit verbundenen Aufholungen erst einmal ordentlich ausfallen. Langfristig wird es jedoch schwierig, die ursprünglich bestehenden Produktionsniveaus wieder zu erreichen.

Widersprüchliche Preissignale

Einige Diskussion gibt es um die Auswirkungen des weltweiten Shutdown auf die Inflation. Die Beurteilung hängt davon ab, ob man den Angebots- oder den Nachfrageschock als dominierend und langlebiger ansieht. Die unmittelbaren Preissignale in der Coronakrise sind sehr widersprüchlich. Knappheit bei einzelnen Gütern lässt Einzelpreise in die Höhe schießen, andere Verbraucherpreise, von Pauschalreisen bis zu den Energiegütern, sinken stark. Schon hierbei setzen sich jedoch die dämpfenden Effekte der zusammengebrochenen Rohölpreise durch: Die Inflationsrate sinkt deutlich. Wahrscheinlich ist, dass sich dieser Trend über eine gedämpfte Lohnentwicklung am Ende auch mittelfristig durchsetzt. Es gehört zu den Paradoxien dieser Zeit, dass einerseits die Geldmengenaggregate stark steigen, andererseits jedoch über Deflation debattiert wird. Solange diese Geldmengen nämlich von Unternehmen und privaten Haushalten freiwillig gehalten werden, resultiert daraus kein Aufwärtsdruck bei den Verbraucherpreisen. Eher schon werden die neuen Liquiditätsfluten wieder an den Anlagemärkten landen und Aktienkurse, Anleihekurse und Immobilienpreise wieder antreiben. Es kann also gut sein, dass wir nach der Verarbeitung des schweren konjunkturellen Schocks bei den Assetpreisen die ursprünglichen Trends von vor der Coronakrise wieder aufnehmen, nur auf einem höheren Schulden- und Bewertungsniveau. Auch dies wäre kein gänzlich neues Phänomen, sondern eine Vertiefung eines bereits bestehenden Trends.

Staatseinfluss steigt

Die Naturkatastrophe der Corona-Pandemie wird permanente Spuren in vielen Bereichen hinterlassen. Sehr prominent ist hier etwa der neue Systemwettbewerb, in dem China herausfordernd versucht, die eigene politische Ordnung als überlegen zu positionieren. Interessant wird auch, inwieweit die demokratischen Regierungen durch das Management der Gesundheitskrise wieder mehr Anerkennung und Legitimität innerhalb ihrer Bevölkerungen erringen konnten. Dem wird andererseits gegenüberstehen, dass der Einfluss des Staates in der Wirtschaft durch die gegenwärtigen tiefen Eingriffe deutlich angestiegen ist. All diesen Entwicklungen ist jedoch gemein, dass sie im Gegensatz zum Virus keineswegs plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sind, sondern sich bereits in Wartestellung befunden und durch die Ereignisse der vergangenen Monate eine rasante Beschleunigung erfahren haben.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt bei der DekaBank

Börsen-Zeitung, 30.04.2020, Autor Ulrich Kater, Chefvolkswirt bei der DekaBank, Nummer 83, Seite B 2, 1080 Wörter

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