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Redaktion

Unfairness zahlt sich nicht aus - Integrität als Erfolgsfaktor in Wirtschaft und Fußball

Während über die Notwendigkeit nicht nur von Compliance als solcher, sondern auch eines effektiven Compliance-Management-Systems für die Sicherung des Unternehmenserfolgs wohl allgemein Einigkeit besteht, rückt die Bedeutung von Integrität als Erfolgsfaktor erst nach und nach in den Blick. Das mag zum Teil daran liegen, dass "Integrität" ein zugegebenermaßen abstrakter, erklärungsbedürftiger und Mitarbeitern daher schwer zu vermittelnder Begriff ist; wahrscheinlich auch daran, dass soziale Konstrukte wie "Werte", "Kultur" oder eben auch Integrität im traditionellen zahlengetriebenen Managementverständnis noch immer bestenfalls als "weiche" - und irgendwie auch obskure - Faktoren gelten. Jedoch gibt es gute Gründe, sagen zu können: Integrität zahlt sich aus.

Dass integre Unternehmen langfristig erfolgreicher sind, lässt sich zum einen empirisch zeigen. Blickt man etwa auf die Entwicklung der Aktienkurse, so schneiden dabei Unternehmen mit ausgereiften Integritäts- und Compliance-Programmen über die Zeit besser ab. Hier handelt es sich zwar zunächst nur um eine Korrelation, aber es spricht einiges dafür, auch einen Kausalzusammenhang zu vermuten.

Integres Verhalten fördern

Denn nicht nur ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu schweren Rechtsverstößen mit nachfolgenden Strafzahlungen und gravierenden Reputationseinbußen kommt, geringer für Unternehmen, die Geld und Energie dafür aufwenden, das integre Verhalten ihrer Mitarbeiter zu fördern. Auch achten institutionelle Investoren, deren Tätigkeit sich ja im Aktienkurs spiegelt, mehr und mehr auf die Nachhaltigkeit von Geschäftsmodell und Unternehmensführung, und Kriterium dieser Nachhaltigkeit ist immer öfter explizit auch Integrität (beziehungsweise ein Synonym wie zum Beispiel Unternehmensethik). Und drittens ist Integrität einfach deshalb gut für den wirtschaftlichen Erfolg, weil Integrität Vertrauen schafft - und Vertrauen bildet nicht nur den Nährboden jedes Geschäfts, sondern verbessert auch generell die Zusammenarbeit sowohl mit externen Stakeholdern wie auch der Mitarbeiter untereinander.

Bloße Compliance allein kann also zu wenig sein. Warum ist das so? Compliance heißt ja nicht mehr, als die geschriebenen Regeln (Gesetze, Vorschriften etc.) zu befolgen. Integrität dagegen bedeutet, sich aus eigener Überzeugung an gesellschaftliche Werte und Normen zu halten, geschriebene wie ungeschriebene. Der Unterschied ist eklatant, wie ein Blick auf den Fußball zeigen kann: Spielt eine Mannschaft den Ball ins Aus, weil ein Spieler verletzt ist, nutzt der Gegner den folgenden Einwurf nicht für einen Angriff - auch wenn das vollkommen regelkonform wäre -, sondern gibt den Ball zurück ans andere Team. Weil "man das eben so macht". Man verzichtet auf einen Vorteil, weil es die Fairness gebietet.

Fairness ist der Wert, der den Fußball (wie jeden anderen Sport) zusammenhält und erst möglich macht. Fairness wird erwartet, und unfaires Verhalten, wo es offensichtlich wird, wird sanktioniert - auch dann, und das ist entscheidend, wenn keine explizite Regel verletzt wurde. Auch wenn die Fußballregeln zu großen Teilen eine Kodifizierung dessen darstellen, was als fair (beziehungsweise unfair) zu gelten hat, ist das Spiel doch zu komplex, um für jedes denkbare Geschehen vorab eine Regel zu ersinnen. Die nie versiegenden Auseinandersetzungen zum Thema "Handspiel im Strafraum" zeigen die frustrierenden Aporien, in die man gerät, wenn man dem Schiedsrichter mehr als nur Handreichungen zur eigenen Regelauslegung geben will. Fußball besteht aus einer Unzahl millisekundenschneller Einzelentscheidungen der 22 Akteure, und für diese Entscheidungen kann das Regelwerk nur den groben Rahmen bilden - verbunden mit dem generellen Gebot, fair zu spielen.

Auch in Unternehmen fallen täglich unzählige Entscheidungen, auf allen Hierarchieebenen. Die meisten dieser Entscheidungen folgen Regeln, aber es gibt auch zur Genüge Situationen, für die keine Regeln existieren oder die einschlägigen Regeln den betreffenden Mitarbeitern nicht bekannt sind. Es gibt Fälle, in denen sich Regeln widersprechen oder die Regeln in Konflikt mit anderen Faktoren, etwa Zielvorgaben, treten. Immer dann ist Integrität gefragt: das Entscheiden nach eigener Überzeugung im Einklang mit gesellschaftlichen Werten und Normen.

Damit ist zwar noch nicht sichergestellt, dass die Entscheidung sich nicht später als falsch - nämlich als fürs Unternehmen schädlich - erweist, aber das Risiko ist offenkundig geringer, als wenn der Mitarbeiter seine Integrität außen vor lässt und etwa nur nach (kurzfristigen) Kosten/Nutzen-Kriterien entscheidet. Während Compliance nur als eine von mehreren und miteinander verrechenbaren extrinsischen Motivationen wirkt, tritt mit Integrität eine intrinsische Motivation hinzu, die die Forderung nach Rechtmäßigkeit um den Willen zur Rechtschaffenheit ergänzt.

Erwünscht und belohnenswert

Es ist also unbedingt ratsam, dass ein Unternehmen nicht nur auf die Compliance seiner Mitarbeiter hinarbeitet, sondern sie auch in ihrer Integrität bestärkt. Zum einen, indem es immer wieder deutlich macht, dass integres Verhalten erwünscht ist und belohnt wird. Dass man wenigstens seine Bedenken äußern solle, wenn man bei einer Entscheidung oder einem Vorhaben ein schlechtes Gefühl hat. Zum anderen, indem das Unternehmen seine Mitarbeiter auch dazu befähigt, integer handeln zu können. Sie dazu anleitet und ihnen den Raum dafür gibt, Prozesse entsprechend modelliert und insbesondere die Führungskräfte in die Verantwortung nimmt, Integrität vorzuleben und integres Verhalten der Mitarbeiter zu fördern.

Zum Dritten schließlich, indem diese Aufgaben auch organisatorisch in Form eines dedizierten Integritätsmanagements verankert werden, sei es als eigenständige Abteilung oder angebunden an die Compliance- oder auch Human-Resource(HR)-Funktion. Die bloße Beschwörung des Wertes von Integrität im Verhaltenskodex allein greift dagegen entschieden zu kurz. Auch die verbreitete Propagierung von "Ehrlichkeit" oder "Aufrichtigkeit" etwa als Unternehmenswerte geht zwar in die richtige Richtung, aber Integrität ist nach Bedeutung und Anspruch eben doch sehr viel mehr.

Zu solch einem dedizierten Integritätsmanagement gehört selbstverständlich auch, dass es Ziele definiert, Key Performance Indicators (KPIs) entwickelt, Fortschritte und Erfolge reportet und als Voraussetzung dessen: misst. Ja, nicht nur Compliance, auch Integrität lässt sich messen. Über Mitarbeiterbefragungen, über Prozessanalysen, über Stakeholder-Dialoge und weitere Ansätze. Ein ganzheitliches Instrument, das die Organisationsintegrität als Ganzes prüft und Verbesserungspotenziale aufzeigt, ist etwa der "Integrity Index", den cetacea gemeinsam mit der Volkswagen AG entwickelt hat.

Die Antwort fällt schwer

Ein abschließender Blick auf den Fußball wirft die Frage auf, ob denn integre Vereine ebenfalls langfristig erfolgreicher sind. Ob sich also Fairness auszahlt? In Bezug auf die im Fußball primäre Währung von Punkten und Titeln fällt die Antwort in der Tat schwer. Es ist ja unmöglich zu sagen, ob und wie ein Spiel anders ausgegangen wäre, wenn ein Spieler in einer bestimmten Situation fairer beziehungsweise unfairer agiert hätte. Zwar dürfte eine Häufung von Spielersperren wegen gelber und roter Karten eine Mannschaft über den Saisonverlauf schwächen, aber dem könnte die Vereinsführung durch einen großen und ausgeglichenen Kader vorbeugen. Damit kommen wir auf die zweite, bekanntlich immer wichtiger werdende Währung im Fußball: Geld. Hier zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Fernseheinnahmen sind gänzlich unabhängig von der Spielgestaltung des jeweiligen Vereins, und auch die eigenen Fans würden es wohl mit großer Mehrheit in Kauf nehmen (nämlich weiterhin Tickets kaufen), wenn ihre Mannschaft sich als wüste Tretertruppe präsentiert, solange sie damit Erfolg hat.

Ganz anders sieht es aber auf Seiten der Sponsoren aus: Deren Neigung, mit unfairen Praktiken assoziiert zu werden, ist denkbar gering, so dass hier zumindest langfristig ökonomische Sanktionen drohen. Der größte Faktor aber sind die Spieler selbst, gemessen in den Transfererlösen, die sie dem Verein bringen können, und in den Gehaltssteigerungen bei einem Wechsel, von denen sie selbst profitieren. Ein notorisch als unfair auffälliger Spieler hat mindestens ein Disziplinproblem, sehr wahrscheinlich ein umfassenderes Integritätsproblem. Jeder Transferverantwortliche wird sich zweimal überlegen, ob er sich so jemanden für viel Geld in die Mannschaft holt. Folglich teilen Spieler und Vereine in diesem Punkt das Interesse am fairen Auftritt, und die Vereine tun denn auch einiges, um ihre Spieler zur Fairness zu erziehen. Denn so viel lässt sich nun sagen: Unfairness zahlt sich nicht aus.

Katja Nagel, Gründerin und Inhaberin der Münchner Unternehmensberatung cetacea

Börsen-Zeitung, 10.06.2020, Autor Katja Nagel, Gründerin und Inhaberin der Münchner Unternehmensberatung cetacea, Nummer 109, Seite B 5, 1205 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2020109809&titel=Fairness-macht-den-Fussball-erst-moeglich
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