IM BLICKFELD

Auch der Portier hat nach Aktien gefragt

Von Werner Rüppel, Frankfurt Börsen-Zeitung, 11.3.2020 Es hat ihn wirklich gegeben, den Portier, der nach einer Aktie gefragt hat. So geschehen im Jahr 2000 mitten im Dotcom- und Neuer-Markt-Hype in Frankfurt am Eingang des Hotels Maritim. "Wie war...

Auch der Portier hat nach Aktien gefragt

Von Werner Rüppel, FrankfurtEs hat ihn wirklich gegeben, den Portier, der nach einer Aktie gefragt hat. So geschehen im Jahr 2000 mitten im Dotcom- und Neuer-Markt-Hype in Frankfurt am Eingang des Hotels Maritim. “Wie war denn die Pressekonferenz”, frage der Türsteher den verdutzten Finanzjournalisten, um seine Frage gleich zu beantworten: “Sicher gut, das Unternehmen hebt die Prognose stetig an. Ich bin auch Aktionär.” Nichts gegen Türsteher, aber wenn ein jeder massiv am Aktienmarkt spekuliert, dann ist meist Vorsicht geboten.Nach massiven Kurssteigerungen hatte die Euphorie in Technologie-, Medien- und Telekomtiteln (TMT) am 10. März 2000, also vor exakt 20 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. Die größte Begeisterung herrschte damals am 1997 gegründeten Neuen Markt, der Little Nasdaq aus Frankfurt. Fundamentale Kennziffern oder Bewertungen spielten in der Spekulationsblase keine Rolle mehr, auch Profitabilität von Firmen wurde nicht gefordert, vielmehr betonten die “Wachstumswerte”, dass hier eben Zukunft gehandelt werde.In Deutschland hatte die Börseneuphorie 1996 mit dem Börsengang der Deutschen Telekom begonnen. Diese verstand es, mit Unterstützung von Volksschauspieler und Tatort-Kommissar Manfred Krug ihre Aktie mittels emotionaler Fernsehwerbung wie ein Waschmittel zu verkaufen: Die T-Aktie hat sich in der Spitze bis auf einen Kurs von 100 Euro beinahe verzehnfacht. Als dann die Kurse am relativ marktengen Neuen Markt explodierten, gab es kein Halten mehr. Zahnärzte bauten sich Fernseher in die Praxis ein, um die Kurse besser verfolgen zu können, nach Empfehlungen in TV-Sendungen wie der 3Sat-Börse starteten die Kurse der entsprechenden Aktien durch und nicht nur Anlegermagazine, sondern auch die “Bild”-Zeitung berichtete über Investoren, die an der Börse reich wurden. Ständig wurden neue Unternehmen an den Neuen Markt gebracht, viele davon nicht profitabel. Und manche Börsengänge hatten nur das Interesse, die Kuh zu melken, sprich die Gelder von Anlegern zu vereinnahmen, um damit selbst reich zu werden.Am 10. März 2000, seinem dritten Geburtstag, notierten am Neuen Markt schließlich 229 Werte mit einer Kapitalisierung von 234 Mrd. Euro. Von da an ging es mit dem sogenannten Zukunftssegment bergab, wozu nicht zuletzt zahlreiche Unregelmäßigkeiten bis hin zu Straftaten beitrugen. So zogen bei etlichen Titeln – wie auch einer EM.TV – die Kurse bereits an, bevor diese positive Meldungen kundtat. Insidergeschäfte blühten, Lock-up-Vereinbarungen nach IPOs wurden nicht eingehalten. Hinzu kam Betrug. So hat mit Renate Daum eine Finanzjournalistin, und kein Analyst oder Fondsmanager, aufgedeckt, dass bei Comroad ein Großteil der Umsätze erfunden war. Letztendlich war der Neue Markt nicht mehr zu retten und die Deutsche Börse musste ihr ehemaliges Vorzeigesegment im Frühjahr 2003 schließen. Die Leidtragenden der Blase waren vor allem die Anleger: Die Frau, die ihr Erbe auf Anraten ihres Beraters vollständig in einen Technologiefonds steckte, und damit mehr als zwei Drittel verlor. Der Familienvater, der ein Haus bauen wollte und dann nicht mehr konnte, weil er das Ersparte am Neuen Markt angelegt hatte. All das ist real passiert, so dass Dotcom- und Neuer-Markt-Blase der Aktienkultur hierzulande erheblich geschadet haben.Lehren aus der Blase gibt es einige. Die wohl wichtigste ist vielleicht, nüchtern den eigenen Verstand einzusetzen und sich nicht von einer Massenhysterie anstecken zu lassen. Trotz Übertreibungen zählen bei Aktien langfristig eben immer die Fundamentals wie Umsatz, Gewinn sowie angemessene Bewertungen. Investitionen in IPOs sind extrem riskant, insbesondere bei jungen Unternehmen, die noch keine Gewinne erzielen. Und wer kreditfinanziert Aktien erwirbt, kann Haus und Hof verlieren. Indes lassen sich Risiken von Beteiligungspapieren über eine breite Streuung deutlich reduzieren. Und wer ohne Emotionen agiert, kann am Aktienmarkt langfristig lukrative Gewinne erzielen.Wer den Neuen Markt erlebt hat, hat auf jeden Fall eine Menge gelernt. Wie sang der Gründer von Gigabell, dem ersten Pleitewert des Segments, als er in den 70ern noch als Schlagersänger Daniel David auftrat: “Zieh dir nicht die Jacke an, wenn sie dir zu groß ist!”