GELD ODER BRIEF

Corona beendet Höhenflug von Amadeus

Von Thilo Schäfer, Madrid Börsen-Zeitung, 13.3.2020 Zu den größten wirtschaftlichen Opfern des Coronavirus gehört wenig überraschend die Reisebranche. Der Kurs von Amadeus, dem weltweit führenden Betreiber von Buchungssystemen, befindet sich seit...

Corona beendet Höhenflug von Amadeus

Von Thilo Schäfer, MadridZu den größten wirtschaftlichen Opfern des Coronavirus gehört wenig überraschend die Reisebranche. Der Kurs von Amadeus, dem weltweit führenden Betreiber von Buchungssystemen, befindet sich seit Ausbruch der Pandemie im steilen Sinkflug. Die Aktie ist von ihrem Jahreshöchststand von gut 78 Euro im Januar auf unter 43 Euro abgerutscht, ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht. Aktuell scheint unklar, welche drastischen Maßnahmen noch erfolgen, nachdem mehrere Airlines zunächst ihre Flüge nach China einstellten, Spanien den Flugverkehr mit Italien suspendierte und die USA die Transatlantikverbindungen zum Schengen-Raum für 30 Tage verboten haben.Dabei war Amadeus durch den Boom im internationalen Tourismus in den vergangenen Jahren einer der Überflieger an der Börse. Mitte Januar hatte das internationale Unternehmen mit Sitz in Madrid mit einem Marktwert von fast 34 Mrd. Euro sogar die Großbank BBVA und den Telekomkonzern Telefónica überflügelt und war der viertteuerste Wert im spanischen Schwergewichtsindex Ibex 35. Dann brach die Krise aus. “Wir sind nicht in der Lage zu sagen, wie lange diese Situation anhalten wird”, erklärte die Finanzchefin von Amadeus, Ana de Pro, der Agentur Bloomberg Anfang März. Übernahme treibt WachstumAmadeus hat zwei wesentliche Geschäftsfelder. Ihr Global Distribution System (GDS) bietet eine Plattform für Buchungen von Flug-, Zug- oder Schiffsreisen sowie Ticketbestellungen und Hotelreservierungen. Zudem bietet der Konzern Unternehmen, darunter Fluglinien, IT für interne Abläufe wie die Logistik an. Im vergangenen Geschäftsjahr erhöhte sich der Umsatz um fast 13 % auf 5,8 Mrd. Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg um 10 % auf 2,45 Mrd. Euro, was zu einem Nettogewinn von 1,27 Mrd. Euro führte, ein Plus gegenüber 2018 von 13,4 %. Zum Wachstum trugen der Anstieg des Reiseverkehrs, der Erwerb von Travelklick, einer IT-Plattform für die Hotelbranche, und auch positive Währungseffekte bei.Die Zahl der an Bord gegangenen Passagiere stieg 2019 um 7,5 % auf fast 2 Milliarden Personen, was der Sparte Distribution zu einem Umsatzwachstum von 4,3 % auf 3,1 Mrd. Euro verhalf. Bei IT Solution gab es sogar ein Plus von 26 % auf 2,44 Mrd. Euro, trotz einiger Pleiten von Fluglinien. Bei der Vorlage der Jahresbilanz Ende Februar gab Amadeus noch das Ziel eines Wachstums von Umsatz und Ebitda im mittleren bis hohen einstelligen Bereich für das laufende Geschäftsjahr aus. Doch diese Prognose war wegen des Coronavirus damals bereits Makulatur, wie CEO Luis Maroto einräumte. Die internationale Luftverkehrsvereinigung IATA ging vor Tagen von einem Rückgang der Passagierzahlen um rund 5 % in diesem Jahr aus. Maroto gab sich dennoch zuversichtlich für die Zeit danach. “Über den Ausbruch des Coronavirus hinaus sehen wir uns gut aufgestellt, um in der Zukunft Wachstum, Rendite und Cash-flow zu erzeugen”, erklärte der Amadeus-Chef.Die Coronaviruskrise hat eine der Schwächen von Amadeus offengelegt. Unerwartete Entwicklungen in Reiseländern, wie politische Unruhen, Terroranschläge oder Naturkatastrophen, wirken sich immer sofort auf das Reisegeschäft aus, wenn auch lange nicht so heftig wie die derzeitige weltumspannende Notsituation. Hinzu kommen die Probleme in der Flug- und Reisebranche, wie etwa die Pleite des Veranstalters Thomas Cook im vergangenen Jahr oder mehrere Bankrotte von Airlines, die im Zuge der Coronaviruskrise noch zunehmen könnten. Auch Fusionen von Reiseunternehmen mindern die Zahl der Kunden für die IT-Plattformen von Amadeus. Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz durch andere Anbieter und von Fluglinien, die ihre Buchungen selbst abwickeln, wie zum Beispiel die Lufthansa. Großes Potenzial in ChinaZu den Stärken gehört die langfristig zu erwartende Entwicklung des internationalen Tourismusgeschäfts. Vor allem in den Schwellenländern und Staaten wie China ist das Potenzial groß. Amadeus beherrscht zusammen mit dem US-Mitbewerber Sabre den Weltmarkt für Reisebuchungssysteme so sehr, dass die EU-Kommission Ende 2018 eine Untersuchung wegen unlauterer Absprachen einleitete. Finanziell steht der Konzern aus Spanien gut da. Die Schulden konnten 2019 deutlich auf 2,76 Mrd. Euro gesenkt werden, was dem 1,23-Fachen des Ebitda entspricht. Der freie Cash-flow stieg um 5,7 % auf gut 1 Mrd. Euro, die Eigenkapitalrendite (ROE) lag bei 29,3 %. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis nahm im Vergleich zu 2018 auf 26,5 ab.”Amadeus hat ein starkes Geschäftsjahr 2019 abgeschlossen und ist gut positioniert, vom langfristigen Trend in der Luftfahrt und im Reisemarkt insgesamt zu profitieren und weiter Marktanteile zu erzielen”, schrieben die Analysten der Nord/LB am Mittwoch. Die Pandemie führe jedoch zu Kapazitätsreduzierungen und könne zu Insolvenzen von Amadeus-Kunden nach sich ziehen, weshalb man mit rückläufigen Umsätzen in diesem Jahr rechne. Ganz ähnlich sehen es die Experten von Independent Research in einem Bericht vom 2. März. Der Markt biete für Amadeus “langfristig hohe Wachstumsraten, die größtenteils über dem weltweiten Wirtschaftswachstum liegen”. Das Geschäftsmodell biete “zusätzliches Wachstumspotenzial durch den sukzessiven Ausbau des Angebots und die damit einhergehende Erweiterung des Marktes”, wie etwa bei Hotels, Flughäfen, Bahnreisen oder Kreuzfahrten, urteilt Independent Research. Allerdings stehe Amadeus auch vor vielen “geopolitischen Risiken”, wovon die Coronaviruskrise natürlich die größte Bedrohung darstelle.Die Aktionäre von Amadeus müssen sich nach den üppigen Kursgewinnen der vergangenen Jahre nun also in Geduld üben. Ein Aktienrückkaufprogramm über 0,21 % des Kapitals wird voraussichtlich kaum Wirkung zeigen. Amadeus hat bereits 38 000 der geplanten Mindestzahl von 250 000 Papieren erworben und dabei einen Preis von rund 60 Euro pro Aktie bezahlt. Die Hauptversammlung muss nun darüber befinden, ob es bei der vom Aufsichtsrat empfohlenen Erhöhung der Dividende um 10,6 % auf 1,3 Euro bleibt. Das Kursziel des Konsenses des Analysten von fast 70 Euro ist in der gegenwärtigen Situation hinfällig. Die Nord/LB rechnet nun mit 49 Euro.