Der Ölmarkt stürzt in den Abgrund
Der Ölmarkt stürzt in den Abgrund
Der Ölmarkt erlebt derzeit den stärksten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Preisverfall dürfte sich wegen des dramatischen Nachfragerückgangs und des Preiskriegs zwischen Russland und Saudi-Arabien fortsetzen. Hinzu kommt, dass schon im zweiten Quartal die Lager voll sein könnten.Von Dieter Kuckelkorn, FrankfurtEin doppelter Schock hat derzeit den Ölmarkt erfasst, zum einen die immer schlimmer werdende Coronavirus-Pandemie mit den notwendigen, aber für die Volkswirtschaften katastrophalen Gegenmaßnahmen der Regierungen und zum anderen der unerbittliche Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien, Russland und indirekt der amerikanischen Schieferölindustrie.Am Montag erst ist der Brent-Ölpreis bis auf 22,58 Dollar je Barrel gefallen. Dies ist der niedrigste Stand seit November 2002, als der Ölpreis infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 unter Druck geraten war. Allerdings waren damals die ökonomischen Auswirkungen der Anschläge deutlich geringer als die aktuellen Pandemiefolgen. Die wichtigste amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete zeitweise sogar weniger als 20 Dollar. Eugen Weinberg, Leiter des Rohstoff-Researchs der Commerzbank, weist darauf hin, dass die Schätzungen für die weltweite Ölnachfrage derzeit nahezu täglich nach unten korrigiert würden. Dramatische AusmaßeFür lokal abgegrenzte Ölmärkte hat die Entwicklung sogar noch deutlich dramatischere Ausmaße angenommen. So ist die Sorte Western Canada Select WCS am Freitag bis auf unter 5 Dollar je Barrel gefallen, womit die Transportkosten höher lagen als der Ölpreis vor Ort. Die russische Ölsorte Urals notiert nur noch bei knapp unter 15 Dollar. Und mancherorts, so Weinberg, müssten Produzenten den Abnehmern bereits Geld bezahlen, weil es keine freien Lagerkapazitäten mehr gebe und sie ihre Anlagen nicht stilllegen wollten. Damit gibt es in Teilmärkten zeitweise einen negativen Ölpreis.Da mittlerweile weltweit rund 1,7 Milliarden Menschen von den Gegenmaßnahmen der Pandemie betroffen sind, dürfte es auf den stärksten Rückgang der Nachfrage seit dem Zweiten Weltkrieg hinauslaufen. So rechnet Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur IEA, inzwischen mit einem Einbruch des weltweiten Ölverbrauchs um rund 20 %.Die Situation in Europa als dem gegenwärtigen Zentrum der globalen Pandemie könnte sich dadurch noch weiter verschärfen, dass nach Einschätzung von Francesco Rocca, Chef der Internationalen Föderation der nationalen Rotkreuz- und Roter-Halbmond-Gesellschaften, in Ländern wie Italien und Spanien aufgrund der dort als unzureichend angesehenen finanziellen Hilfen für breite Schichten der Bevölkerung die Gefahr von Unruhen und Aufständen steigt – was die Ausbreitung der Seuche weiter beschleunigen und die nationalen Volkswirtschaften weiter belasten würde. Ähnliches ist für andere Regionen denkbar, wie etwa Lateinamerika und dort insbesondere Brasilien, aber bei einem weiter rasanten Fortschreiten der Pandemie sogar in den USA.So verwundert es nicht, dass die Analysten der amerikanischen Großbank Bank of America (BoA) ihre jüngste Prognose für die Öl- und Rohstoffpreise mit der Überschrift versehen: “In den Abgrund”. Sie rechnen damit, dass der globale Ölverbrauch im zweiten Quartal um 12 Mill. Barrel pro Tag (bpd) einbrechen wird und im dritten Quartal um 4,5 Mill. bpd. Goldman Sachs erwartet sogar einen Rückgang um 26 Mill. bpd. BoA geht daher für 2020 von einem durchschnittlichen Brent-Ölpreis von 37 Dollar aus und einer WTI-Notierung von 32 Dollar. Die Analysten weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass die Ölpreise für eine längere Zeit unter 30 Dollar fallen könnten, wenn einer der beiden Schocks – oder beide – für ein ganzes Jahr oder länger anhalten. Zudem sei die Prognose der Ölnachfrage nach der Coronavirus-Krise äußerst unsicher.Was den Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland betrifft, so dürfte dieser vorerst noch weitergehen. Da die Übereinkunft über die Förderkürzungen der erweiterten “Opec plus” heute ausgelaufen ist, werden nun die Ölhähne weit aufgedreht. Wie genau die Frontlinien in dem Preiskrieg verlaufen, ist nicht ganz klar. Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung zwischen Saudi-Arabien und Russland.Wie das US-Internetportal Politico berichtet, hat sich die saudische Führung vor Beginn des Preiskrieges dafür grünes Licht bei US-Präsident Trump geholt, der aber darauf bestanden habe, den Preis nur so weit zu senken, dass die amerikanische Schieferölindustrie nicht in ernsthafte Schwierigkeiten komme. Dies hat Saudi-Arabien aber offensichtlich nicht einhalten können. Ein Aspekt des Streits zwischen Riad und Moskau ist auch, dass der neue saudische Energieminister Abdulaziz bin Salman im Gegensatz zu seinen umgänglicheren Vorgängern als schwierige Persönlichkeit gilt. Gemeinsamer GegnerLetztlich ist aber festzustellen, dass Saudi-Arabien und Russland einen gemeinsamen Gegner haben, der ihnen das Leben schwergemacht hat, aber selbst als äußerst anfällig gilt. Während sich die beiden Schwergewichte der “Opec plus” bei den Produktionsmengen zur Stützung des Ölpreises lange deutlich zurückgenommen haben, drehte die US-Schieferölindustrie ihre Produktion immer weiter auf. Dass auch die USA im Sinne einer Marktpflege Zurückhaltung üben könnten, erschien der Trump-Administration und auch der US-Branche undenkbar. Somit erscheint es nicht unplausibel, dass es hinter den Kulissen zumindest eine unausgesprochene Einheitlichkeit der Interessen von Riad und Moskau gibt, nämlich der amerikanischen Schieferölindustrie den Garaus zu machen.Der US-Branche wird nämlich nachgesagt, flächendeckend mit viel zu optimistischen Prognosen zu Ergiebigkeit der Ölbohrungen und Break-even-Kosten große Summen an Finanzmitteln angezogen zu haben. Kritiker sprechen sogar von einem gewaltigen Schneeballsystem, indem die meist kleineren Ölfirmen mit betrügerischen Versprechungen neues Kapital aufnehmen und anschließend verbrennen würden, ohne bei sinkenden Preisniveaus echte Profite erwirtschaften zu können. So hatte es im vergangenen Jahr geheißen, dass die Ölproduktion im Permian-Becken ab einem Ölpreis von 23 Dollar profitabel sein könnte, wie die Federal Reserve Bank von Dallas zusammengetragen hatte. Mittlerweile werden Niveaus von 39 bis 48 Dollar genannt, wobei auch das nicht unbedingt der Realität entsprechen muss. In der Folge gehen die Mengen bereits deutlich zurück. Die Zahl der aktiven Ölbohrungen in den USA ist in der vergangenen Woche um 40 auf 624 gesunken. In Kanada waren gemäß Berechnung der Commerzbank zuletzt nur noch 18 Bohrungen aktiv statt 172 im Februar. Einige Beobachter befürchten sogar, dass ein Zusammenbruch der hoch verschuldeten US-Schieferölbranche eine neuerliche Krise des amerikanischen Finanzsystems auslösen könnte.Eine solche Entwicklung würde dann auch einer neuen Allianz aus Saudi-Arabien und Russland den Weg freimachen, für einen nachhaltig höheren Ölpreis zu sorgen. Auf diesen ist insbesondere Saudi-Arabien angewiesen, dessen – nicht ausgeglichener – Staatshaushalt mit einem Preisniveau von 62 bis 63 Dollar je Barrel kalkuliert ist. Russland hingegen hat sich mit einem mehr als 150 Mrd. Dollar schweren Staatsfonds und einer inzwischen deutlich stärker diversifizierten Volkswirtschaft rechtzeitig auf schwierigere Zeiten eingestellt. Moskau dürfte aber ein Interesse daran haben, eine gegenüber China und Russland immer aggressiver agierende Supermacht USA zu schwächen. Insofern erscheint eine rasche Kehrtwende in der russischen Energiepolitik wenig wahrscheinlich. Dazu passt auch, dass Igor Setschin, Chef des halbstaatlichen russischen Erdölkonzerns Rosneft, jüngst angemerkt hat, der Ölpreis könne durchaus wieder auf 60 Dollar steigen – aber erst, wenn das US-Schieferöl den Markt verlassen habe. Insofern erscheint es eher unwahrscheinlich, dass, wie die Analysten der Bank of America vermuten, es doch noch vergleichsweise zügig zu einer Beilegung des Preiskriegs kommen könnte.Es darf nicht übersehen werden, dass ein niedriger Ölpreis zwar dem auf die USA ausgerichteten internationalen Finanzsystem schadet, sich aber als ein Segen für die von der Pandemie stark gebeutelten Volkswirtschaften rund um den Globus erweisen könnte und auch dazu beitragen könnte, eine möglicherweise durch die Stützungsmaßnahmen ausgelöste Inflation unter Kontrolle zu behalten. Dies gilt übrigens auch für die russische Volkswirtschaft, da Russland keineswegs mehr eine Tankstelle ist, die sich als Land ausgibt, wie US-Politiker noch vor wenigen Jahren süffisant bemerkten. 4 Mill. Barrel pro Tag mehrInzwischen wurde angekündigt, dass ab April das Angebot der “Opec plus” um rund 4 Mill. bpd steigen soll – zeitgleich mit dem Ausfall eines guten Teils der weltweiten Nachfrage. So will Saudi-Arabien die Produktion von 9,7 Mill. bpd auf 12,3 Mill. bpd hochfahren, die Vereinigten Arabischen Emirate um 1 Mill. bpd und Russland um 500 000 bpd. Was die amerikanische Schieferölindustrie betrifft, dürften zwar die Investitionsbudgets schnell zurückgehen, die Fördermengen aber deutlich langsamer sinken. So würde es schätzungsweise zwölf Monate dauern, bis die amerikanische Fördermenge um 4 Mill. bpd sinkt als Ergebnis davon, dass die US-Branche die Erschließung neuer Ölbohrungen komplett einstellt.Die Analysten der Bank of America schätzen, dass es aktuell noch freie Lagerkapazitäten für 1,5 Mrd. Barrel gibt, davon rund 900 Mill. Barrel für Rohöl – inklusive Tanker. In einem besonders negativen Szenario wären die Lager bereits im zweiten Quartal voll, und die Ölpreise würden sich zunächst auf einem Niveau zwischen 10 und 20 Dollar einpendeln, so die Bank of America.