"Die ETF-Industrie wird wieder kräftig wachsen"
"Die ETF-Industrie wird wieder kräftig wachsen"
Der CEO und Präsident von Van Eck über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Fondsbranche, den Wettbewerb unter den ETF-Anbietern, die Positionierung seiner Gesellschaft und die besonderen Wachstumsperspektiven von börsennotierten Indexfonds. Herr van Eck, wie läuft das Geschäft und wie schlägt sich die Coronakrise bei Ihnen nieder? Wie viele Assets haben Sie inzwischen under Management?Bis zum Corona-Crash haben sich unsere Geschäfte hervorragend entwickelt, wir wachsen weiter. Im Jahr 2019 haben wir unsere Assets under Management weltweit von 45 Mrd. auf 56 Mrd. Dollar gesteigert. Natürlich gab es durch den Corona-Crash schon jetzt erhebliche Mittelabflüsse in der gesamten ETF-Industrie. Diese hatten wir teilweise auch. Sobald sich die Lage normalisiert und wir Hoffnung haben, das Virus bald vollständig einzudämmen oder zu besiegen, dürfte sich die Situation wieder drehen. Dann gehen wir davon aus, dass wir und auch die gesamte ETF-Industrie wieder kräftig wachsen. Im Moment steht natürlich Corona im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass wir alle das Virus mit allen Mitteln bekämpfen. Gesundheit geht vor, sie ist wichtiger als das Auf und Ab in der Fondsindustrie. Wenn wir jetzt einmal von Corona absehen – wie entwickelt sich Ihre europäische ETF-Plattform?Wir verwalten per Ende Februar rund 3,1 Mrd. Dollar in Ucits-ETFs und wachsen schneller als der Industriedurchschnitt. Durch den Erwerb des niederländischen ETF-Anbieters Think ETFs Anfang 2018 haben wir unsere Position auf dem europäischen ETF-Markt deutlich ausgebaut. Diese strategische Akquisition zahlt sich für uns aus und wird sich weiterhin für uns auszahlen. Wo listen Sie eigentlich Ihre Ucits-ETFs? Welcher ist der beste Platz in Europa?In Europa fokussieren wir die fünf Kernmärkte Deutschland, Schweiz, Niederlande, UK und Italien. Entsprechend listen wir fast alle unsere ETFs in Europa an mehreren Börsenplätzen. Für Deutschland ist natürlich die Deutsche Börse mit dem Xetra-Handel der populärste und größte Handelsplatz. Was ist das Spezielle an Van Eck, und was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?Wir glauben nicht daran, dass Anlagen vor allem in Titel mit hoher Marktkapitalisierung der beste Weg sind, um in eine Assetklasse zu investieren. Wir legen intelligente ETFs auf, die sich von den simplen, auf Marktkapitalisierung abzielenden Produkten unterscheiden. So haben wir zum Beispiel ETFs im Angebot, bei denen die Aktien im zugrundeliegenden Index gleich gewichtet werden, was die Risiken solcher Aktieninvestments deutlich senkt. Anderen ETFs liegt Morningstars Economic-Moat-Bewertung und -Bewertungsanalyse, die qualitativ hochwertige US-Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen identifiziert, zugrunde. Bei Anleihen haben wir einen speziellen ETF aufgelegt, der in Fallen Angels investiert. Auch im Bereich Goldminen bieten wir Produkte an. Insgesamt finden Anleger bei uns ein ETF-Angebot, das sie bei anderen Anbietern in dieser Form nicht finden. Zudem sind wir ein Familienunternehmen. Wir legen keine ETFs auf, von denen wir nicht überzeugt sind, dass sie für bestimmte Anleger sinnvoll sind. Kommt es im ETF-Geschäft nicht wesentlich auf Größe an? Wie wollen Sie sich gegenüber BlackRock, Vanguard und State Street behaupten?Wir zählen in den USA zu den zehn größten Anbietern und bauen unser europäisches Geschäft stetig aus. Wir haben also bereits die notwendige Größe für eine effiziente Plattform. Darüber hinaus bieten wir eben nicht dieselben, vor allem von der Marktkapitalisierung einer Aktie dominierten ETFs an, wie die sehr großen Anbieter. Wir unterscheiden uns deutlich über unsere Investmentlösungen. Vor diesem Hintergrund sind wir in hohem Maße konkurrenzfähig. Was sind Ihre Wachstumsziele? Wollen Sie mit aktiven oder passiven Produkten wachsen? Welche Ziele haben Sie in Europa?Wir streben weltweit insgesamt ein Wachstum an, das größer ist als das der Assetmanagement-Industrie. Wir wollen zwar auch mit traditionellen aktiven Produkten wachsen, doch hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ETFs die weitaus größeren Wachstumsperspektiven haben. Daher dürften wir zum Großteil über ETFs wachsen. In Europa wollen wir unsere ETF-Plattform weiter ausbauen, unseren Vertrieb weiter verbessern, das Angebot vergrößern und wie in den USA in die Top Ten der ETF-Anbieter aufsteigen. Mit welchen Produkten wollen Sie wachsen?Unseren Ansatz habe ich ja schon erläutert. Wir bieten intelligente ETFs an, die für Anleger beziehungsweise bestimmte Anlegergruppen Sinn machen und einen Mehrwert bieten können. Wir sind sozusagen Kapitalmarktspezialisten. Als solche werden wir weitere innovative Produkte auflegen. Ein aktuelles Beispiel ist unser neuer ETF im Bereich E-Sports und Video Gaming, welcher es Anlegern ermöglicht, vom rasanten Wachstum in diesem disruptiven Technologiesektor zu profitieren. Als Familienunternehmen geht es uns dabei nicht um Schnellschüsse, sondern um Produkte, die längerfristig ausgerichtet sind. Planen Sie Akquisitionen?Wir schauen uns den Markt und die einzelnen Anbieter natürlich sehr genau an. Wenn sich für uns eine Gelegenheit ergibt, die zu uns passt, werden wir diese prüfen. Natürlich muss auch der Preis für uns stimmen. Gerade in Europa kann ich mir eine weitere Akquisition durchaus vorstellen. Wie entwickelt sich Ihr Absatz in Europa und in Deutschland?In der Fonds- und ETF-Industrie findet gerade in Deutschland ein gewaltiger Wandel statt. Die traditionelle Bankberatung verliert an Bedeutung, und Vertriebswege wie der Handel an der Börse sowie Discount-Broker und Internetbanken werden immer wichtiger. In Deutschland kooperieren wir unter anderem mit der ING-DiBa, Comdirect und Onvista. Diese Zusammenarbeit entwickelt sich hervorragend und fördert unseren Absatz. Auch in anderen Ländern haben wir solche Kooperationen. Diese bauen wir weiter aus. Wird sich das schnelle Wachstum der ETF-Industrie fortsetzen?Ja, davon bin ich überzeugt. Wobei vor allem Europa Nachholpotenzial gegenüber den USA hat und dadurch schneller wachsen dürfte. ETFs sind im Vergleich zu herkömmlichen Produkten in der Regel das effizientere und transparentere Instrument. Fonds werden künftig online, vor allem mobil über das Handy gekauft werden. Vor allem die junge Generation möchte nicht zur Bank zu einem Berater gehen und etliche Protokolle über sich ergehen lassen. Die Menschen schätzen es, die notwendigen Informationen über das Internet selbst zu recherchieren und dann direkt ETFs mobil zu kaufen. Werden die laufenden Kosten weiter sinken? Werden Sie Ihre Gebühren senken?Die durchschnittlichen Gebühren der ETF-Industrie dürften weiter fallen, zumal immer mehr Gelder in der ETF-Hülle verwaltet werden. Dieser Branchentrend wird anhalten. Auch wir ziehen es in Betracht, Gebühren weiter zu senken, insbesondere auch, wenn wir mehr Gelder in einem ETF verwalten. Wir streben allerdings nicht an, die niedrigsten laufenden Kosten zu haben. Wir wollen uns vielmehr über die Qualität unserer Produkte differenzieren. Insbesondere im Vergleich zu traditionellen Aktienfonds weisen allerdings auch unsere ETFs schon jetzt ausgesprochen niedrige laufende Kosten auf. Sie entwickeln einen Teil der Ihren ETFs zugrundeliegenden Indizes selbst, andere nicht, was sind die Hintergründe?Es kommt immer darauf an. Wenn wir einen Index sehen, der Mehrwert für Anleger bietet und auf den es noch kein Produkt gibt, dann prüfen wir, einen ETF auf diesen Index aufzulegen. Das ist dann natürlich auch mit Kosten, sprich einer Lizenzgebühr verbunden. Wir entwickeln aber auch Indizes selbst und können damit eigene Ideen im Interesse der Investoren umsetzen. Ich halte es für einen großen Vorteil für unser Haus in der wettbewerbsintensiven ETF-Industrie, auch eigene Indizes zu entwickeln. Was sagen Sie zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Märkte?Solange Corona sich weltweit weiter ausbreitet, bleibt die Unsicherheit an den Märkten groß. Ich hoffe, dass das Coronavirus bald besiegt ist. Die Menschen müssen jetzt zusammenstehen und das Notwendige tun. Das Interview führte Werner Rüppel.