"Diese Krise geht vorbei"

J.P. Morgan Asset Management rät zu balancierter und risikokontrollierter Positionierung

"Diese Krise geht vorbei"

J.P. Morgan Asset Management ist überzeugt, dass die Weltwirtschaft und die Aktienmärkte die Coronakrise in absehbarer Zeit überwinden werden. Allerdings rät Tilmann Galler, globaler Marktstratege des Assetmanagers, zu einer vorerst noch vorsichtigen Positionierung.ck Frankfurt – Nach Einschätzung von J.P. Morgan Asset Management werden sich die Weltwirtschaft und die Aktienmärkte angesichts der globalen Ausbreitung des Coronavirus vorerst weiter in schwerem Fahrwasser bewegen. “Der bislang zweitlängste Bullenmarkt, den wir gesehen haben, hat angefangen, empfindlich zu wackeln”, sagte Tilmann Galler, globaler Marktstratege des Assetmanagers, am Donnerstag in Frankfurt. Bärenmärkte setzten meist in Phasen auf, in denen Rezessionen drohen. Derzeit stelle sich aus Sicht der Märkte die Frage, wie hoch die Konjunkturrisiken seien. “Kurzfristige Verwerfung”Die Erfahrung zeige, dass die Wirtschaft zu ihrem Ursprungstrend zurückkehre, wenn eine Epidemie überstanden sei. “Diese Krise, die wir jetzt haben, geht vorbei”, so Galler. “Was wir jetzt sehen, ist eine kurzfristige Verwerfung der Wirtschaft, von der wir noch nicht wissen, wie heftig es wird.” Die von der Epidemie ausgelösten Beschränkungen etwa des öffentlichen Lebens und des Reiseverkehrs brächten gerade kleine Geschäfte in Schwierigkeiten. Es sei Aufgabe der Politik, kleinen Unternehmen zu helfen, dieses Tal durchzustehen. Galler verwies u. a. auf die Insolvenz der britischen Regionalairline Flybe. Damit gebe es nun erste Fälle von Unternehmen, die in Schwierigkeiten geraten seien. Wachstumseinbruch in ChinaZu Jahresbeginn seien aber auch einige Risiken gesunken, so der Stratege unter Hinweis u. a. auf den Waffenstillstand im Handelskonflikt zwischen den USA und China. Im Industriesektor sei zu spüren gewesen, dass die Stützung durch die Notenbanken für etwas positives Momentum gesorgt habe. Dieses positive Momentum sein nun von der Coronakrise getroffen worden. Die Epidemie werde nun global, und es sei festzustellen, dass die Wertschöpfungs- und Produktionsketten betroffen seien. Risiken gingen weniger von der Epidemie an sich aus als von den Gegenmaßnahmen zu ihrer Eindämmung. In China, für das zuvor ein BIP-Wachstum von 6 % erwartet worden sei, sei nun im ersten Quartal mit einem Einbruch auf vielleicht 3 % im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen, bevor die Erholung einsetze.Sars habe gezeigt, dass strukturelle Trends entscheidend seien. Zunächst habe es einen Einbruch gegeben, dann Nachholeffekte, und letztlich hätten sich die strukturellen Trends durchgesetzt. In China sei zu sehen, dass die Produktion außerhalb der Provinz Hubei beginne wieder anzuziehen. Die Regierung habe begonnen, die Wirtschaft zu unterstützen, etwa durch Steuerstundungen, Mieterlasse und Zinssenkungen. Ein Unterschied zu Sars sei allerdings, dass China heute wirtschaftlich deutlich bedeutender sei. Der Anteil des Landes am globalen BIP sei von 4 % auf 16 % gestiegen, Was in China geschehe, spiele heute global eine Rolle. So sei das Land der mit Abstand größte Rohstoffimporteur. Die Schwäche des Ölpreises zeige dies. Derzeit fielen 3 Mill. Barrel Nachfrage pro Tag aus. China sei auch bedeutender Lieferant geworden, etwa in der Telekommunikationsausrüstung. Da sich das Virus zudem auf Südkorea ausbreite, komme es zu einer Disruption auf der Angebotsseite, die zu einer erheblichen Störung der Weltwirtschaft führe. Europas Erholung fällt ausDas habe Folgen für das stark in die Weltwirtschaft verwobene Europa. Der Kontinent sei im Begriff gewesen, sich zu erholen. Diese Erholung falle jetzt aus. Europa leide unter Engpässen bei Produkten aus China, bekomme aber auch die Schwäche auf der Nachfrageseite zu spüren. Das bedeute, dass nicht nur der Handel schwach bleibe, sondern außerdem der Konsum geschwächt werde, so Galler, der von einer deutlich erhöhten Rezessionsgefahr sprach. Es sei entscheidend, dass die Politik nun Maßnahmen ergreife, um zu verhindern, dass es durch die kurzfristige Schwäche einen nachhaltigen Schaden am Arbeitsmarkt gebe. Auch die US-Wirtschaft erhalte jetzt Gegenwind, vor allem vom Sentiment her. Auf der Sentimentseite sei eine gewisse Unsicherheit auch beim Konsumenten zu sehen.Die Inflation sei im Auge zu behalten. Allerdings gebe es derzeit zwei gegensätzliche Kräfte. Bei Angebotsschwäche beziehungsweise einer Knappheit von Gütern stiegen die Preise, bei einer kollabierenden Nachfrage fielen sie jedoch. Die Zentralbanken seien gewillt, ihre expansive Geldpolitik fortzusetzen. Galler erwartet mindestens eine weitere Leitzinssenkung der Fed. Allerdings seien die Möglichkeiten der Notenbanken, etwas zu tun, mittlerweile relativ begrenzt. Europa und Japan bleibe aber die Möglichkeit, zu Anleihekäufen zu greifen, wenn es etwa auf dem Credit-Markt eng werden sollte. Gewinnerwartungen obsoletDie Aktienmärkte seien zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Coronakrise nicht mehr ganz günstig gewesen. Nun sei ihre Bewertung auf den Durchschnitt zurückgekehrt. Damit sei aber noch nicht angesagt, “blind” zu kaufen. “Denn wir werden jetzt auf der Gewinnseite Abwärtsrevisionen sehen.” Die Gewinnerwartungen seien obsolet. So sei im Januar für den Energiesektor noch ein Gewinnwachstum von 28 % erwartet worden. “Dies dürfte massiv zurückgehen, wenn nicht ganz verschwinden.” Allerdings seien Aktieninvestments langfristige Investments. 2020 werde es unangenehm. 2021 und 2022, wenn die Krise eingedämmt sei, würden sich die Gewinne und die Cash-flows jedoch wieder verbessern. Langfristig werde die Krise moderate Effekte haben, vorausgesetzt, Unternehmen überstünden den Schock. Galler riet zu Unternehmen mit relativ hoher Qualität und relativ niedriger Verschuldung sowie zu Firmen, die nicht vom operativen Leverage her anfällig seien. Unternehmen, die mit hohem Kapitaleinsatz produzierten, hätten ein Problem. IT-Firmen seien nicht so stark betroffen. Viele Unternehmen des Sektors seien in der Lage, vom Home Office aus zu arbeiten. GelegenheitenKrisen seien oft Phasen, in denen viele die Differenzierung aufgäben. Dadurch ergäben sich Chancen. Opportunitäten böten sich im Bereich Quality Value. Die Bewertungsdifferenz zwischen Growth und Value habe das höchste Niveau seit der TMT-Blase erreicht. Mittel- bis langfristig lasse sich hier Wert generieren. Die Anleiherenditen befänden sich auf historischen Tiefstständen. Staatsanleihen seien dennoch für die Diversifikation und die Portfoliostabilität wichtig, vor allem Treasuries. Die Jagd nach Rendite werde sich aber letztlich fortsetzen, so Galler, der dazu riet, Chancen im Hochzins- und Schwellenländeranleihenbereich zu suchen. “Jetzt sollte man aber noch nicht in eine aggressive Übergewichtung gehen”, so Galler. Es komme darauf an, die aktuelle Phase balanciert und risikokontrolliert zu überstehen.