"Draw-down war vergleichsweise harmlos"
"Draw-down war vergleichsweise harmlos"
Nach einer dramatischen Börsenwoche versuchen Marktteilnehmer, Analysten und Volkswirte eine erste Bilanz zu ziehen. Für viele Profis stellt sich die Frage nach der Wirkung von Hilfsmaßnahmen. Ungeachtet dessen schauen die Experten nach vorne und versuchen den weiteren Verlauf abzuschätzen. Von Wolf Brandes, FrankfurtDie Ankündigung umfangreicher Hilfen durch die Bundesregierung im Kampf gegen die Folgen der Coronavirus-Krise hat dem deutschen Aktienmarkt am Freitag zeitweise eine starke Erholung beschert. Der Dax stieg wieder dicht an die Marke von 10 000 Punkten. Am Nachmittag sackten die Kurse aber wieder ab. Das Plus belief sich auf 0,8 %, womit der Leitindex bei 9 232 Punkten schloss. Maßnahmen verpufftenAm Donnerstag war der Dax mit dem zweitgrößten Tagesverlust in seiner 30-jährigen Geschichte unter die Marke von 10 000 Zählern abgesackt – ungeachtet der Ankündigungen der EZB. Im Unterschied zu früheren geldpolitischen Lockerungen verpufften die Maßnahmen an der Börse. Nach Einschätzung von Marktteilnehmern ist das auch darauf zurückzuführen, dass es sich beim Coronavirus um ein gesundheitspolitisches Problem handele.Die Hoffnung auf wirksame geld- und fiskalpolitische Gegenmaßnahmen bleibt. “Angesichts des Zusammenbruchs des Risikomarktes rechnet der Konsens mit einer Senkung um 100 Basispunkte durch die Fed bei oder noch vor ihrem Treffen nächste Woche”, schreibt John Vail, Chefstratege von Nikko Asset Management. Weniger optimistisch ist Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank, den die Zurückhaltung der EZB nicht gewundert hat. “Das wird viele überrascht haben, die es aus der Euroraum-Krise gewohnt waren, dass die EZB sich zum Retter aus aller Not aufspielt.” Doch sollte der Markt seiner Ansicht nach froh sein, dass die Eurozone nun eine EZB-Spitze habe, die sich der Beschränktheit der Geldpolitik bewusst sei und nicht die Erwartung aufbaue, sie sei der Heilsbringer. “Schließlich: Wir haben’s hier – anders als 2010/12 – nicht mit einer Finanzkrise zu tun, sondern mit einem realwirtschaftlichen Schock”, bilanziert Leuchtmann.Das Einschreiten der Politik in Berlin wird von vielen Marktprofis begrüßt. Dass Finanzminister Scholz & Co. ein Bürgschafts- und Kreditprogramm für die Wirtschaft aufgelegen, sei das “Whatever it takes” der Bundesregierung. “Das ist genau die Nachricht, die die Abwärtsspirale der Erwartungen durchbrechen kann”, meint Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.Der Reihe nach korrigierten die Analysten ihre Prognosen für Wirtschaftswachstum und Aktienkurse nach unten. Aus Sicht der UBS ist vieles inzwischen aber in den Kursen enthalten: “2 % globales Wachstum. Das ist schlecht, aber es könnte schlimmer sein”, schreibt die Schweizer Großbank. Sie schätzt, dass der Markt dieses Wachstum einpreist – verglichen mit dem langfristigen Durchschnitt von 3,5 % bis 4 % ein enormer Rückgang.Für die Deutsche Bank ist es nicht nur die Coronakrise, die den Märkten zusetzt, sondern auch der Zusammenbruch des Ölpreises. Der schnelle “Doppelschock” habe zu diesem extrem starken Rückgang der Wachstumserwartungen geführt. Die Aussichten sind angesichts der unkalkulierbaren Coronakrise trübe. “Solange die Zahl der neuen Fälle steigt, ist der Tiefpunkt bei einer Reihe von Risikoanlagen wahrscheinlich noch nicht erreicht. Die Märkte berechnen nicht unsere Eskalationsszenarien”, schreibt die UBS.Wie sich die Krise weiter realwirtschaftlich ausbreiten könnte, skizziert Union Investment, die Kreditausfälle bei Banken für wahrscheinlich hält. “Der starke Verlust beim Ölpreis verschärft die Situation, vor allem für die USA. Insbesondere die US-Schieferölanbieter leiden unter dem Preisverfall, denn zu diesen niedrigen Preisen können sie nicht profitabel wirtschaften”, schreiben die Analysten. In der Folge von Insolvenzen sei bei den Banken, die diese Firmen finanzieren, mit steigenden Kreditausfällen zu rechnen. “Damit nimmt das Risiko einer perspektivischen Ausbreitung auf den Bankenbereich zu”, so die Fondsgesellschaft weiter. Bewertungsblase geplatztVor drei Wochen befanden sich insbesondere US-Aktien “am Fuße einer Bewertungsblase, die Kreditspreads bewegten sich im Allgemeinen um zyklische Engpässe, und die Preisgestaltung für keines der wachsenden Risiken und Anleiherenditen lag nahe an den damaligen Tiefstständen aller Zeiten”, weist die Deutsche Bank auf die Entstehungsgeschichte des Börsencrashs hin. Nach Jahren überwiegend steigender Kurse hatten etliche Marktteilnehmer mit einem Rückschlag gerechnet. “Natürlich hätte niemand das Virus vorhersagen können, aber die Märkte waren überfällig für eine Korrektur”, so die Einschätzung der Deutschen Bank.Die Geschwindigkeit, mit der die Aktienmärkte in den letzten Tagen abgestürzt sind, ist ohne Beispiel. “Die wahrscheinlichste Ursache ist eine Zwangslage bei vielen Marktteilnehmern, um jeden Preis Liquidität schaffen zu müssen – um Schulden zu begleichen oder um für einen sich abzeichnenden Liquiditätsengpass vorzusorgen”, vermutet Georg von Wallwitz, Gründer der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz. Dies gilt am Markt auch als Erklärung dafür, dass der Goldpreis bestenfalls seitwärts tendiert. Am Freitag notierte der Goldpreis bei 1 519 Dollar je Feinunze und damit rund 10 % niedriger als zu Wochenbeginn. Alle fragen: Wie lange noch?Wie abrupt Investoren und Marktteilnehmer aus der heilen Börsenwelt gerissen wurden, beschreiben die Experten von Helaba Research so: “Eben waren Aktien noch alternativlos, nun möchte man sie nicht einmal mit der Kneifzange anfassen.” Die Bank schaut aber nach vorn und ist verhalten optimistisch. “Trotz kurzfristiger Unwägbarkeiten weisen Aktien inzwischen aber ein attraktives Chance-Risiko-Profil auf.” Zuversichtlich stimme, dass die Volatilität ein Niveau erreicht habe, das bislang nur zum Höhepunkt der globalen Finanzkrise übertroffen wurde. “Dies ist ein klares Indiz dafür, dass die Märkte derzeit nach unten übertreiben.” Wie lange diese Übertreibungen andauern und auf welchem Niveau der Kursverfall gestoppt werde, kann die Helaba naturgemäß auch nicht sagen.Deutlich pessimistischer zeigt sich M.M. Warburg. “Das Argument, dass Aktien aufgrund des Kursverfalls günstig geworden sind, ist sehr fragwürdig. So sieht das aktuelle Dax-KGV von 11,2 zwar relativ attraktiv aus, doch haben sich die Gewinnschätzungen der Unternehmensanalysten seit der Zuspitzung der Coronakrise kaum bewegt.” In vielen Rezessionen seien die Unternehmensgewinne um 40 % und mehr eingebrochen. “Auch wenn wir ein solches Szenario derzeit nicht erwarten, halten wir bei unserem Konjunkturszenario einen Gewinnrückgang von 10 % für möglich.”Warburg vergleicht den Börsencrash mit früheren Rückschlägen und kommt zu dem Schluss, dass “der bisher zu beobachtende Draw-down sogar noch vergleichsweise harmlos” war. Solchem Pessimismus hält die Branche auf der anderen Seite Durchhalteparolen entgegen. Anleger sollten nicht hektisch ihre Wertpapiere verkaufen. “Für Privatanleger ist es sinnvoll, selbst durch größere Kursrückgänge wie gegenwärtig hindurchzufahren”, heißt es bei der Fondsgesellschaft Deka.