Hongkongs Börsenchef macht überraschenden Abgang
Hongkongs Börsenchef macht überraschenden Abgang
Von Norbert Hellmann, SchanghaiAm Finanzplatz Hongkong gibt es eine neue umwälzende Nachricht zu verdauen. Der langgediente Chief Executive der Hongkong Exchanges (HKEX), Charles Li, hat die Ergebnispublikation des Hongkonger Börsenbetreibers für das erste Quartal völlig überraschend zum Anlass genommen, das Handtuch zu werfen. Wie der 59-jährige auf dem chinesischen Festland gebürtige Li nun angekündigt hat, will er seinen bis Oktober 2021 laufenden Vertrag nicht mehr verlängern. Er wird aber noch so lange auf dem Posten bleiben, bis ein passender Nachfolger gefunden ist.Seitens der Verwaltungsratsspitze der HKEX ist man etwas konsterniert über die Entscheidung, denn die Suche nach einem geeigneten Nachfolger dürfte sich als einigermaßen heikel erweisen. Immerhin aber zeichnet sich ein großzügiges Zeitfenster für die Neurekrutierung ab. HKEX-Chairman Laura Cha hat denn auch Lis Errungenschaften gewürdigt und sich gleichzeitig artig dafür bedankt, dass er mit einer frühen Abtrittserklärung genügend Zeit für einen nahtlosen Übergang an der Führungsspitze lässt.Li kann in der Tat auf eine ansehnliche Erfolgsbilanz in seiner mittlerweile zehnjährigen Amtszeit zurückblicken. Die Hongkong Exchanges hat nicht nur im vergangenen Jahr, sondern insgesamt siebenmal seit 2010 noch vor den New Yorker Börsen den Spitzenplatz im weltweiten Ranking im Geschäft mit Initial Public Offerings (IPO) eingenommen. Die Anzahl und auch die Marktkapitalisierung der in Hongkong notierten Aktien wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die eigene HKEX-Aktie legte im gleichen Zeitraum um etwa 76 % zu.Als Lis größte Verdienste gelten die Akquisition der London Metal Exchange (LME) im Jahr 2012 und Listing-Reformen, die es ermöglicht haben, dass die HKEX nun auch zum IPO-Magnet für große chinesische Technologiesektor-Firmen wird. Gleichzeitig hat sich Lis hartnäckig verfolgte Vernetzungsstrategie mit den im Prinzip rivalisierenden Festlandbörsen in Schanghai und Shenzhen ausgezahlt. Das sogenannte Stock-Connect-System hat zuletzt bereits gut 10 % zu den gesamten Einnahmen der Börse beigetragen.Li hat allerdings auch einige Rückschläge zu verdauen. Die größte Schlappe seiner Amtskarriere ist zweifelsohne die im September 2019 aus heiterem Himmel lancierte und sang- und klanglos gescheiterte Übernahmeofferte für die London Stock Exchange (LSE). Der Vorstoß fiel in eine Zeit, da Hongkong mit ausufernden Protesten und Straßenschlachten international in den Schlagzeilen stand, und wurde weder in Peking noch in der Londoner City goutiert.Kritiker betonen überdies, dass Li mit seinem Streben nach internationaler Strahlkraft bisweilen die Bedürfnisse der wichtigsten heimischen Klientel, nämlich der vielzähligen Hongkonger Broker, vernachlässigt hat. Einen Schatten wirft auch die im vergangenen Jahr hochgekochte Affäre um einen schweren Korruptionsfall im Hause, bei dem ein HKEX-Spitzenmanager des Kassierens von Schmiergeldern zur Ebnung von IPO-Anträgen überführt wurde. Die Hongkonger Regierung hat denn auch bereits süffisant wissen lassen, dass sie sich von Lis Nachfolger eine Stärkung der Corporate Governance der HKEX erhoffe. Fürstliches GehaltCharles Li hat sich nicht etwa von einer neuen lukrativeren beruflichen Herausforderung in Hongkong oder auf dem chinesischen Festland locken lassen. Das wäre auch schwer möglich, weil der Job des Chief Executive bei der HKEX der überhaupt bestbezahlte Posten in der chinesischen Sonderverwaltungszone ist und zuletzt mit einem jährlichen Grundsalär von 29 Mill. HK-Dollar (etwa 3,5 Mill. Euro) dotiert wurde. Wie Li in der telefonischen Pressekonferenz wissen ließ, möchte er sich künftig noch stärker seiner Familie mit drei Kindern und drei Hunden sowie seiner Leidenschaft des Fußballspielens widmen.