Indiens Aktienmarkt auf Rekordjagd
Indiens Aktienmarkt auf Rekordjagd
Ein umfangreiches Infrastrukturinvestitionsprogramm und Rekapitalisierungsmaßnahmen für staatliche Banken haben den indischen Aktienmarkt auf Rekordhöhen getrieben. Der Index BSE Sensex zählt mit einem Gewinn von 26 % in diesem Jahr zu den weltweit stärksten Marktbarometern.Von Ernst Herb, HongkongDas sich seit Ende 2016 verlangsamende Wachstum der indischen Wirtschaft soll durch ein massives Infrastrukturprogramm und das Ausmisten der in den Bilanzen der Banken stehenden faulen Kredite auf Vordermann gebracht werden. Wie Ende Oktober bekannt wurde, will die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi 7 Bill. Rupien (100 Mrd. Dollar) in den Bau von Straßen investieren und 2,1 Bill. Rupien (32 Mrd. Dollar) in marode Geldhäuser einschießen.Die Börse Mumbai hat diesem massiven Programm schon einmal reichlich Vorschusslorbeeren geschenkt. Das ist umso bemerkenswerter, wird sich das Programm nach Meinung von Ökonomen des chinesischen Brokerhauses CSLA dem Kredit- und damit auch dem Wirtschaftswachstum erst mittelfristig zusätzlichen Antrieb geben. Dennoch kletterte der Hauptindex – der BSE Sensex – nach der Ankündigung der Maßnahmen auf ein Allzeithoch von mehr als 33 600 Zählern, das gestern erreicht wurde.Besonders stark zugelegt haben dabei vor allem Titel von Banken und auf den Straßenbau spezialisierten Gesellschaften. Die Stimmung an der indischen Börse ist damit deutlich besser als noch vor einem Jahr, als die Regierung überraschend ankündigte, dass im Rahmen der laufenden Antikorruptionskampagne über 80 % des im Umlauf befindlichen Bargeldes außer Zirkulation genommen werden soll.Das bescherte dem Einzelhandel, der Bauindustrie und dem Fremdenverkehr zunächst massive Umsatzeinbrüche. Die Wirtschaft erholte sich im Verlauf des laufenden Jahres von diesem Schock. Doch hat sich die unerwartet schwierige Umsetzung der am 1. Juli in Kraft getretenen landesweiten Steuer auf Waren und Dienstleistungen als neuer Bremsfaktor erwiesen.Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) korrigierte vergangene September denn auch ihre Wachstumsprognose für das laufende Finanzjahr von 7,4 % auf 7 %. Allerdings weisen Indikatoren wie etwa die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze, der Zementverbrauch oder auch der Einkaufsmanagerindex der verarbeitenden Industrien auf eine deutlich stärkere Konjunkturabkühlung hin.Der Sensex verlor denn auch zwischen August und Anfang Oktober beinahe 7 %. Das vor allem auch, weil indische Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 17 gerade auch im Vergleich zu Börsen anderer Wachstumsmärkte hoch bewertet sind. Das fällt umso mehr ins Gewicht, als sich die Kerninflation auf über 4 % beläuft, was die nominal ausgewiesenen Unternehmensgewinne erst ins richtige Licht stellt. Analysten der Credit Suisse gehen für das laufende Finanzjahr von einem durchschnittlichen Gewinnwachstum der indischen Unternehmen von 6 bis 7 % aus. Für das kommende Jahr erwartet das Institut ein Wachstum von 10 bis 12 %. Mehr als 2 Bill. Dollar schwerIm August und September kehrten vor allem ausländische Investoren dem indischen Aktienmarkt den Rücken und tätigten Nettoverkäufe im Umfang von über 3,5 Mrd. Dollar. Doch liegt der Sensex vor allem auch dank des Kursschubs der vergangenen Tage 26 % über dem Stand vom Jahresbeginn. Dank der Rally der vergangenen Monate hat die Marktkapitalisierung der Börse Mumbai mittlerweile die Schwelle von 2 Bill. Dollar überschritten.Gestützt wurden die Kurse in den vergangenen drei Jahren vor allem von der Erwartung, dass der als unternehmensfreundlich geltende und im Frühjahr 2014 in einem Erdrutschsieg ins Amt geschwemmte Ministerpräsident Modi die im Wahlkampf versprochenen Wirtschaftsreformen realisieren kann. Erste Früchte zeigt der bereits von der Vorgängerregierung eingeleitete und von der Notenbank unterstützte Kampf gegen die Teuerung, die sich noch 2012 auf beinahe 10 % belaufen hatte. Leitzins kräftig gesenktGeholfen haben aber auch der niedrige Erdölpreis und die infolge überdurchschnittlich starker Niederschläge reichlichen Ernten, was wiederum die Lebensmittel günstiger machte. Die Reserve Bank of India konnte dank all dem den Leitzins – den Repo-Satz – im selben Zeitraum von 9,5 % auf aktuell 6 % senken.Als ein längerfristig weitaus bedeutender Wachstumsmotor als das günstiger gewordene Geld könnte sich die in Indien besonders schnell voranschreitende digitale Revolution erweisen. Das ermöglicht schon einmal, dass die nach wie vor enorm große graue Wirtschaft zunehmend in den formellen Sektor integriert wird, so etwa durch einen erleichterten Zugang zu onlinebasierten Bankdienstleistungen. Das spült nicht nur dem Staat mehr Geld in die Kasse. 285 Millionen neue KontenEs ist auch ein treibender Faktor des Finanzmarktes geworden. So sind innerhalb von drei Jahren 285 Millionen neue Bankkonten eröffnet worden, wobei der Trend weiter anhält. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sich die Zahl der Smartphone-Besitzer nach Schätzungen von Industrieexperten von heute 300 Millionen bis 2020 auf 800 Millionen erhöhen wird. Diese rasante Entwicklung hat vor allem auch Titel von innovativen Finanzdienstleitern Auftrieb gegeben, so etwa Edelweiss, deren Aktie innerhalb eines Jahres um mehr als 130 % zugelegt hat.Besonders rosig sieht die indische Zukunft Morgan Stanley, die dem Land in den kommenden zehn Jahren einen ähnlich starken Expansionsboom voraussagt, wie China ihn in den Jahren vor der globalen Finanzkrise erlebt hat. In einer jüngst veröffentlichten Studie gehen die Analysten des US-Finanzhauses von einem – dank einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von 10 % bis 2027 – verdreifachten indischen Bruttoinlandprodukt von über 6 Bill. Dollar aus. Gleichzeitig werde Indien mit einer Marktkapitalisierung von 6 Bill. Dollar zu einem der fünf größten Aktienmärkte der Welt. Anfälligkeit durch DefiziteAllerdings dürfte der Weg dorthin nicht ohne Hindernisse sein. Die drittgrößte asiatische Volkswirtschaft weist ein Budgetdefizit von 3,5 % und ein Zahlungsbilanzdefizit von 2,4 % auf. Anders als noch vor wenigen Jahren kann Indien dank der global großen Liquidität gut mit diesem doppelten Manko leben. Die Landeswährung hat seit 2013 gegenüber dem Dollar um rund 15 % aufgewertet. Sollten die Zinsen in den USA aber schneller als erwartet steigen und damit ein Kapitalabfluss aus den Schwellenländern einsetzen, wäre Indien und damit auch die Börse Mumbai davon besonders betroffen. Was das bedeuten könnte, zeigte sich Mitte 2013, als schon das Andeuten einer geldpolitischen Wende in den USA Indien gefährlich nahe an den Rand einer Zahlungsbilanzkrise brachte.