Kalter Krieg belastet russische Aktien
Kalter Krieg belastet russische Aktien
Die russische Börse hat zuletzt empfindliche Verluste erlitten. Vieles ist selbst verschuldet, der Rest geht auf die Kappe der USA. Das alles schafft freilich auch Kaufgelegenheiten.Von Eduard Steiner, MoskauWährend Russlands offizielle Vertreter gebetsmühlenartig wiederholen, dass die Wirtschaft nach ihrer zweijährigen Rezession an Fahrt aufnimmt, vollzog sich auf dem Aktienmarkt zuletzt das genaue Gegenteil. Vor allem seit Ende Mai verzeichnet die Moskauer Börse signifikante Verluste, die sich ab Mitte Juni noch einmal beschleunigten. Der in Dollar denominierte Leitindex RTS fiel am 15. Juni unter die Schwelle von 1 000 Punkten – und zwar zum ersten Mal seit November des Vorjahres. Seit Jahresbeginn ergibt das ein Minus von über 15 %. Bei dem in Rubel denominierten Leitindex Micex ergibt sich ein ähnliches Bild.Dabei war die russische Börse nach drei mauen Jahren 2016 eine der erfolgreichsten weltweit gewesen. Und seit der ersten Einigung auf Ölförderkürzungen zwischen der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) und mehreren Nicht-Opec-Staaten wie Russland Anfang Dezember 2016 hatte alles darauf hingedeutet, dass die von tiefem Niveau – der RTS stand Anfang 2016 bei 650 Punkten – ausgehende Erholungsrally weitergehen würde.Die Euphorie über die erzielte Ölpreisstabilisierung hielt freilich nicht lange, weil Letztere dazu führte, dass die preisdrückende US-Förderung aus Schiefergestein weitaus schneller hochgefahren wurde und wird, als dies erwartet worden war. Und so hat der Markt an den Effekt der zweiten Einigung der Ölstaaten Ende Mai, die Förderkürzung zu verlängern, auch nicht mehr recht geglaubt. Tatsächlich sackte der für Russlands Wirtschaft enorm relevante Ölpreis von 54 Dollar je Barrel der Sorte Brent auf zuletzt unter 46 Dollar ab.Wie schon früher setzt dies den Öl- und Gaskonzernen – allesamt Börsenschwergewichte – zu. Zusätzlich zu schaffen macht ihnen, dass sie im Unterschied zu den Rezessionsjahren dieses Jahr einen deutlich stärkeren Rubel vorfanden und daher die inländischen Ausgaben teurer geworden sind, sodass die gesunkenen Dollareinnahmen nicht mehr so stark kompensiert werden können. Die russischen Öl- und Gaswerte haben an der Börse seit Jahresbeginn zumindest 15 % und teils über 20 % verloren, ihre westlichen Konkurrenten maximal halb so viel. Empfindlicher SchlagTrifft schon die Produktionsausweitung in den USA Förderländer wie Russland ins Mark, so hat nun der Staat Amerika selbst zu einem empfindlichen Schlag gegen Russlands Wirtschaft ausgeholt. Und zwar mit einem Gesetzesentwurf zu neuen Sanktionen, für den der US-Senat am 15. Juni gestimmt hat. Der Gesetzesentwurf enthält unter anderem den Vorschlag, weitere Sektoren wie Metallurgie, Eisenbahn oder Schifffahrt zu sanktionieren und Finanzierungen für sanktionierte russische Banken weiter zu beschränken. Selbst ein Verbot zum Kauf russischer Staatsanleihen ist angedacht.Die Nachricht vom Gesetzesentwurf sorgte vorige Woche für einen Abverkauf in Moskau. Die Flucht der Investoren ging weiter, als das US-Finanzministerium am 20. Juni die bestehenden Sanktionen um 38 Personen und Firmen erweiterte. Dabei ist dieser Schritt des Ministeriums offenbar ein kluger Schachzug, um den Senat ruhigzustellen und die Annahme des Gesetzesentwurfes zu verhindern, wie Beobachter vermuten. Mit dem Gesetz nämlich würde die letztendliche Entscheidung bei Sanktionen von der Exekutive auf die Legislative übergehen. Würde das Gesetz angenommen, “könnten die finanziellen Auswirkungen für russische Aktiva sehr schwerwiegend sein”, schreibt Citi Research.Diese Unsicherheiten schweben wie ein Damoklesschwert über den Investoren. Ihre starke Reaktion habe auch damit zu tun, dass 75 % des Free Float russischer Aktien in den Händen ausländischer Investoren liege, so Andrej Kusnezow, Analyst der Sberbank CIB, gegenüber der Zeitung “Wedomosti”.Gewiss, auf dem Markt lasten auch die inländischen Schwächen wie eh und je. So steht bei der Aktie des Mischkonzerns AFK Sistema seit Jahresbeginn eine Werthalbierung auch deshalb zu Buche, weil der landesweit größte Ölkonzern Rosneft (mit seinem übermächtigen Chef Igor Setschin) die dubiose Summe von 170,6 Mrd. Rubel (2,6 Mrd. Dollar) Schadenersatz einfordert, die er angeblich beim Kauf der früheren Sistema-Tochter Baschneft erlitten hat. Sistema-Aufsichtsräte haben sogar Putin um Schutz angerufen, weil die Causa das Investitionsklima in Russland weiter gefährde. Noch keine ReformenDie überfälligen Strukturreformen wie etwa die Gewährleistung einer unabhängigen Justiz werden frühestens 2018 nach der Präsidentenwahl im März angegangen werden. Ohne Strukturreformen sei das Wachstum selbst dann auf 2 % beschränkt, wenn der Ölpreis auf 55 bis 60 Dollar je Barrel steige, so die Zentralbank. Sie hat vorige Woche den immer noch hohen Leitzins von 9,25 auf 9 % vorsichtig gesenkt und die Prognose für das diesjährige BIP-Wachstum von 1 bis 1,5 % auf 1,3 bis 1,8 % erhöht. Sie befürchtet jedoch, dass die Bevölkerung zu schnell vom jüngsten Sparmodell zum alten Konsummodell übergeht, wobei aufgrund des über Monate gestiegenen Rubel der Import zulegen würde. Aktuell freilich fällt der Rubel aufgrund des Ölpreises und der US-Sanktionsmanöver auf mehrmonatige Tiefstände ab.All diese Umstände haben dazu geführt, dass der Markt so überverkauft sei wie seit Januar 2016 nicht mehr, halten die Analysten von BCS Prime fest: Die Talsohle dürfte aber in den kommenden paar Wochen durchschritten sein: “Wir sehen ein attraktives fundamentales Aufwärtspotenzial von 22 % auf Sechs- bis Zwölfmonatssicht und glauben, dass das Risiko-Gewinn-Verhältnis auf derzeitigem Niveau das beste seit dem Sommer ist.” Finanzsektor bevorzugtLaut BCS Prime ist der Finanzsektor dank dem Platzhirsch Sberbank derzeit der bevorzugte, gefolgt von den Gaswerten Gazprom und Novatek, während Konsumtitel auf der Verkaufsliste stünden.Bei den Ölwerten bleibt Credit Suisse bei der Kaufempfehlung für den Branchenzweiten Lukoil und beim Halten für den Branchenprimus Rosneft, senkt aber in beiden Fällen das Kursziel (auf 60 Dollar, bzw. auf 5,50 Dollar). Lukoil notiert aktuell bei 45 Dollar, Rosneft bei 5,2 Dollar. Auch BCS und UBS empfehlen beide zum Kauf und geben für Lukoil als Ziel 60 bzw. 65 Dollar und für Rosneft 6,50 bzw. sechs Dollar aus.Jenseits des Rohstoffsektors haben Goldman Sachs und Renaissance Capital etwa das Kursziel der Fluglinie Aeroflot, die derzeit bei 191 Rubel notiert, auf jeweils 220 Rubel gehoben und die Kaufempfehlung erneuert. Aeroflot hat im Vorjahr einen Rekordgewinn eingeflogen und die Passagierzahlen seit Jahresbeginn um 16 % erhöht.Mit der anziehenden Konjunktur sieht VTB Capital auch für die Internetsuchmaschine Yandex wieder bessere Chancen und empfiehlt nun statt Halten einen Kauf mit gleichbleibendem Kursziel von 31 Dollar. Yandex, die derzeit bei 26 Dollar notiert, hat zwar zuletzt Marktanteile an den Konkurrenten Google verloren, bleibt aber mit großem Abstand Marktführer.