Lenovo verkommt zum Mauerblümchen
Lenovo verkommt zum Mauerblümchen
Von Norbert Hellmann, SchanghaiTechnologieaktien stehen in diesem Jahr bei den Anlegern besonders hoch im Kurs und lassen den Bloomberg World Technology Index immer luftigere Höhen erklimmen. Besonders hoch in der Gunst stehen dabei asiatische Technologiewerte, allen voran die chinesischen Sektorriesen Alibaba und Tencent. Dem vor allem als Computerbauer bekannten chinesischen Technologiekonzern Lenovo gelingt es allerdings nicht, die insbesondere von Tencent im Hongkonger Markt entfaltete Sogwirkung zu nutzen. Im Gegenteil bietet die Lenovo-Aktie gegenwärtig ein geradezu gruseliges Kontrastprogramm.Nach einem miserablen Quartalsausweis sind die Lenovo-Titel zum Wochenbeginn auf ein Sechsjahrestief bei 4,29 HK-Dollar zurückgefallen und haben sich seitdem mit zuletzt 4,33 HK-Dollar nur mäßig erholt. Die Lenovo-Aktionäre befinden sich zwei Jahren auf einem regelrechten Leidensweg. Der Abstand zu einem Mitte 2015 im Zuge der chinesischen Börsenhausse erreichten Hoch bei 13,4 HK-Dollar beträgt nun heftige 68 %. Harte GeduldsprobeChinas einstiges Vorzeigeunternehmen im Technologiesektor weiß weder an der Verkaufsfront noch bei den Erträgen zu überzeugen und stellt die Anleger mit den vagen Versprechen für ein strategisches Revirement und der Entwicklung neuer Technologien im Konsumelektroniksektor auf eine immer zäher wirkende Geduldsprobe.Zu den enttäuschten Hoffnungen kommt nun noch ein punktueller Schock hinzu. Beim jüngsten Quartalsergebnis zum Juni-Ultimo wurden die Anleger mit einer ziemlich bösen Überraschung konfrontiert. So zeigt Lenovo für die Periode einen Verlust nach Steuern in Höhe von 72 Mill. Dollar (61 Mill. Euro) und konterkariert damit drastisch die Analystenerwartungen, die auf ein Plus von rund 33 Mill. Dollar hinausgelaufen waren.Lenovo leidet unter den freilich die gesamte PC-Branche betreffenden Kostenschub für Datenspeicherchips und Prozessoren, weist aber größere Schwierigkeiten als die US-Konkurrenz auf, diese an die Kundschaft weiterzugeben. Gleichzeitig gelingt es im Gegensatz zu HP oder Dell nicht, die Kundschaft mit neuen Modellen bei der Stange zu halten. Der Gegenwind im Kerngeschäft mit PCs und Laptop ist besonders bedenklich, weil dies die einzige profitable Sparte im Hause Lenovo ist. Kummer mit SmartphonesSowohl im Smartphone-Geschäft, wo Lenovo im chinesischen Markt von Konkurrenten wie Oppo, Vivo und Xiaomi immer weiter abgehängt wird, als auch dem 2014 von IBM teuer erworbenen Geschäft mit kleineren Servern fehlen die Aussichten, in absehbarer Zeit wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Um neue Kursfantasie zu entfachen, braucht es nach Ansicht der Experten vor allem ein Revival im Smartphone-Geschäft.Allerdings ist die Rechnung von Lenovo, mit dem Einkauf der US-Marke Motorola im chinesischen Markt punkten zu können, bislang nicht aufgegangen. Wachstumschancen verorten die Experten bei Lenovos Stellung im indischen Markt, allerdings ist man dort mit eher anspruchslosen Geräten unterwegs, die wenig Marge bringen. Auch im Server- und Datencentergeschäft, das auf den von IBM erworbenen X86-Servern beruht, scheint man am Boom mit Cloud-Hardware vorbeizuschrammen, weil die großen Player wie Alibaba, Amazon oder Alphabet eher zu speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Produkten von Auftragsfertigern greifen, als Lenovos Markenware zu ordern.Mittlerweile stellen Analysten die Frage, ob sich Lenovo sich nicht einen Ruck geben sollte, um selber einen Geschäftszweig als Auftragsfertiger im Stile der taiwanesischen Foxconn zu eröffnen. Damit könnte Lenovo Stärken in der Massenfertigung von Konsumelektronikgütern und dem Lieferkettenmanagement ausspielen und Defizite als Produktinnovator überspielen. Allerdings würde eine solche strategische Linie vom Lenovo-Management sicherlich als Rückschritt oder gar Schmach verstanden. Die Saat will nicht aufgehenKonzernchef Yuan Yuanqing gibt denn auch eine andere Losung aus und vergleicht das Smartphone und Servergeschäft mit “vielversprechenden Reisfeldern”, die allerdings noch nicht reif für die Ernte seien. Bei den Anlegern zweifelt man allerdings, ob die Saat auch nach Milliardeninvestitionen tatsächlich aufgehen kann.Lenovo steht vor der latenten Herausforderung, sich quasi selbst neu erfinden zu müssen. Analysten bei China International Capital Corp (CICC) etwa betonen, dass Lenovo nur über die Entwicklung von neuen Produkten und Diensten eine Chance hat, das Mauerblümchendasein an der Börse zu überwinden. Allerdings scheint das nicht die Stärke zu sein. Lenovo ist in ihrer DNA denn auch mehr eine Handelsgesellschaft denn ein Powerhouse in Sachen Innovationen, resümiert CICC-Analyst Qian Kai.Der im Bloomberg-Ranking unter den rund 30 Lenovo regelmäßig verfolgenden Analysten an erster Stelle geführte Qian ist extrem pessimistisch für die weitere Performance gestimmt und setzt nach den jüngsten Ergebnissen ein deutlich reduziertes Kursziel bei 3,20 HK-Dollar. Damit wird ein weiterer Kursverfall um 25 % prophezeit. Noch negativer sind die Lenovo-Watcher bei der UBS gestimmt. Sie rechnen damit, dass die Aktie neue Tiefen bei einem Niveau von 3 HK-Dollar ausloten wird.Gegenwärtig sprechen 11 von 30 Analysten Verkaufsempfehlungen aus, während gerade einmal drei “Buy”-Ratings zu finden sind. Immerhin aber sehen gut die Hälfte der Experten mittlerweile das Gröbste als überstanden an und empfehlen ein Halten der Lenovo-Aktie, wobei die Konsensschätzung für das Kursziel im 12-Monats-Horizont bei 4,30 HK-Dollar, also praktisch auf dem gegenwärtigen Kursniveau, verortet wird.So gesehen muss man wohl damit rechnen, dass sich die Schere in der Kursentwicklung von asiatischen Technologiewerten und Lenovo weiter vergrößert. Lenovo ist damit auf absehbare Zeit sicherlich nur etwas für Value-Investoren, die sich mit einer kräftigen Dividendenrendite von 6,1 % zufriedengeben und davon ausgehen, dass Lenovo auch ohne einen spektakulären Neuaufbruch zumindest im Kerngeschäft mit PCs und Laptops wieder auf solidere Erträge kommt.