Lokalschließungen treffen Metro hart
Lokalschließungen treffen Metro hart
Von Annette Becker, DüsseldorfMit dem Verkauf der SB-Warenhauskette Real, der nach monatelangen Irrungen und Wirrungen im Februar endlich vertraglich festgezurrt wurde, ist es Metro gelungen, sich als reinrassiger Großhändler für Lebensmittel zu positionieren. Zwar musste dafür im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2019/20 (30.9.) erneut ein dreistelliger Millionenbetrag abgeschrieben werden und auch die mit der Rückbesinnung auf den Großhandel erforderlichen Restrukturierungen in der Verwaltung werden im laufenden Turnus noch belasten, grundsätzlich aber wollten die Düsseldorfer mit ihrem neuen Geschäftsmodell nun eigentlich durchstarten.Daraus wird angesichts der sich ausbreitenden Viruskrise jedoch erst einmal nichts. Im Gegenteil: Ende voriger Woche kassierte der Handelskonzern die Prognose für den laufenden Turnus. Spätestens mit der Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal am 7. Mai will der Handelskonzern eine Einschätzung über den weiteren Geschäftsverlauf abgeben.Mit den behördlich angeordneten Schließungen von Restaurants, Kneipen, Hotels und Kantinen, die spätestens seit Mitte März europaweit in Kraft sind, wird es nämlich nicht nur für die Kernzielgruppe aus Gastronomie und Hotellerie (Horeca) eng, sondern auch für den Lieferanten Metro.Erschwerend kommt hinzu, dass Metro den damit im Zusammenhang stehenden Umsatz- und Ergebnisausfall auch nicht mehr wird aufholen können, wenn die Pandemie die Rückkehr zur Normalität erlaubt – denn statt essen zu gehen, kochen viele Konsumenten nun verstärkt zu Hause. Zudem wir die Öffnung von Gastronomiebetrieben und Hotels beim schrittweisen Hochfahren der Wirtschaft wohl erst in der späteren Lockerungsphase erfolgen – womöglich mit neuen Abstandsvorschriften, was die Bestuhlung in Restaurants betrifft.Das alles sind keine guten Aussichten für den Lebensmittelgroßhändler, der mit der Kundengruppe Horeca im abgelaufenen Turnus doch fast die Hälfte (48 %) des Konzernumsatzes erwirtschaftete. In Westeuropa, die Region steht für 40 % des Konzernumsatzes und des operativen Ergebnisses, waren es nach Angaben von Warburg Research sogar 65 %. Mit Frankreich und Italien sind in Europa außerdem an vorderster Front die beiden wichtigsten Länder der Region von der Krise betroffen.Wenngleich Metro im Zuge der Prognosestreichung dahingehend zu beruhigen versucht, dass die Entwicklung im ersten Halbjahr, also bis Ende März, nach vorläufigen Zahlen weitgehend im Einklang mit der Prognose stand, zeichnen die mitgelieferten Details ein erschreckendes Bild: So führen die aktuellen Einschränkungen im öffentlichen Leben jeden Monat zu einem Umsatzverlust von 500 Mill. Euro bzw. 1,5 bis 2 Prozentpunkten. Zwar konnte Metro das mit Hotels und Gaststätten wegbrechende Geschäft bis Anfang März noch mit einer erhöhten Frequenz der Kundengruppe Dienstleister, Unternehmen, Büros und Freiberufler (SCO) mehr als ausgleichen – hier wurde phasenweise ein Umsatzplus von über 50 % registriert. Die Erlöse mit der Horeca-Zielgruppe brachen jedoch um drei Viertel ein.Folgerichtig haben die Analysten inzwischen begonnen, ihre Gewinnerwartungen einzustampfen. Thilo Kleibauer von Warburg Research geht beispielsweise davon aus, dass der berichtete Konzernumsatz im laufenden Turnus um 5,5 % zurückgeht. Metro hatte bislang ein Erlösplus auf vergleichbarer Fläche zwischen 1,5 und 3 % in Aussicht gestellt. Zugleich erwartet Kleibauer im operativen Ergebnis vor Abschreibungen (Ebitda) einen Einbruch um 21 %. Hier hatte Metro bislang ein Ergebnis auf Vorjahresniveau avisiert. Für Volker Bosse von der Baader Bank zeichnet sich erheblicher Korrekturbedarf an der von ihm aufgestellten Prognose ab. Er wartet allerdings noch ab, bevor er die Auswirkungen der Viruskrise in sein Modell einpflegt. Keine KaufempfehlungAuch Lars Lusebrink von Independent Research hat die Prognose jüngst zurückgeschraubt. Die Schätzung für das Ergebnis je Aktie revidierte Lusebrink gleich um 17 % auf 2,54 Euro je Aktie. Im Folgejahr wird nur noch ein Wert von 0,63 (zuvor: 1,05) Euro je Aktie erwartet. Abstriche machen die Analysten inzwischen auch mit Blick auf die Dividende. Dabei hatte Metro die Ausschüttung trotz diverser Herausforderungen in den vergangenen drei Jahren stabil bei 0,70 Euro je Aktie gehalten.Während Lusebrink für den laufenden Turnus mit einer Kürzung auf 0,30 Euro je Aktie kalkuliert und im Geschäftsjahr 2020/21 eine Erhöhung auf 0,50 Euro je Aktie vorhersagt, ist man bei Warburg vorsichtiger. Nach Einschätzung von Kleibauer wird die Dividende für 2019/20 komplett gestrichen. Erst im darauffolgenden Jahr werde die Dividendenzahlung wieder aufgenommen – dann allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau mit 0,30 Euro je Aktie.Beide Häuser haben ihre Kursziele inzwischen auf 8,30 Euro (Independent Research) bzw. 8,50 Euro (Warburg Research) gekürzt. Aktuell ist die Stammaktie dagegen nur noch 7,76 Euro wert. Auch damit lässt sich eine Halte-Empfehlung begründen.Baader-Bank-Analyst Volker Bosse rät dagegen zur Reduzierung der Aktie, auch wenn er sein Kursziel noch nicht nach unten angepasst hat. Von den 16 Analysten, die laut Reuters die Aktie beobachten, raten elf zum Halten des MDax-Werts, vier Häuser raten zum Verkauf und eine Empfehlung lautet gar auf “strong sell”. Zum Kauf der Aktie rät dagegen kein Analysehaus, was angesichts der schlicht nicht einschätzbaren Perspektiven verständlich ist. 1,5 Mrd. Euro aus VerkäufenDennoch gibt es auch einen Lichtblick, hat Metro den Angaben nach doch zumindest keine drängenden Liquiditätsprobleme. Im Gegenteil: Im zweiten Quartal wird mit dem Abschluss der beiden M&A-Transaktionen – neben dem Verkauf von Real geht es um die mehrheitliche Abgabe des China-Geschäfts, die im Herbst 2019 vereinbart wurde, – gerechnet. Zusammen spülen die Verkäufe 1,5 Mrd. Euro in die Kasse. Dieses Geld, das Metro eigentlich für Wachstumsinvestitionen vorgesehen hatte, dürfte nun anderweitig dringend gebraucht werden. Zumindest hat Metro alle nicht zwingend notwendigen Investitionen auf Eis gelegt. Beruhigend auch: Die nächste Anleihe wird erst im Oktober 2021 fällig.