Märkte fürchten schwarzen Schwan
Märkte fürchten schwarzen Schwan
Vom Rekordhoch bis zum Tief am Mittwoch ist der Dax um 10 % gestürzt. Der Kurseinbruch an den Aktienmärkten spaltet die Assetmanager, Analysten und Investoren in zwei Lager. Von einem Absturz des Dax unter 10 000 Punkte ist genauso die Rede wie schlicht von einer erhöhten Volatilität.Von Wolf Brandes, FrankfurtNach dem Ausbruch des Coronavirus in Italien sind die Aktienkurse weltweit drastisch gefallen. Während der Dax vor einer Woche noch ein Rekordhoch von 13 795 Punkten markierte, lag er am Mittwoch zwischenzeitlich bei 12 368 Punkten. Seit dem Bekanntwerden der Lungenseuche Anfang Januar verloren einzelne Aktien noch viel mehr. Autowerte wie Daimler büßten seitdem knapp 25 % ein. Auch Lufthansa verloren fast ein Viertel ihres Wertes; das Unternehmen ist direkt betroffen, da alle Flüge nach China eingestellt wurden.Die rasche Verbreitung des Coronavirus hat Investoren dazu veranlasst, auch ETFs zu verkaufen. Der 11,3 Mrd. Dollar teure Industrial- Select-Sector-SPDR-Fonds der State Street verzeichnete am Montag einen Rekordabfluss von 848 Mill. Dollar. Dies zeige wachsende Besorgnis über die Auswirkungen der tödlichen Krankheit auf die Weltwirtschaft, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg. “Zu- und Abflüsse in und aus ETFs sind nicht die Ursache für die Rückgänge. Sie deuten einen Stimmungswechsel an, so wie ein Fahrer, der eine Kehrtwende macht, um einen Stau zu umfahren”, kommentiert Matthew Bartolini von SPDR-ETF diese Zahlen.Privatanleger haben an den turbulenten Börsentagen zu Beginn der Woche mehr verkauft als gekauft. Das geht zumindest aus Zahlen der Comdirect hervor. Die Handelsaktivität habe sich dabei gegenüber der Vorwoche fast verdoppelt, das Tradevolumen knapp verdreifacht.Die weiteren Perspektiven werden indes unterschiedlich eingeschätzt. “Kein Auftakt für weitere massive Verluste an den Börsen”, schreibt Spängler IQAM Invest. Zwar gebe es erhöhte Volatilität, aber das Szenario einer globalen Rezession sei unwahrscheinlich. Andy Rothman, Stratege bei Matthews Asia, erwähnt zudem, “dass die chinesische Wirtschaft vor dem Coronavirus in guter Verfassung gewesen” sei.Weniger klar äußert sich Eric Khaw, Fondsmanager bei Nikko Asset Management: “Der jüngste Kursrückgang ist bisher sehr mild und kurz ausgefallen.” So sieht das wohl auch Michael Bissinger von der DZ Bank. Zwar sei es unwahrscheinlich, dass die Infektion in eine Pandemie münde. Sollte dies dennoch eintreffen, befürchtet er, dass der Dax um 30 % auf unter 10 000 Punkte einbrechen könnte. Schon heute sieht Esty Dwek, Marktstrategin von Natixis, die “Widerstandskraft der Märkte gebrochen”. Nitesh Shah vom ETP-Anbieter WisdomTree hat in der Seuche einen schwarzen Schwan ausgemacht – ein extrem unvorhersehbares Ereignis mit massiven Auswirkungen auf die Gesellschaft.Die Flucht in vermeintlich sichere Anlagen hielt unterdessen an. Der Goldpreis ist seit Jahresbeginn um gut 8 % gestiegen. Gefragt waren auch wieder deutsche und US-Staatsanleihen. Die Rendite für die 10-jährigen Bundesanleihen fiel auf bis zu -0,52 %, die Treasuries notierten zwischenzeitlich bei 1,30 % – so niedrig wie noch nie.Dass eine Krise auch positive Seiten haben kann, meint Khaw von Nikko Asset Management. “Die Coronavirus-Situation dürfte den Wechsel zu Cloud Computing und Software als Dienstleistung beschleunigen”, sagt er mit Hinblick auf die steigende Notwendigkeit für Homeoffice.