Neue Favoriten in der Ölbranche
Neue Favoriten in der Ölbranche
amb Frankfurt – Dass die europäische Ölbranche die Krise überwunden hat, davon ist Morgan Stanley schon länger überzeugt. Die Dividendenanhebung von Total und Statoil hat die Experten aber überrascht, wie sie in einer Studie zugeben. Daher ändert sich auch die Reihenfolge ihrer Empfehlungen.Die großen europäischen Ölkonzerne haben nach Ansicht von Morgan Stanley enorme Fortschritte gemacht: Die freien Mittelzuflüsse und die Kapitalrenditen seien gestiegen, die Verschuldung sei gesunken. In einer Studie bestätigt die US-Investmentbank daher die “Attractive”-Einstufung für die Branche als Ganzes, die Rangfolge wird aber verändert: Der französische Ölkonzern Total wird auf “Overweight” hochgesetzt, unverändert geraten wird zum britisch-niederländischen Konzern Royal Dutch Shell. Hochgestuft wird auch der norwegische Ölriese Statoil, und zwar von “Underweight” auf “Equal-weight”. BP aus Großbritannien wird hingegen auf “Equal-weight” zurückgestuft, für Eni aus Italien bleibt es beim “Underweight”-Votum. Die Kursziele werden mit Ausnahme von Statoil aufgrund des jüngsten Kursrutsches an den Börsen reduziert – zum Teil leicht, zum Teil deutlich. Die Ölbranche scheint die Krisenjahre hinter sich zu haben: Der Ölpreis hat sich seit Erreichen des Tiefs im Januar 2016 bei unter 30 Dollar je Barrel Brent kräftig erholt auf in der Spitze über 70 Dollar Ende Januar dieses Jahres, aktuell liegt die Notierung bei 66 Dollar. Der Branchenindex Stoxx Europe Oil & Gas hat das Tief von vor zwei Jahren bei 234 Punkten weit hinter sich gelassen und stieg im Januar auf 332 Punkte – den höchsten Stand seit Mai 2015. Mit dem jüngsten Ausverkauf an den Börsen hat der Index allerdings Federn lassen müssen, am Freitag lag er bei 304 Punkten. Nach Ansicht von Morgan Stanley haben die Ölkonzerne ihre Hausaufgaben gemacht und sich auf den niedrigeren Ölpreis eingestellt: “Obwohl der Brent-Preis 2017 bei durchschnittlich nur 54 Dollar je Barrel lag, sind die freien Mittelzuflüsse von Shell, BP, Total und Statoil auf das höchste Niveau seit 2009 gestiegen”, heißt es in der Studie. Die Kapitalrendite (ROACE, Return on average capital employed) sei mit 6,1 % im Jahr 2017 zwar immer noch niedrig, bewege sich nach den 0 % in der zweiten Jahreshälfte 2015 und ersten Jahreshälfte 2016 aber wieder auf den langjährigen Durchschnitt von rund 10 % zu. Der Verschuldungsgrad (net debt-to-capital) sei von 27 % im dritten Quartal 2016 auf 23 % im Jahr 2017 zurückgegangen. Keine DividendenanhebungDie Zahlen zum vierten Quartal 2017 sind den Analysten zufolge wie erwartet ausgefallen. Überrascht habe aber die Dividendenanhebung von Statoil und Total, im Fall von Total immerhin die erste seit 2013. Morgan Stanley erinnert daran, dass vor nur sieben Monaten die Sorgen am Markt groß waren, dass die “Big Oil”-Konzerne ihre Dividende kürzen müssen. Die Ölkonzerne sind dafür bekannt, dass sie über Jahrzehnte Dividendenkürzungen vermieden haben: Shell seit 1945, Total seit 1981, Statoil seit dem Börsengang 2001. Morgan Stanley zufolge ist die Dividendenerhöhung daher ein um so wichtigeres Signal, denn sie sei “für immer”. Außerdem zeige sich jetzt, welche der Konzerne wirklich zur alten Stärke zurückgefunden hätten. Offenbar gingen die Manager der betroffenen Unternehmen davon aus, dass die Verbesserungen auf der Kostenseite und bei den Investitionsausgaben von Dauer sein werden. Außerdem unterstreiche die Anhebung auch das Vertrauen in die Projektpipeline, die auch nach Ansicht der Experten trotz geringerer Investitionen in vielen Fällen ausgesprochen gesund ist. Darüber hinaus wollten die meisten Unternehmen weiterhin auf Basis eines Ölpreises von 50 Dollar planen, obwohl der Preis mittlerweile viel höher liegt – der US-Bank zufolge ein gutes Zeichen. Die Analysten weisen außerdem darauf hin, dass die Investitionsausgaben der Ölkonzerne von 2011 bis 2014 deutlich stärker gestiegen sind als die Dividenden. Investoren habe das nicht geschmeckt, daher die unterdurchschnittliche Entwicklung der Branche. Nun sei es aber andersherum: Die Dividenden von Statoil und Total wüchsen schneller als die Investitionsausgaben. Das werde bei den Aktien für Rückenwind sorgen. Die Konsensschätzungen für die Öl-Multis hält Morgan Stanley für zu niedrig: Bei einem Brent-Preis von 64 Dollar für 2018 und 60 Dollar für 2019 liegen sie mit ihren Prognosen für den operativen Cash-flow für dieses und nächstes Jahres eigenen Angaben zufolge 10 % über dem Markt, beim Free Cash-flow sogar 28 %. Damit würden die Dividenden mehr als ausreichend abgedeckt. “Selbst wenn der Ölpreis wieder auf 50 Dollar fallen sollte, wäre der Ausblick für die Dividenden solide”, heißt es. Volle ProjektpipelineDer französische Ölkonzern Total wird von “Equal-weight” auf “Overweight” hochgesetzt bei einem Kursziel von jetzt 55,60 nach bislang 56 Euro (aktuell 47,07 Euro). Für die Analysten ist Total wieder der europäische Ölkonzern mit den besten Aussichten, sie prognostizieren ein Produktionswachstum von 5 % p. a. bis 2022. Sie gehen, wie das Management, auch davon aus, dass Total dafür die Investitionsausgaben nicht anheben muss. Außerdem habe das Management einen Dividendenanstieg von 10 % bis 2020 und ein Aktienrückkaufprogramm über 5 Mrd. Dollar in Aussicht gestellt. Zweiter empfohlener Wert ist Royal Dutch Shell, hier wird die Einstufung “Overweight” bestätigt. Das Kursziel wird leicht von 30,40 auf 28,30 Pfund (aktuell 22,58 Pfund) reduziert. Shell habe die gleichen Vorteile wie Total: deutlich gesunkene Kosten, eine gesunde Projektpipeline, ein starkes Downstream-Geschäft und eine wachsende Chemiesparte. Darüber hinaus habe sich Shell für die Energiewende besonders gut positioniert. Die Experten rechnen damit, dass auch Shell die Dividende anheben wird, allerdings erst in einem Jahr. Statoil wird von “Underweight” auf “Equal-weight” hochgestuft und das Kursziel von 173 auf 200 nkr (aktuell 180,95 nkr) erhöht. Die Analysten sind beeindruckt von den Cashflows und der Dividendenentwicklung von Statoil, beides passe nicht mehr zur “Underweight”-Einstufung. Zuvor hatten die Analysten die im Vergleich niedrige Dividendenrendite kritisiert. BP wird hingegen von “Overweight” auf “Equal-weight” zurückgestuft, das Kursziel wird von 6,45 auf 5,50 Pfund (aktuell 4,76 Pfund) reduziert. Das Unternehmen selbst wird zwar nicht schlechter beurteilt als früher, BP kämen ähnliche Faktoren wie Shell und Total zugute. Die Analysten gehen aber davon aus, dass der britische Energiemulti in Sachen Dividendenentwicklung mit Total und Shell nicht mithalten wird, daher wird nun Total bevorzugt. Für Eni wird die “Underweight”-Einstufung bestätigt, das Kursziel wird leicht von 14,60 auf 14,20 Euro (aktuell 13,79 Euro) reduziert. Die Analysten halten die Konsensschätzungen nach wie vor für zu hoch, Dividendenanhebungen werden nicht erwartet. Gemischte EinstufungenDie jüngsten Einstufungen anderer Analysten für Total fallen übrigens sehr gemischt aus. Während in diesem Monat auch die Institute UBS, Bernstein und Goldman Sachs den Kauf empfohlen haben, riet J. P. Morgan zum Verkauf, und Barclays und RBC setzten die Aktie auf “Equal-weight”. Bei Royal Dutch Shell votierten Barclays, J. P. Morgan und UBS dagegen mit “Overweight” oder “Buy”.