TECHNISCHE ANALYSE

Ölmarkt sucht neuen Gleichgewichtspreis

Von Frederik Altmann *) Börsen-Zeitung, 8.4.2020 Ein Unglück kommt selten allein: Die durch den Ausbruch des Coronavirus bereits schwer angeschlagene Weltwirtschaft hat nun auch noch einen Ölpreis-Schock zu verdauen. Anfang März konnten sich Opec+...

Ölmarkt sucht neuen Gleichgewichtspreis

Von Frederik Altmann *)Ein Unglück kommt selten allein: Die durch den Ausbruch des Coronavirus bereits schwer angeschlagene Weltwirtschaft hat nun auch noch einen Ölpreis-Schock zu verdauen. Anfang März konnten sich Opec+ und allen voran Russland und Saudi-Arabien nicht auf eine umfangreiche Förderkürzung gegen den virusbedingten Nachfrageeinbruch einigen. In einer “Trotzreaktion” öffnete Saudi-Arabien die Produktionsschleusen und zettelte einen Preiskampf an. Das schickte Öl auf Talfahrt und wirkt wie ein Schock auf das empfindliche konjunkturelle Gesamtsystem.Der Preis für das US-Öl West Texas Intermediate (WTI) hat nun die Marke von 30 Dollar je Barrel im Fokus. Im März hatte sich der Ölpreis wegen der gescheiterten Opec+ Verhandlungen mit dem folgenden Angebotsüberschuss halbiert. Zuvor schon war das Leichtöl vom Hoch Anfang Januar bei 66,09 Dollar unter Druck geraten, als sich eine coronabedingte Nachfrageschwäche abzeichnete. In der Spitze stehen bei der Referenzsorte von Anfang Januar bis Mitte März minus 70 % auf 19,27 Dollar zu Buche. Kräftiger WiderstandsbereichDas Instrument der Technischen Analyse zur Beurteilung von heftigen Neubewertungen eines Anlageguts und zur Abschätzung der regelmäßig folgenden Reaktion sind Fibonacci-Relationen. Demnach läuft bei WTI-Öl die aktuelle, scharfe Gegenbewegung des Preises in einen kräftigen Widerstandsbereich über der auch psychologisch wichtigen 30-Dollar-Marke.Bei 30,32 Dollar hätte der WTI-Rohölpreis 23,6 % seines Kursrutsches seit Januar wieder aufgeholt. Vom Tief am 30. März ergäbe sich sogar ein kräftiger Anstieg um 57 %. Auf dieses Niveau hatte auch die erste Reaktion auf die gescheiterten Verhandlungen der Opec+ den WTI-Preis gedrückt. Hieraus resultiert ein horizontale Chartmarke, die den zu erwartenden Widerstand über 30 Dollar für US-Öl verstärkt. Hinzu kommt auf dem Preisniveau der steile Abwärtstrend vom Hoch im Februar.Die Fibonacci-Analyse basiert auf einer Zahlenfolge mit interessanten Eigenschaften, die sich an die Idee des “goldenen Schnitts” lehnt. Die Technische Analyse nutzt ihre Verhältnisse zur Bestimmung von Korrekturzielen. Demnach werden sehr scharfe Kursbewegungen oftmals in bestimmten prozentualen Relationen wieder aufgeholt. Die wichtigsten Korrekturniveaus aus der Fibonacci-Zahlenreihe sind das Mindestkorrekturziel bei 38,2 % der vorhergehenden Bewegung – was vereinfachend einem Drittel entspricht – bis hin zum maximalen Korrekturziel von 61,8 % oder zwei Drittel der Bewegung. Um diese Hauptlevels errechnen sich noch 23,6 % oder etwa ein Viertel als erstes Mindestkorrekturziel, dann 50 % und 78,6 % als maximaler Anlaufpunkt nach oben.Der WTI-Rohölpreis läuft in das Mindestkorrekturziel von 23,6 % des vorhergehenden Kursrutsches hinein. Zeiten der Neubewertung gehen zudem mit einer Phase erhöhter Volatilität einher. Das heißt die Preise springen erst wild hin und her, bevor sich die Schwankungsfreude langsam beruhigt und die Ausschläge abnehmen. Somit ist beim Ölpreis zunächst mit anhaltend starken Preisbewegungen zu rechnen, bevor die Schwankung langsam abnimmt. WTI-Öl könnte sich dann um 30 Dollar einpendeln. Einbruch nicht beispiellosBeispiellos ist der aktuelle Einbruch beim Ölpreis nicht. Daher lohnt sich ein Quervergleich. Denn die Technische Analyse analysiert vergangene, typische massenpsychologische Verhalten – abgebildet in der Preisreaktion -, um daraus Rückschlüsse für eine wahrscheinliche künftige Entwicklung zu ziehen. In den vergangenen 50 Jahren gab es mehrere vergleichbar starke Preiseinbrüche bei Rohöl. Anfang 1986 rutsche der WTI-Ölpreis in kurzer Zeit um 70 % ab. Auch damals hatte Saudi-Arabiens Ölminister zuvor die Treue zum festgelegten Tarif des Ölkartells aufgekündigt. Nach dem ersten Schock für die Petro-Welt startete Öl einen Reaktionsversuch und verteuerte sich vom Tief um 75 %. Dann kam es zum neuerlichen Rückschlag, bevor sich WTI-Öl über mehrere Monate stabilisierte: An der ersten Fibonacci-Linie, wo etwa ein Viertel des vorherigen Preiseinbruchs aufgeholt worden war.Ein nächstes Beispiel findet sich Ende 2008, als die letzte Finanzkrise den Ölpreis binnen weniger Wochen um bis zu 78 % abstürzen ließ. Die folgende Reaktion nach oben fiel entsprechend stärker aus. Aber auch hier stellte schließlich ein Viertel des vorhergehenden Einbruchs die Schlüsselmarke da. Letztlich kam es auf dem nächsten Fibonacci-Niveau zur Stabilisierung. Auch lässt sich dieses Muster im jüngsten längerfristigen Abwärtstrend von Ende 2014 bis Anfang 2016 ablesen, als sich WTI-Öl in der Spitze um 76 % verbilligte, um dann etwa ein Viertel hiervon aufzuholen.Die Ölpreise sind auf der Suche nach ihrem neuen Gleichgewichtspreis in Folge der Neubewertung aufgrund der verschobenen Angebots- und Nachfrageverhältnisse am Ölmarkt. WTI-Öl könnte sich mittelfristig um 30 Dollar je Barrel einpendeln. Zunächst dürfte der Preis aber noch heftig um dieses Niveau schwanken in einer Spanne zwischen 35 und 25 Dollar. Hier liegen wichtige technische Widerstände und Unterstützungen, die US-Öl in den kommenden Monaten im Zaum halten sollten.*) Frederik Altmann ist Investmentanalyst bei Alpha Wertpapierhandel.