AUSBLICK

Renditen im freien Fall

Terminmarkt preist Absinken des US-Leitzinses auf 0 Prozent bis Juli ein

Renditen im freien Fall

Von Christopher Kalbhenn, FrankfurtDie Erschütterungen an den Finanzmärkten durch die Coronavirus-Epidemie werden immer heftiger. Am Freitag haben die Turbulenzen eine neue Qualität angenommen, als die amerikanischen Staatsanleihen in den freien Fall übergingen und damit Rekordtiefen erreichten, die noch kurz zuvor – auch nach der überraschenden Leitzinssenkung der Fed um 50 Basispunkte (BP) – als kaum vorstellbar galten.Um sagenhafte 26,5 Stellen bis auf ein Rekordtief von 0,66 % sackte die laufende Verzinsung zehnjähriger Treasuries ab. Mindestens ebenso bemerkenswert: Am Terminmarkt preisten die Geldmarkt-Futures bereits ein Absinken des US-Leitzinses um weitere 100 BP auf 0 % bis zum Juli ein. Rekordtiefen erreichten auch die zehnjährigen Renditen deutscher und britischer Staatsanleihen mit -0,746 % und 0,20 %. Die anhaltende Flucht in Sicherheit und raus aus Risiko-Assets wurde mit Zweifeln daran begründet, dass Zinssenkungen tatsächlich die Lage verbessern können. Letztlich hängt die weitere Entwicklung der Wirtschaft davon ab, wie lange es dauert, die Epidemie in den Griff zu kriegen, und wie schädlich die Maßnahmen sind, die zu ihrer Bekämpfung noch ergriffen werden müssen. EZB-Maßnahmen erwartetNachdem u. a. auch die Notenbanken Australiens und Kanadas ihre Leitsätze reduziert haben, steigt dennoch der Druck auf andere Zentralbanken, ebenfalls Stützmaßnahmen zu beschließen. Barclays glaubt, dass sich die Europäische Zentralbank auf ihre langfristigen Geldspritzen, die TLTROs, fokussieren wird. Das Institut glaubt, dass es im ersten Halbjahr zu einer scharfen, aber kurzlebigen Rezession kommen wird und hält vor diesem Hintergrund für möglich, dass die EZB zu einem späteren Zeitpunkt bei den Anleihekäufen nachlegt. Leitzinssenkungen hält die Bank für weniger wahrscheinlich. Sie erwartet sie lediglich im Falle eines steigenden Euro.Die BayernLB rechnet ebenso wie Barclays nicht mit einer Zinssenkung, erwartet aber den Beschluss einer Ausweitung der Anleihekäufe, weil eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen der Unternehmen drohen könnte. Eine erste Ausweitung der Spreads sei schon erkennbar. Im Investment-Grade-Bereich hätten die Spreads ein Niveau erreicht wie zuletzt im September 2019, vor dem Beschluss des Lockerungspakets der EZB. Und auch am Primärmarkt zeige sich eine Zurückhaltung aufgrund der aktuell unsicheren Konditionen. Dem werde die EZB entgegenwirken wollen.