"Seit zwei Jahren in einer Baisse"
"Seit zwei Jahren in einer Baisse"
In der Krise gehen Assetmanager neue Wege, ihre Kunden anzusprechen. Der Vermögensverwalter Jens Ehrhardt erläuterte in einer Telefonkonferenz seinen Kunden seine Sicht der Lage. Bei den Aktienmärkten hält er das Schlimmste für überwunden.wbr Frankfurt – Am 19. Februar erreichte der Dax seinen Rekord von 13 789 Punkten und stürzte dann binnen vier Wochen um 39 % auf 8 442 Punkte. Anleger fragen sich, ob der Aktienmarkt seinen Boden gefunden hat und ob sich die Aufwärtsentwicklung seit dem Tief fortsetzen wird. Vermögensverwalter Jens Ehrhardt gibt zu bedenken, dass die Märkte normalerweise nicht nach vier Wochen aus einer Baisse rauskommen. “Ich gehe von einem U-förmigen Verlauf bis in den Mai aus. In dieser Zeit werden die Märkte die Tiefs testen, aber neue Tiefpunkte halte ich für unrealistisch. Es ist einfach sehr viel Geld im Markt, das bei tiefen Kursen eingesetzt wird”, sagte Ehrhardt am Dienstagabend auf einer Telefonkonferenz für Kunden. Darin nahmen Ehrhardt und sein Vorstandskollege Ulrich Kaffarnik zu den aktuellen Entwicklungen am Kapitalmarkt Stellung.Ehrhardt hofft, dass die Baisse nicht noch sehr lange dauern wird. “Bei genauer Betrachtung befinden wir uns seit mehr als zwei Jahren in einer Baisse. Ein gleich gewichteter Index habe das angezeigt. Die Kursgewinne seit Januar 2018 waren im Wesentlichen durch wenige Unternehmen verursacht”, sagt der Gründer und Chef von DJE Kapital. Sein Haus arbeitet seit langem mit einem eigens entwickelten Analyseverfahren, der FMM-Methode. Diese analysiert die Märkte fundamental, monetär und markttechnisch. Auch auf die aktuelle Krise wenden die DJE-Analysten diesen Ansatz an.”Die monetäre Seite könnte nicht besser sein. Nach unseren Daten ist die Lage so gut wie noch nie”, so Ehrhardt. Die Notenbanken hätten begriffen, dass man nicht mehr so agieren kann wie 2008. Aus seiner Sicht haben die Staaten und Notenbanken richtig und enorm stark reagiert. Verglichen mit den Paketen in der Finanzkrise, als Obama 650 bis 800 Mrd. Dollar lockergemacht hatte, sei man nach seiner Rechnung jetzt bei 2 bis 4 Bill. Dollar in den USA. Das entspreche 10 % des BIP. In Deutschland kommt man laut DJE in der Summe der Pakete sogar auf 20 % des BIP. “Das Zusammenwirken von Fiskal- und Geldpolitik ist äußerst effektiv – und man muss auch äußerst expansiv agieren. Aber es stellt sich die Frage, wie lange kann man das durchhalten.” Die stark zunehmende Verschuldung sei jedenfalls das geringere Übel. “Es geht darum, die Konjunktur zu retten”, ergänzte Kaffarnik.Markttechnisch deuten die Signale ebenfalls an, dass es aufwärtsgeht – das ist nämlich immer dann der Fall, wenn die Stimmung an den Märkten schlecht ist. “Der Pessimismus ist so groß wie noch nie. Normalerweise würde man daraus schließen, dass eine gewaltige Gegenbewegung an den Börsen einsetzt”, erläuterte Ehrhardt. Fundamental viele FragenDas Problem sei aus Sicht von DJE Kapital die fundamentale Seite. Schon der Auslöser für die Krise sei anders gewesen: “Noch nie gab es eine Baisse, die nicht von einer Zinserhöhung der Notenbank ausgelöst wurde. Das drückte den Börsen die Luft ab, das hat den Banken die Liquidität genommen. Das ist jetzt völlig anders”, sagte Ehrhardt.Ehrhardt kann sich vorstellen, dass man die von den Notenbanken gekauften Staatsanleihen streicht und für wertlos erklärt. Wichtig sei es aber, dass die Zinsen unten gehalten werden – was bei steigender Verschuldung eine “Herkules-Aufgabe” sei. Für ihn ist klar: Die Staaten werden die Altschulden nicht zurückzahlen können. “Man wird sich an wesentlich höhere Schulden gewöhnen müssen. Das ist die einzige Möglichkeit, ein größeres Desaster abzuwenden.”Den Kunden rät der Vermögensverwalter, bezüglich Aktien noch zu warten. Natürlich gebe es Branchen, die von der Krise profitieren. Grundsätzlich interessant seien Versorger, Technologie und Telekommunikation. Auf jeden Fall sollte man einen defensiven Ansatz verfolgen. “Ich finde auch US-Wachstumsaktien aus dem Internet-Bereich interessant, denn durch die Krise wird die Digitalisierung der Welt vorangetrieben”, meinte Ehrhardt. Kritisch sieht der Vermögensverwalter Staatshilfen für Unternehmen. “Diese haben für Aktionäre Nachteile und im Extremfall könnte der gesamte private Aktienbesitz wertlos werden. Es ist auch zu befürchten, dass manche Unternehmen Staatshilfe nutzen, um bei den Bilanzen das große Reinemachen anzufangen.” Peripherieanleihen im BlickVon Coronabonds hält der Investor nichts. “Es ist falsch, die Selbstverantwortung der Länder zu beschneiden.” Dennoch müssten die starken Länder den schwachen helfen. Das ginge, indem die EZB Anleihen bis zu einem Zins von 0,3 % für zehnjährige Titel aufkauft. “Sofern es zu einer Zinsangleichung in Europa kommt, wären die Anleihen Italiens und Spaniens interessant.”Gold eignet sich derzeit nur bedingt als Depot-Absicherung. “Wir empfehlen aber Gold längerfristig als Inflationsschutz. Langfristig wird das viele Geld, das die Notenbanken dem Markt zuführen, inflationär wirken – dann könnte sich Gold wieder stark erholen”, so Ehrhardt, der in seinem Portfolio 5 % Gold hält.