Spanische Aktien verlieren Schwung

Weiterhin positive Rahmenbedingungen - Politische Lage derzeit recht stabil - Hohe Dividenden

Spanische Aktien verlieren Schwung

Nach einem positiven bisherigen Jahresverlauf hat der spanische Aktienmarkt ein wenig Schwung verloren. Allerdings ist das makroökonomische Umfeld weiter positiv, die politische Lage ist vorerst stabil und die Unternehmen bieten stattliche Dividenden.Von Thilo Schäfer, MadridSpaniens Börse hat im laufenden Jahr die anderen europäischen Märkte überflügelt, nachdem 2016 sehr enttäuschend ausgefallen war. Der Blue-Chip-Index Ibex 35 hat seit Jahresbeginn um fast 14 % zugelegt. Allerdings fand diese Rally hauptsächlich in den ersten Monaten statt. Nachdem Anfang März mit 11 184 Punkten der Höchststand des Jahres und der letzten zwölf Monate erreicht worden war, hat sich der Ibex 35 in den letzten Wochen nahe der 10 700 Punkte eingependelt. Ob es in der zweiten Jahreshälfte noch Spielraum nach oben gibt, hängt nach Ansicht der Experten stark von der Entwicklung der Geldpolitik ab, da spanische Unternehmen stark vom Anleihe-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) profitieren.Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind weiterhin äußerst positiv für die Börse. Nach einem Anstieg des Bruttoinlandproduktes von 3,2 % 2016 hat die spanische Regierung unlängst ihr Wachstumsziel für dieses Jahr auf 3 % hochgeschraubt. Der IWF hob gestern seine Prognose auf 3,1 von 2,6 % an. Das liegt im Einklang mit den meisten Volkswirten, wobei die Analysten von BBVA sogar 3,3 % für wahrscheinlich halten. Einer der tragenden Faktoren ist der anhaltende Boom der Tourismusbranche, was vor allem Werten wie dem des teilprivatisierten Flughafenbetreibers Aena zugutekommt. Der Branchenverband Exceltur erwartet für dieses Jahr ein Wachstum von 4,1 % und einen neuen Rekord an ausländischen Besuchern.Auch die politische Lage in Spanien macht den Anlegern derzeit keine Sorgen, nachdem die Hängepartie im vergangenen Jahr noch viele Investoren zur Zurückhaltung veranlasst hatte. Das galt besonders für ausländische Anleger, die nach Berechnung von KPMG 400 % mehr in Spanien investierten als im ersten Halbjahr 2016. Die konservative Minderheitsregierung hat im Parlament Partner gefunden, die zumindest die Verabschiedung des Haushalts möglich machen.Neben den äußeren Rahmenbedingungen wirkt auch die Geschäftsentwicklung der meisten spanischen Konzerne anziehend auf Investoren. Die Blicke richten sich daher auf die Vorlage der Halbjahreszahlen des Ibex 35 in diesen Tagen. Nach Daten von Factset haben die Analysten ihre Gewinnerwartungen für 70 % der 35 Werte des Index in diesem Jahr gegenüber den Schätzungen von 2016 zuletzt nach oben revidiert, vor allem für die beiden Stahlkonzerne ArcelorMittal und Acerinox. Stromversorger vorneSpaniens Konzerne locken die Investoren zudem mit einer im internationalen Vergleich recht großzügigen Dividendenpolitik. Spitzenreiter bei der Rendite pro Aktie ist derzeit der Stromversorger Endesa mit 6,6 %, gefolgt von Enagás, einem Betreiber von Gasnetzen, mit 6,2 %. Auch Schwergewichte wie der Erdölkonzern Repsol (5,4 %), der Stromversorger Iberdrola (4,9 %), BBVA (4,8 %) oder Telefónica (4,4 %) bieten gegenwärtig eine interessante Rendite. Allerdings sind zuletzt besonders die Energieunternehmen unter Druck geraten, da Analysten und Ratingfirmen einige Werte herunterstuften. Grund ist die Aussicht auf das baldige Auslaufen der Anleihekäufe der EZB, was für die weiterhin hochverschuldeten Versorger teuer würde. Banken als HauptdarstellerIm Gegenzug kämen höhere Renditen für Bonds und steigende Zinsen den Banken zugute. Die Finanzbranche war einmal mehr der Hauptdarsteller des Börsengeschehens im ersten Halbjahr, auch wegen ihres großen Gewichts von fast einem Drittel in der Zusammensetzung des Ibex 35. Im Vordergrund stand der rasante Niedergang von Banco Popular, dem sechstgrößten Geldinstitut des Landes, das als erste Bank unter den neuen europäischen Regeln für die Finanzbranche Anfang Juni abgewickelt wurde. Banco Popular wurde für einen symbolischen Euro, aber mit all seinen Altlasten an Branchenführer Santander verkauft. Die Aktionäre und Inhaber vieler Anleihen gingen dabei völlig leer aus und bereiten nun Klagen vor. Wichtig für die Branche und die Börse war jedoch die Tatsache, dass die Talfahrt von Banco Popular keine wesentlichen Auswirkungen auf andere Bankwerte hatte. Die Börsenaufsichtsbehörde CNMV bestätigte in ihrem Halbjahresbericht, dass der Niedergang von Banco Popular “potenziell relevant für die Stabilität des Finanzsystems” gewesen sei. Jedoch habe sie “keine spürbaren Veränderungen” der Indikatoren für eine mögliche Ansteckungsgefahr festgestellt.Die Ausnahme der Regel war die kleine Liberbank, die nicht zum Ibex 35 gehört. Als deren Aktien infolge der Abwicklung von Banco Popular mächtig unter Druck gerieten, erließ die CNMV ein Verbot für Leerkäufe für einen Monat, das unlängst bis September verlängert wurde. Seitdem hat sich der Kurs von Liberbank wieder erholt.Der Niedergang von Banco Popular sowie die Abwicklung kleinerer Banken in Italien hielten die frühere Sparkasse Unicaja nicht davon ab, ihren geplanten Börsengang durchzuziehen. Aufgrund der Umstände lag der Ausgabepreis beim Initial Public Offering (IPO) am 30. Juni am unteren Rand der Spanne. Seitdem hat die Aktie um rund 8 % zugelegt und Unicaja nähert sich einem Börsenwert von 2 Mrd. Euro.Dennoch hat eine andere ehemalige Sparkasse, Ibercaja, nach Medienberichten mittlerweile erst einmal Abstand von Plänen für ein Debüt auf dem Madrider Parkett genommen, da man befürchtet, dass der Markt für Titel der Finanzbranche erst einmal gesättigt ist. Hinzu kommt schließlich auch noch die Kapitalerhöhung von 7 Mrd. Euro von Santander für die Sanierung von Banco Popular. Führungsrolle bei IPOMit dem Börsengang von Unicaja konnte die spanische Bolsa ihre Führungsposition bei IPOs in Europa im ersten Halbjahr ausbauen. Zusammen mit den ebenfalls geglückten Debüts des Automobilzulieferers Gestamp, des Kurierdienstes Prosegur Cash und des Immobilienbetreibers Neinor Homes wurden mehr als 3 Mrd. Euro frisches Kapital aufgebracht. “Die Situation ist weiterhin positiv”, schrieb das Beratungsunternehmen EY, doch “kann es sein, dass die Dimensionen nicht denen entsprechen, die im ersten Halbjahr vollzogen wurden.”