Streaming-Aktien im Abo-Kampf

Nachfrage bei Netflix steigt in der Coronakrise - Disney lockt mit Star Wars und Schleuderpreisen

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Infolge der derzeitigen Ausgangsbeschränkungen hat das Video-streaming Hochkonjunktur. Die Anbieter müssen bereits ihre Übertragungsqualität drosseln. In diesem Umfeld steigt durch den Markteintritt Disneys auch noch der Wettbewerbsdruck – für Platzhirsch Netflix könnte die Luft nun dünn werden.Von Alex Wehnert, FrankfurtEr will nur noch die Stadt verlassen und neu anfangen – erstmal muss er aber mit seiner Ex, seinem neuen Mitbewohner und den Feinden fertig werden, die ihn tot sehen wollen: So bewirbt Netflix seine Eigenproduktion “Spenser Confidential”, die dieser Tage über viele deutsche Bildschirme flimmern dürfte. Denn da die Bundesbürger infolge der Coronakrise deutlich mehr Zeit zu Hause verbringen, steigern viele offenkundig auch ihren Streaming-Konsum. Dienste drosseln QualitätDie Nachfrage ist so groß, dass der neue Dienst Disney Plus in Deutschland mit reduzierter Bitrate gestartet ist, um die Datennetze zu entlasten. Zuvor sahen sich bereits Amazon und Netflix gezwungen, die Videoqualität ihrer Angebote zu drosseln. Laut Daten der Privatbank Oddo BHF ist aber nicht nur das Aufkommen unter den Bestandskunden gestiegen. Wie stark neue Kunden zugriffen, zeigten die Download-Daten der Netflix-App. Im ersten Quartal haben die Abrufe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7 % zugelegt – dabei hatte der Anbieter mit 9,6 Millionen Netto-Neuzugängen schon im ersten Quartal 2019 einen Rekord verzeichnet. “In diesem Zusammenhang ist es wahrscheinlich, dass Netflix seine Prognosen für Nettoabonnenten im Hinblick auf das erste und zweite Quartal übertrifft”, sagt Brice Prunas, Fondsmanager von Oddo BHF.An den Aktienkursen lässt sich die erhöhte Nachfrage nach Streaming-Angeboten bislang kaum ablesen. Zwar hat die Netflix-Aktie den Nasdaq seit Jahresbeginn outperformt – nach ihrem am 18. Februar erreichten Jahreshoch von 387,78 Dollar verlor sie aber innerhalb eines Monats wieder 22,9 % ihres Wertes. Danach stieg sie unter Schwankungen bis gestern Abend auf 370,74 Dollar. Der zwischenzeitliche Kurseinbruch deutet laut Prunas darauf hin, dass viele Anleger den Vorteil für Netflix aufgrund der Beschränkungen im öffentlichen Leben als temporäres Phänomen einordneten. Kinostarts verschobenAuch die Amazon-Aktie wird derzeit wohl weniger vom Erfolg des Streaming-Dienstes Prime Video als von der Nutzung des E-Commerce in der Coronakrise gestützt. Im Vergleich zu Anfang Januar steht sie um 6 % verbessert da – indes liegt das Papier von Disney seit Jahresbeginn sogar mit 32,6 % im Minus. Gerade das Geschäft mit Vergnügungsparks steht aktuell stark unter Druck, das Unternehmen muss die Kinostarts mehrerer Filme verschieben. Die Aktie des Elektronikkonzerns Apple, der über seinen Dienst Apple TV Plus inzwischen auch eigens produzierte TV-Serien anbietet, litt indes unter der Unterbrechung der Lieferketten im Zuge der Pandemie. Zwischen Jahresbeginn und gestern Abend gab sie um 13,6 % nach.Mit Netflix, Amazon, Disney, Apple und kleineren Diensten wie Hulu konkurriert am Markt also eine Vielzahl von Anbietern miteinander, für die das Streaming-Geschäft einen ganz unterschiedlichen Stellenwert einnimmt. In Deutschland dürfte es laut Prunas im laufenden Jahr noch eine deutliche Zunahme an Angeboten geben. So sähen sich viele Anbieter von linearem Fernsehen gezwungen, sich mit On-Demand-Angeboten selbst Konkurrenz zu machen, um ihre Marktanteile nicht völlig zu verlieren. “Hinzu kommen die großen Medienunternehmen, die zu hohen Ausgaben bereit sind”, sagt er. Bereits jetzt sei die Zahl der Akteure am Markt aber viel zu groß.Dieses Problem dürfte laut der Berenberg Bank schon bald spürbar werden. “Während für den Gratis-Testmonat deutlich steigende Nutzerzahlen bei allen Diensten zu erwarten sind, müssen sich die Haushalte letztlich doch für einen Anbieter entscheiden”, heißt es in einer aktuellen Studie des Finanzinstituts. Generell werde die Pandemie wohl auf dem Streaming-Konsum lasten, da die Nutzer beginnen würden, sich um ihr Einkommen zu sorgen.Im aktuellen Umfeld seien die globalen Tech-Riesen am Markt im Vorteil, da sie Premium-Inhalte zu erschwinglichen Preisen anböten. Disney Plus profitiere indes vom großen Zuspruch durch Familien mit jungem Nachwuchs: In den USA hätten bereits die Hälfte aller Haushalte mit Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren ein Abonnement bei dem Dienst abgeschlossen. Für Streaming-Vorreiter Netflix könnte die Luft nun also dünner werden.Denn im Wettbewerb um Abonnements sind laut Prunas nicht die Plattformen entscheidend, sondern die Inhalte. Disney lockt Nutzer dabei mit einer riesigen Mediathek, kann das Unternehmen doch auf seine seit 1920 entstandenen Eigenproduktionen zurückgreifen. Durch Übernahmen sicherte sich der Konzern zudem die Rechte an großen Franchises. Dazu zählen die unzähligen Superheldenfilme der Marvel Studios und die “Star Wars”-Reihe von Lucasfilm. Gemäß Zahlen des US-Marktforschungsinstituts Parrot Analytics stößt gerade die “Star Wars”-Serie “The “Mandalorian” in Deutschland auf riesiges Interesse. Hinzu kommen die Kampfpreise des Mickey-Mouse-Konzerns: Während das Premium-Abo von Netflix mittlerweile 15,99 Euro im Monat kostet und der günstigste Tarif bei 7,99 Euro liegt, bietet Disney seinen Dienst in Deutschland einheitlich für 6,99 Euro an. Im Hauptmarkt USA ist das Preisgefälle ebenso groß.”Disney ist ein vollständig integriertes Modell, aber über dieses einzigartige Beispiel hinaus glaube ich, dass Streaming-Anbieter und Filmstudios getrennte Einheiten bleiben”, sagt Prunas. Für die meisten Videodienste sei es wichtig, eine ausgewogene Mischung aus dem Kauf von Inhalten von außerhalb und der Produktion eigener Filme und Serien aufrechtzuerhalten. Platzhirsch ist zu ineffizientDenn Eigenproduktionen sind teuer. So soll das Budget für den Mafia-Streifen “The Irishman” von Martin Scorsese, den Netflix zuletzt ins Oscar-Rennen schickte, bei 159 Mill. Euro gelegen haben. Eine aufwendige Technologie, mit deren Hilfe die Darsteller auf der Leinwand um Jahrzehnte verjüngt wurden, und die Gagen der Stars trieben die Kosten in die Höhe. Solche Projekte sind eine enorme Belastung für den freien Cash-flow des Unternehmens. “Der Return on Capital Employed ist angesichts der niedrigen Eintrittsbarrieren zu gering”, kritisiert Prunas – Netflix generiert aus den eingesetzten Mitteln also zu wenig Profit. Die Investoren werden nun genau darauf schauen, ob der Streaming-Anbieter künftig effizienter arbeitet. Erste Hinweise könnten die Zahlen für das abgelaufene Quartal bieten, die Netflix am 22. April vorlegt.