GELD ODER BRIEF

Tausendsassa Tencent als globaler Hingucker

Von Norbert Hellmann, Schanghai Börsen-Zeitung, 24.11.2017 Bei Chinas Verbrauchern haben die Messenger-Plattform Wechat und Online-Spiele aus dem Hause Tencent schon seit längerem Kultstatus. In diesem Jahr ist der chinesische Internetriese nun...

Tausendsassa Tencent als globaler Hingucker

Von Norbert Hellmann, SchanghaiBei Chinas Verbrauchern haben die Messenger-Plattform Wechat und Online-Spiele aus dem Hause Tencent schon seit längerem Kultstatus. In diesem Jahr ist der chinesische Internetriese nun auch als Börsenwert in eine Sonderrolle hineingewachsen, die ihn zum Taktgeber für den Leitindex Hang Seng an der Hongkonger Börse macht.Fast überall an den Weltbörsen machen Technologiewerte den Anlegern gegenwärtig Freude, wer allerdings der Tencent-Aktie sein Vertrauen geschenkt hat, kann sich eines besonders guten Händchens rühmen. In diesem Jahr allein hat sich der Kurs von 190 auf 420 HK-Dollar mehr als verdoppelt.Tencent ist bei den Hongkongern sowieso “talk of the town”. Mit dem jüngsten Erreichen einer Börsenkapitalisierung von mehr als 500 Mrd. Dollar ist Tencent nun aber auch ein globaler Hingucker. Chinas führender Betreiber von sozialen Netzwerken liegt jetzt praktisch gleichauf mit Facebook an fünfter Stelle der weltweit marktwertschwersten Unternehmen.Tencent wurde vor fast 20 Jahren gegründet und ist seit 2004 in Hongkong notiert, als noch niemand vom großen heimischen Tech-Rivalen Alibaba überhaupt etwas gehört hatte. Auch in den Asien-Portefeuilles internationaler Assetmanager gilt Tencent seit langem als feste Größe, mit der sich auf das Wachstum der chinesischen Internetszene setzen lässt, ohne sich an die heiklen Festlandbörsen heranwagen zu müssen. Stock Connect bringt ZulaufMan kann also schlecht von einem “new kid on the block” sprechen, aber in diesem Jahr hat eine Art Wiederentdeckung stattgefunden, wobei nicht zuletzt auch chinesische Anlegerkreise aus dem Festland eine Rolle spielen. Diese können mittlerweile den Stock Connect genannten Handelslink nach Hongkong nutzen und stürzen sich mit diesem bevorzugt auf die Tencent-Aktie. Tencent ist es in diesem Jahr gelungen, die zunächst liquiditätsgetriebene Sogwirkung der Aktie mit immer besseren Ergebnissen und Wachstumsschüben zu untermauern. Die lange Zeit schleppenden Monetisierung der zahlreichen Plattformen von Tencent mit Schwerpunkten bei Online-Spielen (Gaming), sozialen Netzwerken und Streaming-Angeboten für Video und Musik kommt zügig voran.Chinas aufstrebende Mittelschicht und dabei vor allem die jüngere Klientel löst sich von der Fixierung auf gratis zu beziehende Internetdienste und zeigt immer mehr Bereitschaft, Mediencontent auch käuflich zu erwerben. Gleichzeitig hat sich Tencents hauseigenes und auf Wechat gestütztes System für mobiles Bezahlen mit dem Smartphone rasch verbreitet und holt gegenüber Alibabas zuvor eindeutig dominantem mobilem Bezahlsystem Alipay auf. Tencent wird zum Tausendsassa, der immer weitere Betätigungsfelder erschließt. Dazu gehören neben Cloud-Diensten auch künstliche Intelligenz, autonomes und vernetztes Fahren und zahlreichen Beteiligungen an Start-ups, die alle Facetten der Sharing Economy bestreichen. Mit der Beteiligung an Finanzierungsrunden bei über 500 Start-ups kann man Tencent getrost zu den führenden chinesischen Private-Equity-Gesellschaften zählen.Die wachsende Präsenz von Tencent-Diensten im chinesischen Alltag färbt immer deutlicher auf das Zahlenwerk ab: Bei der Ergebnisvorlage für das dritte Quartal ist man dem besonders hohen Erwartungsdruck mehr als gerecht geworden. Ein Umsatz- und Gewinnplus von jeweils über 60 % räumen letzte Zweifel an einer nachhaltigen Wachstumsstory aus.Bei Online-Spielen, die man als eigentliches Kerngeschäft von Tencent ansehen kann, ist für eine reichliche Pipeline gesorgt. Tencents größte Akquisition, nämlich die Übernahme des finnischen Online-Spiele-Entwicklers Supercell für 8,6 Mrd. Dollar im Juni 2016, wurde von vielen Experten als überteuert angesehen, wirkt heute aber fast schon wie ein Schnäppchen. Ob sich der Erfolg des Spielhits “Honour of Kings”, das allein in China rund 200 Millionen Anhänger gefunden hat, replizieren lässt, bleibt dahingestellt; die Experten rechnen allerdings damit, dass sich auch in den kommenden Jahren zweistellige Wachstumsraten im Gaming-Bereich erzielen lassen. Ähnlich optimistisch sind die Erwartungen für die Sparte Tencent Video, die sich zum Marktführer im chinesischen Streaming-Geschäft hochgearbeitet hat und über die stabilste Abonnentenbasis verfügt. Für Fantasie sorgen das extrem rasch wachsende Cloud-Geschäft und erste Ansätze einer Verbreitung des Zahlungssystems Tenpay in anderen asiatischen Märkten. “Verkaufen” gilt nichtAus Sicht der Analysten münden diese Perspektiven in glasklare Empfehlungen. Unter den 37 regelmäßigen Tencent-Wächtern finden sich 36 optimistische Einschätzungen, die sich gleichwertig auf eine Kaufempfehlung (Buy) oder die Einstufung “Outperform” verteilen. Nur eine einzige Stimme wertet Tencent weiterhin mit “Halten”. Verkaufsempfehlungen hat man in diesem Jahr überhaupt keine gesehen.Nach den jüngsten Quartalszahlen haben die Analysten ihre Kursziele durchweg um 20 bis 30 % erhöht. Goldman Sachs etwa hat um 19 % auf 438 HK-Dollar angehoben und verweist insbesondere auch darauf, dass Tencents jüngster Einstieg mit einer 12 %-Beteiligung am Betreiber der US-Messaging-Plattform Snapchat neue Horizonte für ein Eindringen Tencents in westliche Märkte eröffnet. Optimistischer noch ist Daiwa Securities gestimmt. Hier steigt das Kurziel um 30 % auf 480 HK-Dollar.Trotz der guten Ertragsperspektiven gibt es auch warnende Stimmen, die das weitere Kurspotenzial von hohen Bewertungsrelationen limitiert sehen. Zuletzt wirkte das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit dem 49-Fachen der Gewinne in Zwölfmonatssicht recht strapaziert. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Tencent-Investoren durchaus sensibel auf hohe KGVs reagieren können. Als Tencent Anfang 2010 auf einem ähnlich hohen Bewertungsniveau stand, kam es über die nächsten sechs Monate hinweg zu einer Korrektur um gut 25 %.