VW verbreitet mehr Zuversicht bei Analysten
VW verbreitet mehr Zuversicht bei Analysten
Von Carsten Steevens, HamburgDie Zahlen zum ersten Quartal 2017 und auch zum vergangenen Geschäftsjahr haben den Eindruck erweckt, dass der VW-Konzern die größte Krise seiner Geschichte rasch überwinden kann. Der Dieselabgasskandal hat zu hohen Rückstellungen für Vergleichsvereinbarungen vor allem in den USA geführt, das operative Geschäft bislang offenbar aber nicht gravierend beeinträchtigt. Mit einem Absatz von 10,3 Millionen Einheiten löste Volkswagen 2016 Toyota als weltgrößten Fahrzeugbauer ab. Das um die Sonderbelastungen bereinigte Betriebsergebnis erreichte einen Höchststand. Finanziell scheinen die Wolfsburger, die im Zuge des Abgasskandals Rückstellungen von bislang 22,6 Mrd. Euro bildeten, robust genug zu sein, um den vor allem in diesem Jahr erwarteten Mittelabfluss in zweistelliger Mrd.-Euro-Höhe bewältigen zu können. Skepsis nicht verflogenDie Rückkehr an den Anleihemarkt im März nach anderthalbjähriger Abstinenz hat den Eindruck verstärkt, dass das Unternehmen den Blick nun wieder mehr nach vorne richten kann. Für das Geschäftsjahr 2016 haben Vorzugsaktionäre eine auf 2,06 (i.V. 0,17) Euro je Aktie erhöhte Dividende erhalten. Die auf 19,7 % des Nettogewinns gestiegene Ausschüttungsquote bewegt sich auf den Zielwert von 30 % zu. Doch an der Börse ist die Skepsis der Anleger nicht verflogen: Die Vorzugsaktie hat sich von ihrem am 25. Januar erreichten Jahreshoch von 156,55 Euro, der dem letzten Kurs vor Bekanntwerden der Softwaremanipulationen bei 11 Millionen Dieselfahrzeugen am 18. September 2015 (162,40 Euro) schon nahe kam, wieder entfernt. Am Donnerstag rutschte das Papier unter die Marke von 140 Euro.Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen amtierende und frühere Vorstandsmitglieder wegen des Verdachts der Marktmanipulation, die sich inzwischen auch gegen den seit September 2015 amtierenden VW-Konzernchef Matthias Müller richten, Schadenersatzklagen von Investoren in Milliardenhöhe sowie das Risiko von Kompensationsleistungen an Kunden auch außerhalb Nordamerikas sorgen für Zurückhaltung. Gemessen am Stoxx Europe 600 Automobiles konnte sich die Aktie der Wolfsburger im bisherigen Jahresverlauf behaupten: Während sich VW um 4,1 % befestigten, ging es für den europäischen Branchenindex um 4,3 % nach oben. Die Stimmung unter Analysten hat sich aufgehellt: Laut Reuters gibt es aktuell 20 positive Anlageempfehlungen für Volkswagen, drei mehr als im April. Daneben stehen neun neutrale sowie vier negative Urteile.Mit einer in den ersten drei Monaten auf 4,6 (i.V. 0,3) % deutlich verbesserten Umsatzrendite bei seiner Kernmarke VW Pkw lieferte der Konzern zuletzt Argumente, dass die im vorigen Herbst angekündigten Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität (Zukunftspakt, Strategie Transform 2025+) Wirkung zeigen werden. Allerdings trug auch eine neue Zuordnung von Gesellschaften zwischen VW Pkw und dem Konzern zur höheren Marge bei. Gerade vor dem Hintergrund dieser strukturellen Anpassung halten einige Analysten aber die Zielsetzung des Konzerns für die Marke VW für allzu konservativ.Bis 2020 soll durch den Zukunftspakt, der unter anderem den Abbau von 30 000 Stellen vorsieht, eine Umsatzrendite von 4 % erreicht werden. Für 2017 stellt VW Pkw bereits einen Wert am oberen Ende der Bandbreite von 2,5 bis 3,5 % in Aussicht. Die Marke dämpft weitergehende Erwartungen mit dem Hinweis auf finanzielle Belastungen etwa im Zuge der Umsetzung strengerer CO2-Vorgaben sowie durch Vorleistungen für den Übergang zur E-Mobilität.Zu den Häusern, die ihre Empfehlung nach dem ersten Quartal änderten, gehört die US-Investmentbank Jefferies. Das Institut stufte die VW-Aktie von “Underperform” auf “Buy” hoch und hob das Kursziel von 110 auf 160 Euro an. Bei dem Autobauer gebe es frühe Anzeichen von Fortschritten bei den größten Sorgenpunkten. Auch die Nord/LB hob ihr Urteil von “Halten” auf “Kaufen” und das Kursziel von 127 Euro im April auf inzwischen 160 Euro an mit der Begründung, VW habe im ersten Quartal mit den Ergebnissen überzeugt. Vom Ausrollen des modularen Querbaukastens auf zusätzliche Modelle seien weitere Ergebnissteigerungen zu erwarten, ebenso von den angekündigten Maßnahmen bei der Marke VW Pkw.Ein vergleichsweise hohes Kursziel vertritt mit 209 Euro die US-Investmentbank Goldman Sachs, die die Vorzüge von Volkswagen nach den jüngsten Quartalszahlen auf der “Conviction Buy List” beließ. Die Kapitaldisziplin sei besser gewesen als erwartet, hieß es. Die HSBC hob nach dem Ergebnissprung um 44 % bei einer unveränderten Kaufempfehlung das Kursziel für die Vorzugsaktien auf 175 von 163 Euro an. Bei Volkswagen seien einige positive Kurstreiber zu erwarten. Nach einer positiven Überraschung im ersten Quartal sei im zweiten Jahresviertel mit einer positiven Anpassung des Ausblicks zu rechnen. Im zweiten Halbjahr bestehe ferner Aussicht auf ein starkes Absatzwachstum. Risiko weiterer BelastungenBei der DZ Bank hält man die aktuelle Bewertung bezogen auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis insbesondere im historischen Vergleich für günstig, wie es in einer gestern veröffentlichten Studie heißt. Doch wird auf die Gefahr weiterer Belastungen aus der Dieselabgaskrise verwiesen, die nicht ausreichend in den Annahmen berücksichtigt seien. Diese Belastungen würden die Liquidität des Konzerns, der in den nächsten Jahren in die Umsetzung seiner 2016 vorgestellten Strategie 2025 investieren muss, negativ beeinflussen. Die Bank rät weiterhin zum Halten der Aktie und sieht den fairen Wert bei 150 Euro. Ein relativ niedriges Kursziel mit 135 Euro gibt derzeit Morgan Stanley an (“Equal-weight”). Kritisch sieht die US-Bank die Absatzentwicklung im bisherigen Jahresverlauf. Im größten Automarkt China verbuchte der VW-Konzern im ersten Quartal einen Rückgang von 6,7 % bei den Auslieferungen.