Wenn der Kurs von Toren abhängt
Wenn der Kurs von Toren abhängt
Von Alex Wehnert, FrankfurtDie Niederlage in Paris wird an der Börse sofort abgestraft: Zeitweise um mehr als 10 % fällt die Aktie von Borussia Dortmund am Tag nach dem Ausscheiden der Schwarz-Gelben aus der Champions League. Zwar befinden sich die Märkte angesichts des Coronavirus ohnehin im Ausnahmezustand – die Entwicklung von Fußballaktien wird aber vor allem von sportlichen Resultaten geprägt, wie auch Christian Funke weiß. “Der ökonomische Erfolg eines Vereins gründet sich zu einem großen Teil darauf, ob er beispielsweise in der Champions League weiterkommt oder im nationalen Wettbewerb die Klasse halten kann”, sagt der Gründer des Frankfurter Vermögensverwalters Source For Alpha. Leere Ränge belasten KurseDenn für jede weitere Runde in den europäischen Wettbewerben zahlt die Uefa höhere Prämien. Und wer aus der 1. Liga seines nationalen Verbandes absteigt, erhält meist deutlich niedrigere Einnahmen aus der Fernsehvermarktung. Angesichts des Virus werden die Kurse zusätzlich dadurch belastet, dass Spiele verschoben oder vor leeren Rängen ausgetragen werden – denn den Vereinen entgehen so Eintrittsgelder.Im laufenden Jahr liegt der Stoxx-Index der europäischen Fußballaktien auch infolge des Virus mit 26,9 % im Minus. Seit dem bisherigen Jahreshoch vom 19. Februar, dem Tag nach dem Sieg von Dortmund im Champions-League-Hinspiel gegen Paris, sind es gar -42,7 %.Das Schlusslicht im Fußball-Index bildet die Aktie des italienischen Rekordmeisters Juventus Turin mit einem Verlust von 56 % seit Anfang Januar. Die Chancen auf eine Erholung stehen momentan eher schlecht: Weil Verteidiger Daniele Rugani positiv auf das Coronavirus getestet wurde, muss sich die Mannschaft von Superstar Cristiano Ronaldo für zwei Wochen in Quarantäne begeben. Zuletzt setzten die Analysten der Berenberg Bank die Aktie mit einem Kursziel von 80 Cent (aktuell: 58 Cent) auf “Halten”.Durch die Verpflichtung Ronaldos im Juni 2018 habe Juventus zwar neue Werbemöglichkeiten erhalten und könne mit steigenden Ticketpreisen und Trikotverkäufen planen – andererseits koste der Portugiese den Verein aber auch viel Geld: Real Madrid erhielt 112 Mill. Euro Ablösesumme, Ronaldo ein fürstliches Salär von ca. 232 Mill. Euro über vier Jahre. “Wir glauben, dass es ein zu großes Risiko ist, so viel auf einen älteren Spieler mit limitiertem Wiederverkaufswert zu setzen”, schreiben die Berenberg-Analysten. Schließlich könne die Form des 35-Jährigen jederzeit leiden oder er sich verletzen. Die Abhängigkeit der Juventus-Aktie von Ronaldo hat sich bereits mehrfach gezeigt: Nach seiner Verpflichtung stieg der Kurs zwischen Anfang Juli und Mitte September 2018 um über 86 % – nachdem eine Amerikanerin Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Portugiesen erhoben hatte, stürzte sie bis Ende Oktober aber wieder um über 45 % ab.”Dass sich die Wertentwicklungen von Fußballaktien von einzelnen Ereignissen löst, halte ich für unwahrscheinlich”, sagt Funke. Schließlich bilde ein Papier immer nur einen Club ab, es gebe bislang noch keine diversifiziert aufgestellten Konglomerate. Die Titel seien für professionelle Investoren kaum geeignet – zumal sie in der Regel zu klein und illiquide seien, um sich langfristig zu lohnen. “Sie können eine vernünftige Größe aufgrund des zugrundeliegenden Geschäfts aber auch gar nicht erreichen”, sagt der Fondsmanager. Zwar erwirtschafteten die großen Vereine mittlerweile Umsätze im dreistelligen Millionenbereich, die Gewinne lägen aber selten bei mehr als 50 Mill. Euro.Wer sich dennoch dafür entscheide, Fußballaktien zu kaufen, sei in der Folge von der Kompetenz der Vereinsführung und des Trainers abhängig. “Als Anleger würde ich mich eher für Vereine entscheiden, deren Erfolg nicht von einem Superstar abhängig ist”, rät Funke. Borussia Dortmund beispielsweise verfüge über ein breites Portfolio an jungen Spielern, die günstig eingekauft und teurer wieder verkauft würden. Falls beispielsweise Flügelstürmer Jadon Sancho den Verein für eine hohe Ablösesumme verlasse, stünde mit Erling Haaland der nächste potenziell teure Star bereit. Hype zum BörsengangWer 2009 bei Dortmund eingestiegen ist, kann sich über eine hohe Rendite freuen. Seit dem damaligen Rekordtief von 84 Cent beträgt das Kursplus 580 %. Ab dem Börsengang im Jahr 2000 betrachtet liegt die Aktie allerdings 57 % im Minus – womit sie noch zu den verlustärmeren Fußballaktien gehört. Die teils starken Abstürze sind laut Funke darauf zurückzuführen, dass Fußballvereine oft in einer Art Hype an die Börse kämen. Im Falle von Dortmund sei das eingespielte Kapital hauptsächlich für teure Transfers ausgegeben worden und langfristig wirkungslos verpufft. Dieses Negativbeispiel sei anderen Verantwortlichen in Erinnerung geblieben – deshalb seien weitere Börsengänge großer deutscher Clubs in den kommenden Jahren schwer vorstellbar.