GELD ODER BRIEF

Zahlungsabwickler Wirecard im Höhenflug

Von Stefan Kroneck, München Börsen-Zeitung, 14.7.2017 Die Aktie des Zahlungsabwicklers Wirecard eilt derzeit von Rekord zu Rekord. Am Mittwoch knackte das Papier erstmals die Marke von 65 Euro. Am Donnerstag notierte der Titel zeitweise bei 66,42...

Zahlungsabwickler Wirecard im Höhenflug

Von Stefan Kroneck, MünchenDie Aktie des Zahlungsabwicklers Wirecard eilt derzeit von Rekord zu Rekord. Am Mittwoch knackte das Papier erstmals die Marke von 65 Euro. Am Donnerstag notierte der Titel zeitweise bei 66,42 Euro. Das im TecDax notierte Unternehmen bringt insgesamt 8,2 Mrd. Euro auf die Waage. In Bezug auf die Marktkapitalisierung hat Wirecard damit den kleinsten Dax-Wert ProSiebenSat.1 (7,9 Mrd. Euro) überholt. Firmengründer und Vorstandschef Markus Braun, der Wirecard im Oktober 2000 – also seinerzeit während des Abflauens des Neuer-Markt-Hypes – an die Börse gebracht hatte, bringt es allein mit seinem Anteil von 7 % auf 575 Mill. Euro. Der promovierte Wirtschaftsingenieur aus Wien ist der größte Einzelaktionär. 93 % des in 123,6 Millionen Inhaberstammaktien aufgeteilten Grundkapitals befinden sich im Streubesitz – überwiegend bei institutionellen Investoren wie diversen Fondsgesellschaften.Im Vergleich zum TecDax schneidet die Gesellschaft besser ab. Wirecard legten seit Jahresbeginn über die Hälfte an Wert zu. Der Index schaffte “nur” ein Plus von 20 %. Die Gründe für den derzeitigen Höhenflug des Titels sind vielfältig. Dabei spielen zwei Aspekte eine wesentliche Rolle. Erstens die Strategie: Mit ihrem Fokus auf Zahlungsabwicklungen übers Internet und Mobilfunkgeräte liegt die Firma voll im Trend. Wirecard profitiert vom rasant zunehmenden Internet-Warenhandel. Der CEO setzt durch internationale Expansion und mehr Transaktionsvolumen in den etablierten Märkten (Westeuropa) auf Skaleneffekte, was die Profitabilität des Konzerns erhöhen soll. Dieses Konzept ging bislang auf. Am Dienstag erhöhte die Konzernführung ihre Jahresprognose aufgrund einer “starken operativen Geschäftsentwicklung”. Mit einer angepeilten Bandbreite von nunmehr 392 bis 406 (i.V. 307) Mill. Euro (bislang: 382 bis 400 Mill. Euro) für das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen steuert Wirecard 2017 auf ein Rekordergebnis zu. Die Anleger reagierten begeistert. Nach dieser Meldung gewann die Aktie 3,4 % an Wert. Übernahmefantasie treibtZweitens das Branchenumfeld: Der Kurs wird derzeit auch stark getrieben von der Konsolidierung unter den Zahlungsabwicklern. Zwei Jahre nach dem Gang aufs Handelsparkett steht der Wirecard-Wettbewerber Worldpay aus Großbritannien vor der Übernahme durch den US-Rivalen Vantiv. Die Amerikaner sind bereit, umgerechnet mehr als 10 Mrd. Euro zu zahlen. Seit den ersten Spekulationen über eine bevorstehende Übernahme Anfang Juli schoss die Worldpay-Aktie an der Londoner Börse um ein Fünftel in die Höhe. Davon profitierte der Kurs von Wirecard. Sollte der Erwerb des an der Börse fast gleichgroßen Konkurrenten (8,6 Mrd. Euro Marktwert) zustande kommen, wäre das die größte Transaktion dieser Art in der Branche. Vor zwei Jahren schluckte Global Payments den Wettbewerber Heartland Payments für 4,3 Mrd. Dollar. Die jüngste Entwicklung stachelt die Kursfantasie der Analysten an. Mitte dieser Woche erhöhte Goldman Sachs ihr Kursziel für den Wirecard-Titel von 67 auf 78 Euro. Nach Angaben der US-Investmentbank bleibt der Anteilschein eine “strategische Anlage” innerhalb der sich konsolidierenden Branche. Das Researchhaus Kepler Cheuvreux setzte am selben Tag sein Kursziel sogar um 12 auf 80 Euro herauf. Der französische Finanzdienstleister bezeichnete die Equity Story des Unternehmens als “fantastisch”. Die operative Marge könne bis zum Jahr 2020 auf 31 % steigen nach erwirtschafteten 29,9 % im vergangenen Zwölfmonatsabschnitt. Bis dahin sollte sich den Schätzungen zufolge der Umsatz mehr als verdoppeln auf 2,1 (2016: 1) Mrd. Euro.Die Analystengemeinde empfiehlt die Aktie mit großer Mehrheit zum “Kauf”. Etwas zurückhaltender ist dagegen die DZ Bank. Sie erhöhte zwar ebenfalls den fairen Wert des Titels auf 65 Euro, stufte die Aktie aber von “Kaufen” auf “Halten” zurück. Das kreditgenossenschaftliche Institut begründete dies damit, dass aufgrund des starken Kursanstiegs das Potenzial nun “limitiert” sei. Kein SchnäppchenAuf Basis der Ergebniserwartungen für das laufende Jahr beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis 31,5. Die Aktie ist damit kein Schnäppchen. Der aktuelle Kurs entspricht mehr als dem Fünffachen des Buchwertes je Aktie (12,37 Euro) auf Basis des Eigenkapitals von 1,5 Mrd. Euro. Das Management hält solche Bewertungen für Wachstumsunternehmen für normal. Aufgrund der hohen Investitionen für die Expansion zeigt sich Braun weniger spendabel bei der Dividende. Zuletzt stieg diese um 2 Cent auf 0,16 Euro je Stück. Zwar wuchs die Ausschüttungssumme auf 19,8 (17,3) Mill. Euro. Wegen des deutlichen Gewinnzuwachses fiel der Anteil am Konzernüberschuss aber auf bescheidene 7 (12) % zurück. Auf der zurückliegenden Bilanzpressekonferenz sprach der CEO von einer “moderaten” Dividendenpolitik (vgl. BZ vom 7. April). Diese will er beibehalten. Zugleich pocht er auf die Eigenständigkeit von Wirecard. Die Firma setzt auf Expansion aus eigener Kraft und Zukäufe im kleinen bis mittelgroßen Umfang. Dabei steht vor allem Asien im Visier. Dieses Wachstumskonzept ist für Braun die “beste Abwehrstrategie” gegen Angriffe von außen. Er setzt darauf, die Aktionäre mit einem wachsenden Shareholder Value bei Laune zu halten.Dieser Anspruch könnte Wirecard wieder anfällig machen für Leerverkaufsattacken, wenn irgendwer erneut versuchen sollte, zu testen, wie sattelfest die Firma ist. Im Februar 2016 brach das Papier nach einem solchen Angriff um ein Viertel ein, 1 Mrd. Euro Marktwert lösten sich auf. Eine im Internet veröffentlichte Schrift warf Bilanzbetrug vor, was das Management vehement zurückwies. Der Abschlussprüfer vergab für 2016 ein einwandfreies Testat. Die Finanzaufsicht BaFin ermittelt wegen des Verdachts auf Kursmanipulation. Die Anteilseigner verzeichneten aber keinen nachhaltigen Vermögensschaden. Seit diesen (überstandenen) Turbulenzen hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt.