BIP-Einbruch auf breiter Front

Deutsche Firmen kappen Investitionen im zweiten Quartal um fast ein Fünftel

BIP-Einbruch auf breiter Front

ks Frankfurt – Die Coronakrise hat die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal auf nahezu gesamter Front tief nach unten gedrückt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 9,7 % zurück, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Dies war ein Tick weniger als ursprünglich mit 10,1 % gemeldet. Das ist trotzdem noch immer der stärkste Einbruch seit Beginn der vierteljährlichen Berechnungen 1970.Mit dem Ende der zunächst sehr scharfen Einschränkungen des privaten und öffentlichen Lebens und dem daraus folgenden Stillstand in vielen Wirtschaftssektoren soll es jetzt ein kräftiges Wachstum geben. Aber der Weg zurück zur Normalität ist laut Experten noch weit. “Im laufenden Quartal dürfte nun ein Anstieg folgen, der ebenfalls Rekordcharakter hat”, sagte Sebastian Dullien vom IMK-Institut der Nachrichtenagentur Reuters zufolge. “Ich rechne damit, dass das Vorkrisenniveau nicht vor Ende 2021 wieder erreicht wird.” Nur Staatskonsum bremstDie Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hatten im Frühjahr weite Teile der Wirtschaft lahmgelegt: Geschäfte, Hotels und Restaurants mussten schließen, Fabriken machten dicht, Messen, Konferenzen und Konzerte wurden abgesagt. “Das zweite Quartal war ein einziges Desaster”, sagte der Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. “Die Details sehen noch schlimmer aus als der eigentliche Wachstumseinbruch.” Egal ob es sich um die Investitionen, den privaten Konsum, die Exporte oder auch die Importe handele – “alles war im freien Fall”.Die Ausgaben der Verbraucher sanken im Frühjahr um 10,9 %. Einzig die Konsumausgaben des Staates im Zuge der Rettungspakete stiegen um 1,5 %. Die Unternehmen hingegen kappten ihre Investitionen in Ausrüstungen um 19,6 %. Auch der Außenhandel bremste wegen der mauen Weltwirtschaft die Konjunktur. Die deutschen Exporte brachen zum Vorquartal um 20,3 % ein, während die Importe ebenfalls kräftig um 16,0 % fielen. Herbst und Winter im BlickFür das laufende Sommer-Quartal erwarten Ökonomen insgesamt wieder eine deutliche Erholung, die Bundesbank sogar ein “kräftiges Wachstum”. “Mit Blick auf die Zukunft braucht es keinen Raketenwissenschaftler, um vorherzusagen, dass die Wirtschaft im dritten Quartal eines der besten Ergebnisse aller Zeiten erzielen wird”, betonte ING-Analyst Carsten Brzeski. VP-Experte Gitzel orakelte: “Die Stunde der Wahrheit schlägt dann in den Herbst- und Wintermonaten.” Die Reaktivierung der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht könne “im Herbst zu einer Pleitewelle führen”. Zudem würden die negativen Folgen des Strukturwandels in der Fahrzeugbranche immer offensichtlicher, wo viele Autozulieferer in Not seien. “Es steht uns also über den Jahreswechsel ein explosiver Mix aus Nachwirkungen der Corona-Pandemie und strukturellen Umbrüchen bevor.”Hoffnung auf eine weitere zügige Erholung zieht Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen allerdings aus dem Umstand, dass die “von vielen befürchtete Welle an Auftragsstornierungen bisher ausgeblieben ist”. Denn nach einem Rückgang im März und April habe der Bestand an Aufträgen – insbesondere solcher aus dem Inland – zuletzt wieder zugenommen, so dass im Vergleich zum Jahresanfang derzeit gerade einmal ein Rückgang um 1,3 % zu Buche steht.Die Bundesregierung sagt für 2020 die schwerste Rezession der Nachkriegszeit voraus. Sie erwartet einen Einbruch beim BIP von 6,3 %.