NOTIERT IN TOKIO

Bohnenschleim und Bahn-Maniacs

Wegen meiner Herkunft habe ich mich in Japan selten benachteiligt gefühlt. Seitdem das Virus Sars-CoV-2 jedoch Europa fest in den Griff genommen hat, spüre ich eine Veränderung. In der S-Bahn kommt es mir so vor, als ob die Japaner die Sitzplätze...

Bohnenschleim und Bahn-Maniacs

Wegen meiner Herkunft habe ich mich in Japan selten benachteiligt gefühlt. Seitdem das Virus Sars-CoV-2 jedoch Europa fest in den Griff genommen hat, spüre ich eine Veränderung. In der S-Bahn kommt es mir so vor, als ob die Japaner die Sitzplätze neben mir meiden. Und vor der Interviewzusage bei einem Regierungsinstitut wollte man von mir wissen, ob ich kürzlich in Europa gewesen sei. Man betrachtet mich also als potenziellen Virenträger, seitdem unser Kontinent das Epizentrum der Pandemie bildet. Zugleich höre ich aus Alltagsgesprächen einen gewissen Stolz der Einheimischen heraus, dass es in Japan nur wenige Infizierte und Tote gegeben hat. Und das, obwohl die Bevölkerung mit über 28 % den weltweit höchsten Anteil von besonders gefährdeten Über-65-Jährigen aufweist.Anfangs kursierte in sozialen Medien der Verdacht, die niedrige Infektionszahl hänge mit der geringen Zahl von Tests zusammen. Aber eine hohe Sterblichkeit ließe sich kaum geheim halten. Also muss es andere Erklärungen geben. Da wären zum Beispiel die Gesichtsmasken, die schon immer verbreitet waren, aber nun zur Bürgerpflicht geworden sind, und die Sitte des Verbeugens statt des Händeschüttelns. Auch sind die Japaner generell sensibel für das Risiko von ansteckenden Krankheiten. Schon kleine Kinder waschen sich nach der Rückkehr nach Hause automatisch die Hände und gurgeln mit Jod- und ähnlichen Lösungen.Großer Beliebtheit erfreut sich die Vermutung, das japanische Immunsystem sei wegen der guten Ernährung abwehrstärker. Als Beweis führen die Nutzer die Region Ibaraki an, in der es bisher nur eine Infektion gab. Dort sind die meisten Hersteller von Natto angesiedelt. Das sind gekochte und fermentierte Sojabohnen, die beim Verrühren mit Essig und Sojasoße einen eklig-klebrigen Schleim bilden. Natto enthält die meisten K-Vitamine, die in einem Lebensmittel vorkommen, und entzündungshemmende Isoflavone. Es beugt Schlaganfällen vor und hilft laut Nationalem Krebszentrum bei Herz-Kreislauf-Problemen. Da müsste Natto doch auch Covid-19 vorbeugen, denken sich offenbar viele – jedenfalls sind die Schleimbohnen in vielen Geschäften ausverkauft. *Abgesehen von ihrer Nahrung begeistert die Japaner nichts mehr als Eisenbahnen. Den jüngsten Beweis lieferten am Samstag 350 Bahn-Maniacs, die im Morgengrauen vor einem neuen Bahnhof im Süden von Tokio Schlange standen. Als um 4.33 Uhr der erste Zug in die Station Takanawa Gateway einfuhr, klatschte die Menge auf den Bahnsteigen laut Beifall. Der Grund für ihre Freude: Zum ersten Mal seit 49 Jahren hat die berühmte Yamanote-Ringlinie der Hauptstadt einen neuen Bahnhof erhalten.Mit ihren 3,6 Millionen Passagieren täglich handelt es sich um die meistfrequentierte S-Bahnstrecke der Welt. Ihre Züge befördern jene Pendler, die auf sternförmig angelegten Zubringern aus den umliegenden Großstädten zur Arbeit nach Tokio fahren, und verteilen sie über ihren Ring in der Stadt. Auf einem Doppelgleis fahren die 200 Meter langen Bahnen mit bis zu 90 Stundenkilometern alle zwei bis fünf Minuten jeweils im und gegen den Uhrzeigersinn. Drei ihrer nun 30 Stationen sind die meistbenutzten Bahnhöfe der Welt – Shinjuku, Shibuya und Ikebukuro. Die elf Waggons halten in jedem Bahnhof immer an der gleichen Stelle, damit sich die Passagiere vorher links und rechts der jeweils sechs Türen aufstellen können, um das Ein- und Aussteigen zu beschleunigen.Der Bahnhof hat Bedeutung über die Yamanote-Linie hinaus. Der größte Bahnbetreiber JR East wird hier erstmals selbst als Stadtplaner aktiv und investiert über 500 Mrd. Yen (4,2 Mrd. Euro) in die Neubebauung eines früheren Rangierbahnhofs. Läuft alles glatt, könnte sich das Zentrum der Hauptstadt in diesem Jahrzehnt erneut verschieben – vom nordwestlichen Shinjuku in das weiter südlich gelegene Viertel Shinagawa. Von dort erreicht man den internationalen Flughafen Haneda in nur 22 Minuten. Und ab 2027 bildet Shinagawa den Ausgangspunkt für die über 500 Kilometer pro Stunde schnelle Magnetschwebebahn nach Nagoya. Tokio bleibt anscheinend immer in Bewegung.