Buchweizen, immer wieder Buchweizen
Buchweizen, immer wieder Buchweizen
Beim Klopapier gibt längst keine Unterschiede mehr zwischen Russland und dem Westen. Selbst die hinzugekommenen Eigenmarken sind doch großteils von westlicher Weichheitsqualität und nicht mehr von sowjetisch-kratziger Rauheit in Art eines dünnen Kartons.Ebenfalls unterschiedslos ist das derzeit beliebt Horten dieses Reinigungsartikels. Seit offiziell zugegeben wird, dass man doch nicht von der globalen Pandemie ausgenommen sei, stürmten auch die Einwohner von Moskau die Geschäfte. Da waren sie wieder, die elendslangen Schlangen vor den Supermarktkassen, wie man sie aus der Zeit des Wirtschaftsbooms kannte, als der Konsumwahn zu Wartezeiten von einer Stunde selbst um Mitternacht geführt hatte.Man stand und steht in Moskau natürlich nicht nur für Klopapier an, sondern für alles Haltbare, dessen dauernde Verfügbarkeit nun wieder angezweifelt wird. Und doch gibt es in diesem psychologischen Massenphänomen einen wesentlichen Unterschied zum Rest der Welt: und der heißt Buchweizen. Was den Italienern die Pasta, den Franzosen der Käse und den Bayern die Weißwurst, ist den Russen der Buchweizen. Kein anderes Grundnahrungsmittel ist so tief mit der Volksseele verwoben wie die Körner dieses Knöterichgewächses. Im Unterschied etwa zum nördlichen Balkan wird es nicht in gemahlener Form zum Kochen verwendet. In Russland ist man ursprünglicher und kocht die ganzen Körner. Gegessen werden sie entweder mit Milch zum Frühstück oder als Beilage für alles Mögliche – insbesondere Frikadellen. Nicht zufällig gilt Russland als größter Produzent von Buchweizen, zumal in den vergangenen Jahren auch große Agroholdings auf ihn setzten, was den Preis allerdings immer mehr drückte.Und so kam es in diesen Wochen, dass die Menschen ihre kulturell-kulinarische Besonderheit eben auch bei den Hamsterkäufen an den Tag legten. Ein wahrer Run auf Buchweizen fand da zwischen Moskau und Wladiwostok statt. Und selbst wenn es noch welchen in den Regalen gab, wurde in den sozialen Netzwerken Alarm geschlagen, dass es knapp werden könnte.”Was man mit aller Bestimmtheit sagen kann, ist, dass es in unserem Land, in unserem großen Buchweizenland keinen Mangel an Buchweizen geben wird”, begann kürzlich ein Kommentator der Wirtschaftszeitung “Wedomosti” seine pikante Kolumne, in der er das Nahrungsmittel als Symbol der Krise in Russland bezeichnete. Ganz offenbar, so der Kommentator, sei das gesellschaftliche Bewusstsein, besonders im Bereich des Konsums, noch von einer Generation geprägt, die mit dem Lebensmittelmangel der Sowjetzeit aufgewachsen ist. In der es in den Geschäften nur selten Buchweizen gegeben habe, zu Hause allerdings fast immer welcher gelagert war: “Das Lebensmitteltrauma aus der sowjetischen Kindheit und die Alarmglocken, die schrillen, wenn die Grütze, die Konserven und die Teigwaren nicht vom Regal fielen und das Gefrierfach sich ohne Anstrengung schließen ließ, ist aus dem Leben eines Russen der Putin-Ära noch lange nicht verschwunden.”Dass einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Levada Center zufolge drei Viertel der Russen die Sowjetzeit als die beste in der Geschichte des Landes bezeichneten, kann mit der Erfahrung des Essensmangels wohl nicht erklärt werden. Es hat vielmehr mit der in der Erinnerung gefühlten Stabilität zu tun. Denn in die Sowjetzeit zurück wünscht sich doch nur ein geringerer Teil. Wiewohl: So klein ist er auch nicht. 28 % sprachen sich dafür aus, “auf einen Weg zurückzukehren, auf dem sich die Sowjetunion bewegte”.Immerhin führe die Romantisierung der Vergangenheit nicht zum Wunsch, die sowjetische Gesellschaftsordnung wiederherzustellen, so Karina Pipija, Soziologin des Levada Center. Das würden weder diejenigen wollen, die in der UdSSR gelebt hätten, noch die postsowjetische Jugend, die denke, dass man den Zerfall der UdSSR hätte vermeiden können.Dass derzeit übrigens ein Kaufrausch bei Alkohol stattfindet, so dass der Absatz um 10 bis 20 % über dem Wert von März 2019 liegt, ist nicht der Sowjetnostalgie zuzuschreiben. Er ist praktischer Natur und durchaus rational. Die Rubel-Abwertung wird den Import nämlich bald noch mehr verteuern. Zumal die Logistik durch das Coronavirus bereits empfindlich gestört ist.