Coronakrise trifft Euro-Wirtschaft mit voller Wucht
Coronakrise trifft Euro-Wirtschaft mit voller Wucht
ms Frankfurt – Unmittelbar vor der mit Spannung erwarteten heutigen Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) haben neue Konjunkturdaten eindrucksvoll belegt, mit welcher Wucht die Coronakrise die Euro-Wirtschaft trifft. So trübte sich die Wirtschaftsstimmung im Euroraum im April wegen der Pandemie so stark ein wie nie zuvor. Zugleich beschleunigte sich die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen im März rasant – in einem nie dagewesenen Tempo. Das wiederum ließ auch das Wachstum der Geldmenge viel stärker steigen als erwartet.Die Euro-Hüter beraten heute über den weiteren Kurs. Seit Mitte März haben sie im Kampf gegen die Krise zu nie dagewesenen Maßnahmen gegriffen. So kauft das Eurosystem zwischen März und Dezember 2020 für gut 1,1 Bill. Euro Wertpapiere am Markt auf, vor allem Staatsanleihen. Zugleich stellt die EZB den Banken quasi unbegrenzt sehr günstige Liquidität bereit. Das soll vor allem die Kreditvergabe in die Wirtschaft sicherstellen. Trotzdem nehmen Spekulationen zu, dass die EZB nachlegen muss – und womöglich bereits heute neue Hilfen beschließt.Hintergrund für solche Spekulationen ist zum einen, dass sich die Euro-Politik weiter schwertut, eine gemeinsame fiskalpolitische Antwort auf die Krise zu geben. Zum anderen werden die wirtschaftlichen Folgen immer deutlicher. Die EZB selbst hält inzwischen für 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 9 % für möglich. Heute gibt es eine erste Schätzung für das Euro-BIP im ersten Quartal. Der Konsens erwartet ein Minus von rund 4 %.Gestern nun bestätigte der von der EU-Kommission erhobene Economic Sentiment Indicator (ESI) solche düsteren Szenarien. Er fiel im April um 27,2 Punkte auf 67,0 Zähler. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Erhebung im Jahr 1985. Der Indikator liegt aber noch knapp über dem Rekordtief, das er während der Weltfinanzkrise im Frühjahr 2009 erreicht hatte. Analysten hatten mit 73,1 Punkten gerechnet. Der ESI misst die Stimmung der Unternehmen und privaten Haushalte.Die Stimmungseintrübung betraf alle relevanten Wirtschaftsbereiche, besonders aber den Dienstleistungssektor. Der Indikator für die erwartete Beschäftigung fiel gar auf ein Rekordtief. Das deutet auf eine stark steigende Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten hin – was wiederum die Chancen für eine rasche Erholung schmälert. Am heutigen Donnerstag gibt es neue Arbeitslosenzahlen aus Deutschland und dem Euroraum für den Monat April. EZB-Politik im FokusUnterdessen hinterlässt die Coronakrise auch in der Kreditvergabe im Euroraum deutliche Spuren. Im März vergaben die Banken 5,4 % mehr Darlehen an Unternehmen als ein Jahr zuvor, wie die EZB gestern mitteilte. Das ist das stärkste Plus seit elf Jahren. Mehr noch: Laut KfW war das der stärkste jemals verzeichnete Tempozuwachs innerhalb eines Monats. Im Februar hatte das Plus bei 3 % gelegen. “Ich werte dies als positives Signal, denn die Banken versorgen Unternehmen mit Krediten”, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.Bereits am Dienstag hatte die vierteljährliche EZB-Kreditumfrage, der Bank Lending Survey (BLS), ein rasantes Wachstum der Kreditnachfrage der Unternehmen vermeldet, weil die Firmen in starkem Maß Notfallliquidität nachfragten. Zugleich verschärften sich demnach die Kreditstandards zwar, aber bei weitem nicht so stark wie in der Weltfinanzkrise und Euro-Schuldenkrise. Das hatte die EZB als Erfolg der bisherigen geldpolitischen und wirtschaftspolitischen Hilfen bezeichnet.In die gleiche Kerbe schlug nun auch KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib mit Blick auf die neuen Kreditdaten. “Es zeigt, dass Kreditgarantien der Regierungen, Flexibilität bei der Bankenregulierung und die reichliche Liquiditätsbereitstellung der EZB wirken. Damit wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, um die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zu begrenzen und den längerfristigen Schaden der Coronakrise zu minimieren”, sagte sie.Vor allem getrieben von der Ausweitung der Kredite wuchs auch die Geldmenge im März so stark wie seit Ende 2008 nicht mehr. Die breit gefasste Geldmenge M3 erhöhte sich laut EZB zum Vorjahresmonat um 7,5 %. Im Februar hatte der Zuwachs bei 5,5 % gelegen. Analysten hatten einen unveränderten Wert erwartet. Und auch das Wachstum der enger gefassten Geldmenge M1 legte stark an Tempo zu – von 8,1 % im Februar auf 10,3 % im März. Das schürt Konjunkturhoffnungen. Die EZB selbst hat in der Vergangenheit wiederholt die enge Beziehung zwischen dem Konjunkturzyklus und M1 betont.